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Sonntagsblatt 49/ vom

Thüringische Kanzel in Franken

Die Enklave Ostheim vor der Rhön kam erst 1972 zur Landeskirche - Evangelische Insel


Konfessionelle Inseln sind auf der historischen Landkarte Bayerns keine Besonderheit. Die Kirchengemeinde Ostheim vor der Rhön allerdings war jahrzehntelang eine ganz besondere Enklave: Bis 1972 gehörte sie zur thüringischen Landeskirche, die von der bayerischen damals durch den Eisernen Vorhang getrennt war.

Die Kirchenburg Ostheim beherrscht seit knapp fünf Jahrhunderten das Stadtbild von Ostheim vor der Rhön. Das Nationaldenkmal wird als schönste und besterhaltene Kirchenburg Deutschlands bezeichnet. In ihren Mauern steht die St. Michaelskirche, umgeben von doppelten Ringmauern mit ihren Bastionen und den fünf Türmen.
Foto: Friedrich
   Die Kirchenburg Ostheim beherrscht seit knapp fünf Jahrhunderten das Stadtbild von Ostheim vor der Rhön. Das Nationaldenkmal wird als schönste und besterhaltene Kirchenburg Deutschlands bezeichnet. In ihren Mauern steht die St. Michaelskirche, umgeben von doppelten Ringmauern mit ihren Bastionen und den fünf Türmen.

Als die Ostheimer im vergangenen Jahr auf die eigene 1200-jährige Geschichte zurückblickten, hatten sie mit dem Prinzen Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach einen besonderen Schirmherren für die Festveranstaltung gewonnen. Die rund 5000 überwiegend evangelischen Einwohner Ostheims und einiger Nachbarorte, von einer katholisch geprägten Landschaft umgeben, dokumentierten damit die alten historischen Beziehungen nach Thüringen.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts lag inmitten des bayerischen Landgerichts Mellrichstadt die thüringische Enklave Ostheim. Politisch ging dieser Landstrich der Vorrhön schon bald nach Kriegsende im Freistaat Bayern auf. Weitaus langwieriger gestaltete sich die kirchliche Eingliederung dieses Gebiets, das in den Tagen der Reformation evangelisch wurde und - anders als viele andere Städte und Dörfer Unterfrankens - seinen Konfessionsstand auch in der Gegenreformation der Würzburger Fürstbischöfe behielt.

Von 1954 bis 1972 wurden die Gemeinden Ostheim, Urspringen, Sondheim und Stetten, die mit den thüringischen Orten Melpers, Frankenheim und Birx die alte Superintendentur Ostheim bildeten, von der bayerischen Landeskirche verwaltet. Die Pfarrer entsandte und beauftragte jedoch nach wie vor die thüringische Landeskirche. Schwierigkeiten bei der Besetzung der Stellen und nicht zuletzt der Besoldung führten schließlich zur vollständigen »Eingemeindung« nach Bayern. Der damalige Landesbischof Hermann Dietzfelbinger vollzog sie 1972 nach einem Gottesdienst bei einem Empfang in der Ostheimer Rathausdiele.

Wie eine Insel in der vorwiegend katholischen Umgebung lag die ehemalige Enklave Ostheim.
Foto: Friedrich
   Wie eine Insel in der vorwiegend katholischen Umgebung lag die ehemalige Enklave Ostheim.

An die Ereignisse vor dem großen Tag erinnert sich Walther Roth, von 1967 bis 1981 erster bayerischer Pfarrer in Ostheim, heute im Ruhestand in Fürth. Entlang der Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR gab es mehrere Enklaven, aber nur eine in Bayern. Die Kirchenvorsteher seien befragt worden, ob die Ostheimer Gemeinde zu Bayern oder zu Thüringen gehören wolle. Sie plädierten für Thüringen, um die Verbindung zwischen den Staaten sowohl wegen der gemeinsamen Vergangenheit als auch um der Zukunft willen zu erhalten. »In dem Beschluss lag keine Undankbarkeit gegenüber Bayern, das sich den Enklave-Gemeinden gegenüber immer großzügig verhalten hat«, betonte Roth. So fasste es die Gemeinde auch nicht negativ auf, dass trotz des anders lautenden Beschlusses im Kirchenvorstand am Ende doch die Eingliederung in die bayerische Landeskirche erfolgte.

Die Verbindungen nach Thüringen wurden trotzdem gepflegt, vor allem, seit ab 1973 ein Vertrag den so genannten Kleinen Grenzverkehr regelte. Die bayerischen Christen nutzten die neun visumsfreien Besuche in Thüringen pro Quartal. Roth erinnert sich an gemeinsame Pfarrkonferenzen und diakonische Kontakte. Ostheim mit seiner bekannten Kirchenburg und den zahlreichen Fachwerkbauten blieb weiterhin so etwas wie eine thüringische Kanzel in Franken. Wiederholt waren Oberhirten aus Eisenach, Weimar und Meiningen zu Gast, ein thüringischer Ruhestandspfarrer übernahm mehrmals Urlaubsvertretungen für seinen bayerischen Kollegen.

Klaus Loreck, von 1975 bis 1994 Dekan in Bad Neustadt, berichtet, in einigen Fällen sei es gelungen, dass Besuche von DDR-Bürgern in Unterfranken genehmigt wurden. Der Kirchenbaumeister aus Meiningen wirkte beratend an der Kirchenrenovierung in Sondheim mit. Auch nach der Wende unterhielt das Dekanat gute Kontakte mit dem Kreiskirchenamt in Meiningen.

Rege Beziehungen

Von der Sonderstellung der Enklave-Gemeinden erfuhr Loreck gleich bei seinem Amtsantritt. Der in Sondheim v. d. Rhön noch residierende Superintendent hatte ihn gebeten, die Ausnahmesituation zu beachten. Probleme ergaben sich dadurch nicht, auch wenn damals noch eigene Traditionen in Liturgie und bei der Kirchenvorstandswahl bestanden, erinnert sich der ehemalige Dekan. Bis heute werden die Kontakte nach Thüringen fortgesetzt. Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit bestehe noch, meint der Ostheimer Pfarrer Christian Schümann. Er berichtet von engen Beziehungen zur 40 Kilometer entfernten Partnergemeinde Wasungen, von einem jährlichen Predigttausch und gegenseitigen Besuchen im Gottesdienst.

Der letzte thüringische Superintendent hatte bis 1972 seinen Sitz in Sondheim. An die Herrschaft der Henneberger Grafen zwischen Thüringer Wald und Main erinnert die schwarze Henne im sächsischen Wappenschild über dem Haupteingang der Ostheimer Kirche
Foto: Friedrich
   Der letzte thüringische Superintendent hatte bis 1972 seinen Sitz in Sondheim. An die Herrschaft der Henneberger Grafen zwischen Thüringer Wald und Main erinnert die schwarze Henne im sächsischen Wappenschild über dem Haupteingang der Ostheimer Kirche

Dass Bayern und Thüringen auch auf anderer Ebene zusammenarbeiten, zeigt das gemeinsam herausgegebene Gesangbuch. Darin enthalten ist mit dem Choral »Unsern Ausgang segne Gott« (EG 163) ein Lied des Ostheimer Pfarrers Hartmann Schenck von 1680. Der Lebenslauf des geistlichen Liedermachers - er wurde 1634 in Ruhla bei Eisenach geboren und wirkte als Seelsorger auch in Bibra (heute Kreis Meiningen) und Völkershausen (Unterfranken) - führt mitten hinein in die komplizierte Geschichte eines Landstrichs, dessen Schicksal es zu sein scheint, stets Durchgangsgebiet am Rande größerer Auseinandersetzungen zu sein. Sichtbare Zeichen dafür sind bis heute Kirchenburgen und Wehrkirchen, die in Rhön und Grabfeld besonders häufig anzutreffen sind.

Die meisten, wie die Ostheimer, entstanden im Hochmittelalter, das in diesem Gebiet vor allem von den Auseinandersetzungen der Erben des Bonifatius in Würzburg und Fulda geprägt war. Als der Bischof von Würzburg den Abt von Fulda in einer Schlacht besiegte und in »Verwahrung« nahm, fielen die seit rund 500 Jahren fuldischen Dörfer des Amtes Lichtenberg 1366 an die Landgrafen von Thüringen. In der Folgezeit waren sie Spielball bei Finanzgeschäften und Gebietsabrundungen geistlicher und weltlicher Herrschaften, ehe mit dem Verkauf des Amtes Lichtenberg an die Grafen von Henneberg 1433/35 die »geschichtlichen Voraussetzungen für den Fortbestand der evangelischen Kirche in den Orten der Enklave« geschaffen wurden, wie der Urspringener Pfarrer Karl Zeitel schreibt.

1548 wurde in Urspringen die erste lutherische Predigt gehalten, kam nach Stetten ein lutherischer Pfarrer. Sondheim und Urspringen erhielten fünf Jahre später reformatorische Geistliche. Die Verbindungen zu Henneberg-Römhild, das nach dem Verkauf an die Grafen von Mansfeld 1555 im Herzogtum Sachsen-Weimar und 1921 in Thüringen weiterlebte, ist für Besucher bis heute sichtbar: Die Henne im sächsischen Wappenschild findet sich in Kirche und Rathaus von Ostheim ebenso wie im alten Amtsstand der Kirche in Sondheim und an der Wetterfahne auf dem Stettener Kirchturm.

  In der nächsten Woche stellen wir den einzigen Ort Bayerns vor, der ausschließlich aus Diakonie besteht.

SERIE

Stätten protestantischer Geschichte in Bayern

 

Alle Folgen der Serie » Stätten protestantischer Geschichte in Bayern und weitere Informationen finden Sie » hier...

 

INFORMATION

Adressen

  Pfarramt Ostheim v. d. Rhön, Kirchstraße 12, 97645 Ostheim, Tel.: (09777) 661.

  Orgelbaumuseum Schloss Hanstein, Paulinenstraße 20, 97645 Ostheim, Tel.: (09777)1743,  www.rhoenlinie.de/museum.

  E-Mail: orgelbaumuseum@ostheim.de.

  Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertage 13 bis 17 Uhr, Führungen nach Vereinbarung.

Literaturtipps

  Klaus Loreck (Hg.), Dekanat Bad Neustadt an der Saale. Ursprung und Leben evangelischer Gemeinden in Rhön und Grabfeld, Erlangen 1984.

  Albrecht Schübel, Das Evangelium in Mainfranken. Geschichte einer Diaspora, München 1958.

Beate Krämer