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Sonntagsblatt 01/ vom

Es begab sich aber...

Erzähltes Weihnachtsevangelium im Neuen Testament

Von Otfried Hofius

Die Weihnachtserzählungen in den Evangelien sind keine Reportagen, die bis in alle Details das historische Geschehen berichten. Sie sind aber auch nicht nur Legenden, die den Leser lediglich erbauen wollen. Den Texten geht es um viel mehr: um das Evangelium des menschgewordenen Gottes.

Michelangelo Caravaggio: »Heilige Familie« (Ausschnitt), 1604. Berlin, Gemäldegalerie.
Foto: sob
   Michelangelo Caravaggio: »Heilige Familie« (Ausschnitt), 1604. Berlin, Gemäldegalerie.

Das Weihnachtsevangelium kommt im Neuen Testament auf unterschiedliche Weise zur Sprache. Während es im Johannes­evangelium und in den Briefen in lehrhaften oder auch in hymnischen Aussagen bezeugt wird (z.B. Johannes 1,1-18; Galater 4,4+5; Philipper 2,6-8; 1. Johannes 4,9+10; Hebräer 2,5-18), begegnet es bei den Evangelisten Matthäus und Lukas in der Gestalt von Erzählungen (s. besonders Matthäus 1,18-25; 2,1-12 und Lukas 1,26-38; 2,1-20). Diese Erzählungen haben einen ganz eigentümlichen Charakter. Sie sind einerseits keine Reportagen, die bis in die Einzelheiten hinein mitteilen wollen, was »historisch« genau geschehen ist. Und sie sind andererseits keine Legenden, die den Leser lediglich erbauen oder über allgemeine religiöse Wahrheiten belehren sollen. Es handelt sich vielmehr um erzähltes Christuszeugnis.

Das heißt: Die Evangelisten stellen den Lesern vor Augen, wer das Kind ist, das in der Heiligen Nacht geboren wird, und was Gott uns Menschen mit ihm geschenkt hat. Dabei reden sie nicht von einer Gestalt der Vergangenheit und also nicht von einem Toten, sondern von dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, der »gestern und heute und in Ewigkeit derselbe« ist (Hebräer 13,8).

Mit dem eigentümlichen Charakter der Erzählungen hängt unlöslich der Anspruch zusammen, dass ihr Christuszeugnis auf göttlicher Offenbarung beruht und nicht etwa das Ergebnis menschlichen Deutens und Spekulierens ist. Es ist der gewichtigste Ausdruck dieses Anspruchs, wenn in den Berichten der Engel des Herrn erscheint und eine Botschaft bringt, die aus der Welt Gottes kommt. Die Wahrheit der Erzählungen will demzufolge in dem gefunden werden, was in ihnen über Jesus Christus gesagt wird.

Lukasevangelium

IM LUKASEVANGELIUM schildert zunächst die Erzählung 1,26-38 die Ankündigung der Geburt Jesu, die durch den Engel Gabriel an Maria, ein verlobtes junges Mädchen aus Nazareth in Galiläa, ergeht. Wie alle Menschen, so gehört auch Maria zu der vor Gott verlorenen Menschheit. Gott aber hat sie in seiner Gnade dazu erwählt, den zur Welt zu bringen, der seinem Ursprung und Wesen nach der Sohn Gottes ist.

Der von Gott selbst bestimmte Name »Jesus« bedeutet »Gott hilft«, und er kennzeichnet das Kind Marias als den »Retter« schlechthin, als die Hilfe Gottes in Person. Als dieser Retter ist Jesus der im Alten Testament (Jesaja 9,5+6) verheißene Messias.

Er ist es allerdings, wie Lukas in Apostelgeschichte 2,29-36 ausdrücklich darlegt, in einer Weise, die das im Alten Testament Gesagte unvergleichlich übersteigt. Der Thron des Messias Jesus steht nicht in Jerusalem, sondern er hat seinen Ort im Himmel, wo der erhöhte Herr zur Rechten seines Vaters sitzt. Entsprechend ist die Rettung, die er bringt, nicht die Befreiung von irdischen Feinden und die Aufrichtung eines weltlichen Reiches, sondern die Erlösung aus der Macht der Sünde und die Gewährung der ewigen Seligkeit (Lukas 19,10; Apostelgeschichte 4,12; 10,43).

Die missverstandene Maria

Diesen Messias kann die Menschheit, kann deshalb auch das Haus Davids nicht hervorbringen und »in die Welt setzen«. Nach der entscheidenden Ankündigung des Engels in V. 35 ist es allein das Werk der Schöpfermacht Gottes, wenn sein Sohn als ein Mensch zur Welt kommt und eine irdisch-geschichtliche Existenz annimmt. Maria gibt angesichts der ihr widerfahrenen Erwählung die demütige Antwort: »Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.«

Diese Worte sind zutiefst missverstanden, wenn man in ihnen die Zustimmung Marias erblickt, die das Kommen des Retters allererst möglich macht. Der Engel Gabriel stellt Maria ja nicht vor eine Frage und er macht ihr auch kein Angebot, sondern er teilt ihr eine Entscheidung Gottes mit, durch die bereits über sie verfügt ist. Ihre Worte sind Ausdruck des Glaubens, dass Gott erfüllen wird, was der Engel gesagt hat (vgl. Lukas 1,45). Von der Erfüllung handelt dann die bekannte Weihnachtsgeschichte Lukas 2,1-20, die ihr Zentrum in den Versen 8-14 hat. Der Engel des Herrn verkündigt den Hirten die »große Freude«, dass für sie und ganz Israel, dass damit zugleich aber auch für alle Menschen der »Heiland« - der »Retter« - geboren ist: der Messias und Herr, der Juden und Heiden die Vergebung der Sünden bringt und sie so in die heilvolle Gemeinschaft mit Gott führt (vgl. Lukas 2,25-32).

Dieses Geschehen preisen die himmlischen Heerscharen mit ihrem Lobgesang: »Herrlichkeit eignet Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens.« Das meint: Gott, der Hohe und Erhabene, erweist sich darin als herrlich, dass er sich zu den Menschen in der Tiefe herabneigt und ihnen in Jesus sein Heil schenkt. Angesichts dessen bleibt den Lesern des Evangeliums nur eines: die Botschaft zu hören, die der Engel des Herrn kundtut, und mit den Hirten zur Krippe zu gehen, um den Retter zu finden und Gott für seine Gabe zu preisen.

Matthäusevangelium

DER EVANGELIST MATTHÄUS spricht in der Erzählung 1,18-25 von dem Geheimnis und Wunder der Geburt Jesu Christi. Der Engel des Herrn erscheint Josef im Traum, um ihm von Gott her zu offenbaren, was es mit der Schwangerschaft Marias, seiner Verlobten, auf sich hat. Auch hier hören wir, dass sich die Geburt Jesu ausschließlich dem Wirken des Heiligen Geistes verdankt. Und auch hier ist die Erklärung darin zu suchen, dass die vor Gott verlorene Menschheit den im Alten Testament verheißenen Erlöser nicht hervorbringen konnte. Seine Einzigartigkeit zeigen die Namen an, die er trägt. Er heißt »Jesus«, weil er »sein Volk von ihren Sünden erretten« und damit das tun wird, was nach Psalm 130,8 allein der Gott Israels zu tun vermag. Und er heißt »Immanuel« - »Gott ist mit uns« -, weil in seiner Person und in seinem Wirken Gott selbst heilschaffend gegenwärtig ist. Die Frage, wie die Rettung von den Sünden geschieht, erfährt in der Passionsgeschichte des Matthäus ihre Antwort: Sie geschieht dadurch, dass der Sohn Gottes »zur Vergebung der Sünden« am Kreuz stirbt (26,28) und so den Menschen die Möglichkeit eröffnet, in das »Himmelreich« einzugehen, d.h. bei Gott eine ewige Heimat zu finden.

In dem großen Erzählzusammenhang Mat­thäus 2,1-23 liegt ein besonderer Akzent auf dem Bericht von der Huldigung der heidnischen Sterndeuter vor dem Messiaskind (V. 1-12). Die Huldigung gilt dem in Bethlehem geborenen »König der Juden«, von dem die Verheißung Micha 5,1+3 sagt, dass er das Volk Gottes als ein guter Hirte führen und leiten werde.

Der Evangelist sieht hier nicht ein irdisches Königtum und eine weltliche Herrschaft angekündigt. Der verheißene König ist Jesus vielmehr als der, der für Juden und Heiden den Weg an das Kreuz geht (Matthäus 21,1-9; 27,11.37), und zu seinem Hirtenamt gehört ganz wesentlich die in 1,21 angekündigte Errettung von den Sünden. Dem Missionsbefehl Matthäus 28,18-20 zufolge ist diesem König und Hirten als dem auferstandenen Herrn alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben. Ihn zu suchen und zu finden, ihm anbetend zu huldigen und gehorsam zu dienen - dazu lädt die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland die Leser des Matthäusevangeliums ein.

  Unser Autor Otfried Hofius ist seit 1980 Professor für Neues Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen.