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Sonntagsblatt 15/ vom

Ein Kreuz mit dem Kreuz?

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Warum das Symbol der Christenheit kein »Symbol eines Leidenskultes« ist, sondern dazu anstiftet, durch alles Leiden, alle Schmerzen und alle Gewalt hindurch das Leben auszurufen.

Vor ein paar Wochen hörte ich eine Vortragsreihe über Grundfragen unseres Glaubens. An einem Abend hieß das Thema »Das Kreuz mit dem Kreuz«. Die Referentin meinte, zwar sei das Kreuz das zentrale Symbol des Christentums, sie könne aber dennoch wenig damit anfangen, denn es habe eine negative Ausstrahlung.

Seither frage ich mich, ob dieses Zeichen mit Recht in der Mitte unseres Glaubens steht. Ruft es nicht tatsächlich einen Leidenskult hervor? Sind nicht tatsächlich Menschen immer wieder dazu ermahnt worden, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und sich geduldig in ihr Leiden zu fügen? Und aufgefordert worden, die Fleischeslust und andere vitale Bedürfnisse zu kreuzigen?

Ich zögere sehr, so weit zu gehen wie die Referentin jenes Abends. Alles über Bord zu werfen, was einmal missbraucht wurde und auch heute noch dem Missbrauch ausgeliefert ist, das scheint mir zu einfach. Dennoch sehne ich mich und suche nach einem Zugang, den ich bejahen kann. Einen Zugang, der nicht nur Leiden, Schmerzen und Gewalt beinhaltet.

Frau I.

Wenn sich die Christenheit seit nunmehr zweitausend Jahren immer wieder das Kreuz vor Augen hält, dann heißt das: Wir schauen nicht weg. Auch wenn es weh tut. Wir verschließen unsere Augen nicht vor diesem Teil der Wirklichkeit. Wir verschließen sie auch nicht vor den entsetzlichen Kapiteln der eigenen Geschichte. Wir lassen den Schmerz an uns heran und wenden uns nicht ab.

Wenn man die Passionsgeschichten genauer liest, kann man noch etwas entdecken. In diesem so dunklen Geschehen gibt es ein paar helle Punkte. Da bittet Jesus für seine Mörder »Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« (Lukas 23,34). Einem der beiden Verbrecher, die man mit ihm aufgehängt hat und der sich an ihn wendet, verspricht er: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.« (Lukas 23,43). Da steht ein Hauptmann unter dem Kreuz und erkennt plötzlich die Wahrheit: »Dieser ist Gottes Sohn gewesen« (Matthäus 15,39).

Ein paar Punkte, an denen Leiden, Schmerzen und Gewalt durchlässig werden. Die Todeswelt ist nicht alles. Mitten im Tod beginnt der Tod des Todes. Hier liegt der Grund dafür, dass die Christen schon bald noch einen anderen Zugang zum Kreuz gefunden haben. Sie sahen in ihm nicht mehr nur das Symbol des Leidens, das Folterinstrument der römischen Weltmacht. Den »Baum des Lebens« nannten sie das Kreuz. »Baum des Lebens, schönster Baum«, heißt es in einem alten Kirchenlied, »deine Schande ist vergangen, deine purpurfarbenen Zweige/rufen jetzt das Leben aus.«

Darum geht es. Auch wenn manche es zur Zerstörung oder Selbstzerstörung nutzen möchten, das Kreuz Jesu ruft das Leben aus. Dazu will es anstiften. Durch alles Leiden, alle Schmerzen und alle Gewalt hindurch das Leben auszurufen. Und das ist keine »negative« Ausstrahlung, es ist die Ausstrahlung von Ostern, von Reich Gottes, von Auferstehung.

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Barbara Hauck

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Waldemar Pisarski

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