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Sonntagsblatt 06/ vom

Was wird aus den Christen?

Nach dem Sieg der radikalen Hamas in Palästina - wie die Christen reagieren

Von Helmut Frank

Für die arabische Welt ist der Regierungswechsel im Palästinensischen Autonomiegebiet beispiellos. Die mal als Sozialverein, mal als Terrorgruppe agierende Hamas errang bei einer ordentlichen Wahl die absolute Mehrheit, zum ersten Mal haben die Palästinenser damit eine demokratisch legitimierte Volksvertretung. Bei allen Vorbehalten: Die Palästinensische Autonomie ist damit ein Vorreiter der Demokratie in der arabischen Welt.

Die radikal-islamische Hamas hat jedoch nach ihrem überwältigenden Wahlsieg selbst sofort klargestellt, dass Demokratisierung nicht gleichbedeutend ist mit einer Öffnung für westliche Werte wie Toleranz und Gewaltfreiheit. Die Hamas - übrigens in den 80er Jahren von Israel als Gegengewicht gegen die ungeliebte PLO gefördert - wurde als Organisation gewählt, die eine totale Islamisierung der Gesellschaft anstrebt.

Hamas-Führer Scheich Mohammed Abu Tir stellte bereits klar, dass die Scharia Grundlage für die legislative Arbeit der Hamas sein werde. Die Lehrpläne an den Schulen sollen islamischer gestaltet und Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet werden. Die Frauen im Land werden sich wohl bald auf iranische Verhältnisse einstellen müssen.

Christen - und auch säkulare Moslems - befürchten nun, dass ihnen eine islamische Gesellschaftsordnung aufgezwungen wird. Der Mehrheit der palästinensischen Christen mache der Islamisierungskurs der Hamas Angst, schreibt Mitri Raheb, Pfarrer in Bethlehem, in einem Rundbrief. Er ruft deshalb die Christen dazu auf, den Umbruch mitzugestalten. Aufgabe der Christen sei jetzt, der palästinensischen Gesellschaft eine spirituelle Dimension und eine neue Vision zu geben. »Dafür werden wir jetzt gebraucht.«

Ob die Hamas-Leute die Christen wirklich brauchen können, ist zweifelhaft. Immerhin verbreiten die Vertreter der Hamas eine Aura der Integrität und Ehrlichkeit, während die vom Westen geförderten Fatah-Vertreter Korruption und Vetternwirtschaft verkörperten. Schon deshalb haben im christlichen Beit Sahur 700 Christen für die Hamas gestimmt. Und im Gazastreifen hat sich der orthodoxe Christ Hussam al-Tawil für die Hamas-Liste aufstellen lassen. 30 Jahre lang, so vertraute er dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira an, habe er im CVJM mitgearbeitet und war dreimal sogar Vorstandsmitglied.

Gleich nach der Wahl bemühte sich Hamas-Führer Osama Hamdan die Christen zu beruhigen: »Es wird ihnen nichts geschehen!« Die Beschwichtigung klingt eher wie eine Drohung. Ein palästinensischer Pastor, der viele Kontakte zu seinen moslemischen Volksgenossen pflegt, hofft verhaltener: »Die Welt hat ein Auge auf uns. Und wenn es zur Verfolgung kommen sollte, dann bedeutet das eine Erweckung für uns. So war das immer.«