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Sonntagsblatt 06/ vom

Sagen Sie mal, Josua...

Interviews mit Personen der Bibel (156)


Wie der Heerführer über die Jahreslosung für 2006 und den aktuellen Nahostkonflikt denkt.

Illustrierte Schriftrolle des Josua. Byzantinische Malerei aus dem 10. Jahrhundert. Rom, Vatikanische Bibliothek.
Foto: sob
   Illustrierte Schriftrolle des Josua. Byzantinische Malerei aus dem 10. Jahrhundert. Rom, Vatikanische Bibliothek.

  ...ich bin sehr irritiert: Sicherlich erinnern Sie sich daran, dass ich Sie bereits interviewt habe. Das ist noch gar nicht so lange her. Und jetzt haben Sie mich hierher bestellt.

Josua: Es tut mir Leid, aber ich musste Sie einfach sprechen. Mein Thema ist es wert, in Ihrer Zeitung behandelt zu werden. Es geht um den Weltfrieden!

  Große Worte, Herr Josua. Wollen Sie uns etwa erklären, wie wir auf der Welt den Frieden herstellen können?

Josua: Nein. Aber ich möchte darum werben, dass gerade Sie als Christen sensibel werden für die brisante Lage im Nahen Osten.

  Ich bitte Sie, das sind wir doch! Sie kennen doch die Artikel über die Lage in Israel, in Palästina und in den besetzten Gebieten? Leidenschaftlich setzen wir uns ein für das Existenzrecht Israels wie eines Staates Palästina. Freilich geht das nur, wenn die islamistische neue palästinensische Regierung auch den Frieden will.

Josua: Schon sind wir am Knackpunkt. So leicht ist es nicht, wie Sie meinen. Natürlich müssen alle Parteien den Frieden wollen. Aber die Sache ist doch etwas komplizierter. Womit nahm denn Ihrer Meinung nach der Unfriede seinen Lauf?

  Auf die Neugründung des Staates Israel haben die arabischen Nachbarn mit Kriegen reagiert. Aber nach den grausamen Erfahrungen des Holocaust musste es doch ein Land geben, in dem die Juden sicher leben können!

Josua: Da stimme ich Ihnen zu. Jedoch irren Sie, dass der Ursprung der Gewalt, die nun wieder zu eskalieren droht, ihren Anfang im Jahr 1949 nahm. Das war sehr sehr viel früher. Vor über 3000 Jahren. Das müssen Sie mir glauben, denn ich war dabei.

  Als Nachfolger des verstorbenen Mose, der das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei durch die Wüste ins gelobte Land geführt hatte...

Josua: ...und als Heerführer. Sicher, Gott hatte uns dieses Land verheißen. Aber immer wieder habe ich mich gefragt: Was ist mit den Menschen, die hier wohnen, zwischen dem Libanon und dem roten Meer, zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan? Dass Gott uns Land geschenkt hatte, heißt doch zwangsläufig, dass er den dort wohnenden Menschen Land nehmen wollte! Diesen Widerspruch habe ich immer gesehen und nie verstanden. Denn wie wir Israeliten uns das Land genommen haben, geschah nicht immer auf friedliche Art und Weise.

  Aber Gott war auf Ihrer Seite!

Josua: Seltsamerweise, ja. Auf unserer - und nicht auf der Seite der unschuldigen Landbevölkerung, die sich dann unserem Volk unterwerfen musste.

  Okay, Sie haben es uns jetzt erklärt und neu sensibilisiert dafür, dass das Pulverfass im Nahen Osten eine tausende Jahre zurückliegende Vorgeschichte hat. Im Prinzip haben wir das aber schon gewusst.

Josua: Vielleicht. Aber Sie sind noch nicht sensibel genug dafür. Das sehe ich an Ihrer Jahreslosung, die Sie quasi als Zuspruch für 2006 gewählt haben. Ein Satz übrigens, den Gott an mich gerichtet hat.

  »Ich lasse Dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht« lautet sie. Was ist damit?

Josua: Wenn Sie sensibel wären, hätten Sie lautstark Protest erhoben. Wie können Sie denn einen Satz wählen, mit dem Israel Gottes Beistand für die Unterjochung der Bevölkerung Palästinas erhalten hat? Einen Satz, den ich zeitlebens nicht wirklich verstanden habe?

  Er steht in der Bibel!

Josua: Dann bitte ich darum, künftig sorgsamer mit biblischen Zitaten umzugehen. Reißen Sie nicht schöne Sätze aus einem unschönen Zusammenhang. Bedenken Sie, in welchen Situationen sie gesagt wurden, sonst verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit!

Eine » Übersicht aller Interviews mit Personen der Bibel finden Sie » hier...

 

ZUR PERSON

Kurz nachdem Mose das Volk der Hebräer aus Ägypten geführt hatte, bestimmte er JOSUA (»Gott ist Erlösung«) zum Befehlshaber im Kampf gegen die feindlichen Amalektiter. Er war erfolgreich - und diente Mose während der Wüstenzeit als engster Verbündeter. Als einziger durfte Josua Mose auf den Gottesberg Sinai begleiten. Nach Mose Tod beauftragte Gott Josua damit, als dessen Nachfolger dem Volk Israel vorzustehen. Im »gelobten Land« teilte er das Land unter den zwölf Stämmen Israels auf. Josua wurde 110 Jahre alt und wurde im Bergland von Efraim beerdigt. (Ein weiteres Interview mit Josua finden Sie » hier.)

QUELLE: Quelle: Buch Josua 1,5 (Nachschlagen bei   bibel-online.net:  Josua 1

 

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Interview: Uwe Birnstein