Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 41/ vom

Verbindungen (wieder)herstellen

Sonntagsblatt-Sprechstunde


»Die Medikamente gegen meine Depression wirken - aber nun bin ich ganz erschlagen von den vielen guten Ratschlägen, was nun folgen soll.«

Ich habe schwere Monate hinter mir: Ich hab mich immer matt gefühlt, kam morgens kaum aus dem Bett, habe nachgegrübelt, was ich alles falsch gemacht habe in meinem Leben.

Meine Bekannten haben es kaum noch ausgehalten mit mir. Auf Rat einer Freundin habe ich mich endlich aufgerafft und bin zu einem Arzt gegangen. Der hat mir Medikamente gegen Depression verschrieben und mir auch erklärt, wie diese Botenstoffe im Gehirn wirken.

Eigentlich bin ich ganz erleichtert, dass er eine Ursache gefunden hat für meinen Zustand. Ich habe auch das Gefühl, dass es mir langsam wieder etwas besser geht. Jetzt hat mir jemand geraten, doch unbedingt auch eine Psychotherapie zu machen. Andere empfehlen Sport oder Meditieren, eine hat neulich von Musiktherapie erzählt. Ich bin ganz erschlagen von so vielen Empfehlungen.

Frau M.

Zunächst einmal denke ich, dass Sie die wichtigsten Schritte schon getan haben: Sie haben Kontakt mit einem Arzt aufgenommen, Sie haben sich getraut, mit ihm über Ihre Situation zu reden, Sie haben durch ihn Zugang zu der Krankheit »Depression« bekommen. Das ist - offensichtlich - für Sie hilfreich. Und es ist Ihnen gelungen, sich mit Vertrauen und Verständnis auf die medikamentöse Behandlung, die er ihnen vorgeschlagen hat, einzulassen.

Damit sind Sie wieder in Kontakt gekommen mit sich selbst, mit Ihrer Krankheitssituation, mit Menschen, die Ihnen helfen können. Ich glaube, dass es bei Depressionen auch darum geht, verloren gegangene Verbindungen behutsam wieder anzuknüpfen. Auch bei den anderen Empfehlungen, die Sie bekommen haben, geht es in gewisser Weise darum, verlorene oder nie so richtig entwickelte Verbindungen wieder herzustellen: Durch Sport lassen sich der eigene Körper und die körperlichen Kräfte, die in einem stecken, spüren; Musik kann helfen, die Verbindung zu anderen Menschen und zum »Rhythmus des Lebens« wiederzuentdecken; bei der Meditation geht es um einen Weg zu Gott, zu spirituellen und religiösen Quellen; in der Psychotherapie um einen neuen Zugang zur eigenen Geschichte und zu den Menschen, die sie repräsentieren.

So können auf vielen Ebenen allmählich Verknüpfungen wieder hergestellt, Verbindungen ermöglicht, Zusammenhänge entdeckt werden. Das hilft, um eine Erfahrung, wie Sie sie in Ihrer Krankheitszeit gemacht haben, besser zu bewältigen.

Aber das Tempo, in dem all diese losen Enden und offenen Geschichten wieder miteinander verknüpft werden, das ist von Person zu Person unterschiedlich.

Sie sind jetzt erschlagen von den Empfehlungen. Das ist ein wichtiges Gefühl. Jetzt ist es zu viel, alles zu machen, was die anderen für hilfreich halten. Sie werden tun, was für Sie richtig ist, in Ihrem Tempo und zu Ihrer Zeit.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Hauptstr. 67, 82327 Tutzing.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

Eine » Übersicht aller Sonntagsblatt - Sprechstunden finden Sie » hier...

 

Barbara Hauck