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Sonntagsblatt 52/ vom

Der Wachszieher am Dom

Franz Fürst leitet das letzte Kerzengeschäft mit eigener Werkstatt in München / »Als Familie unschlagbar«


Kneipen, Hutmacher, Schuster, Floristen - kleine Läden und ihre Besitzer beleben jedes Stadtviertel. Und obwohl der klassische Laden immer stärker von Discountern und Marktketten verdrängt wird, gibt es kreative und mutige Menschen, die sich auf ihr Handwerk verlassen. »Mein Laden - mein Leben« heißt ein neues Buch, das kuriose und traditionsreiche Münchner Geschäfte vorstellt.

Verwirrende Kerzenvielfalt: Beim »Wachszieher« gibt es Kerzen in allen Formen und Größen.
Foto: Lisa Fuhr
   Verwirrende Kerzenvielfalt: Beim »Wachszieher« gibt es Kerzen in allen Formen und Größen.

Ein Traditionsbetrieb wie das Kerzenspezialgeschäft von Franz Fürst gegenüber dem Dom in der Altstadt hat heute einen besonderen Seltenheitswert. Über einhundertfünfzig Jahre hinweg dokumentiert der Betrieb nicht nur die Entwicklung des Handwerks, sondern spiegelt auch Münchner Geschichte in oft stürmischen Zeiten.

Das Geschäft ist heute das einzige Kerzenfachgeschäft in München mit einer eigenen Wachszieherei - wo sonst steht dem Kunden noch ein waschechter Wachsziehermeister gegenüber, der bereitwillig alle Fragen zur Herstellung, Beschriftung oder Verzierung von Kerzen beantwortet? Schließlich gibt es Traditionskerzen, Taufkerzen, Kommunionskerzen, Hochzeitskerzen, Geschenkkerzen, Kerzen in gepresster Ausführung und gezogene Kerzen - Kerzen in verwirrender Vielfalt.

Aber wer denkt beim Kauf schon darüber nach, ob die moderne und farblich aufgepeppte Formenkerze zwar ein wunderschönes Geschenk ist, aber »vom Brennverhalten her schrecklich, weil eine Kerze nur dann optimal brennt, wenn sie eine runde Form hat.« Wer achtet bei den zum Küchenalltag gehörenden Haushalts- oder Tischkerzen außer auf preisliche Vorteile darauf, ob sie »gepresst oder gezogen« sind, was »massive Unterschiede« macht bei Brenndauer, Stabilität und Leuchtkraft?

Gepresst oder gezogen?

Auf interessierte Fragen des Kunden verrät Franz Fürst mit viel Esprit einiges über die Finessen und Feinheiten der Kerzenproduktion: »Bei einer gepressten Kerze wird Parafinpulver in einer Form unter hohem Druck zusammengepresst und dann in flüssigem Wachs zwei-, bis dreimal getaucht, damit sie Stabilität bekommt.« Maschinen können in der Stunde je nach Größe zwischen 1.000 und 8.000 solcher Kerzen produzieren. Bei gezogenen Kerzen dagegen wird der Docht durch ein flüssiges heißes Wachsbad gezogen, nimmt dabei einen halben Millimeter Schicht auf, und das wird so oft wiederholt, dass sich Schicht für Schicht um den Docht herumlegt. Dabei entstehen kleine Lufteinschlüsse, durch die sich das Licht besser fortsetzen kann und die Kerze stärker in sich leuchtet. Doch Franz Fürst ist Geschäftsmann genug um zu wissen, dass man sich für einen gewinnbringenden Umsatz auch nach den Wünschen der Kundschaft richten muss: »Manche schauen auf den Preis und sagen, ich brauch halt nur eine preiswerte Kerze, egal, wie sie brennt - dann bekommt er sie selbstverständlich auch bei mir.«

Seit 1986 führt Franz Fürst den Betrieb und sieht sich dabei durchaus als Vertreter der Familientraditon: »Praktisch schräg gegenüber dem heutigen Geschäft, in der Sporerstraße 4 direkt am Dom, gründete 1862 Joseph Luckner die Wachszieherei. Bei ihm arbeitete mein Urgroßvater Franz Xaver Sagmüller als Geselle, der den Betrieb später übernahm, ihn ausbaute und mit ihm umzog in die Sporerstraße 2, gleich im Haus nebenan.« Dessen Tochter Anna Sagmüller heiratete den Buchdruckmeister Josef Fürst.

Josef Fürst lernte um, machte seine Wachsziehermeisterprüfung und übernahm den Laden mit der Kellerwerkstatt. Der Betrieb überstand den Ersten Weltkrieg unbeschadet, aber während des Zweiten Weltkriegs, am 7. Januar 1945, wurden Laden und Werkstatt bei einem Luftangriff von Brandbomben in Schutt und Asche gelegt. Großmutter Anna Fürst baute den Laden gemeinsam mit ihren Kindern Annemarie und Walter wieder auf, und 1954 konnte die Familie zurück an ihren Ursprung, gegenüber dem Dom, ziehen.

Die Werkstatt mit der Wachszieherei hat seit dem Ruhestand des Vaters der Bruder von Franz Fürst übernommen: »Wir arbeiten Hand in Hand. Er ist der Hersteller, ich bin das Einzelhandelsgeschäft.« Als Service wird dem Kunden das individuelle Anfertigen von Kerzen angeboten, ein spezieller Bereich, in dem Ehefrau Zdenka »Furore« macht, wie es Franz Fürst ausdrückt. Den Erfolg des Unternehmens sieht Franz Fürst auch im Zusammenhalt eines Familienbetriebs. »Wenn jeder sein Bestes gibt, dann ist man als Familie ein unschlagbares Team.«

BUCHTIPP

Lisa Fuhr / Ursula Jeshel, Mein Laden - mein Leben. Handel und Wandel in München, Buchendorfer Verlag, München 2005, 117 Seiten, ISBN 3-937090-10-X, 16.80 Euro.

Ursula Jeshel