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Sonntagsblatt 16/ vom

Kritische Würdigung einer Lebensleistung

Wie die bayerische Landeskirche Hans Meisers, eines »widersprüchlichen Bischofs«, gedenken will


Die Diskussion um die richtige Form der Würdigung des früheren Landesbischofs Hans Meiser (1881 ? 1956), dessen 50. Todestag am 8. Juni dieses Jahres ist, schlägt immer neue Volten.

Bischof Meiser auf Inspektionsreise in den 30er-Jahren.
Foto: sob
   »Heil Bischof Meiser!« - so begrüßte das Kirchenvolk Landesbischof Hans Meiser auf Inspektionsreise in den 30er-Jahren.

Die Nürnberger Nachrichten fordern in einem Kommentar, die »Bischof-Meiser-Straße« umzubenennen. Ein geplanter Gedenkgottesdienst in Nürnberg ist für den mindestens im lokalen Bereich als moralische Autorität geltenden Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Arno Hamburger, Anlass zu folgender Aussage: »Man hat einen Menschen wiederbelebt, über den am besten der Mantel des Schweigens gehüllt geblieben wäre, und damit alte Wunden aufgerissen.«

Hamberger ist empört über Meisers Zitat vom »ewigen Juden«, auf dem bis ans Ende der Welt ein Fluch laste. Und ein Mitarbeiter des Nürnberger Stadtarchivs äußert sich mit Entsetzen über eine »rassistische« Artikelserie Meisers von 1926 im damaligen Evangelischen Gemeindeblatt für Nürnberg, so als ob diese Meiserzitate bisher noch gar nicht bekannt seien.

Der Leiter des Nürnberger Stadtarchivs, Michael Dieffenbacher, rechnet damit, dass der Stadtrat eine Untersuchung der Rolle des Bischofs während der NS-Zeit in Auftrag gebe, und will dann Empfehlung über den weiteren Umgang mit der Meiserstraße aussprechen.

Dabei wird über Meiser seit Jahrzehnten geforscht und räsoniert. Auch seine antisemitischen Äußerungen sind der kirchenhistorischen Forschung und einer interessierten Öffentlichkeit seit langem bekannt (ausführlichst dazu unter anderem im Sonntagsblatt: » Unseres Führers allergetreueste Opposition« und » Irritierende Kontinuität«).

Landesbischof Johannes Friedrich machte gegenüber dem Sonntagsblatt deutlich, dass es der Landeskirche nie um Beschönigung, sondern stets um eine kritische Würdigung eines widersprüchlichen Bischofs gegangen sei, wobei man immer »den ganzen Menschen in den Blick nehme«. Der Gedenk-Gottesdienst sei keine Jubel-Veranstaltung, sondern eher ein »Bedenk-Gottesdienst«.

Übrigens hatte sich die bayerische Landeskirche schon einmal, 1998, mit einem Antrag auf Umbenennung der Meiserstraße (damals: der Meiserstraße in München) zu befassen (obgleich Straßenbenennnungen gar nicht Sache der Kirche sind). Die ablehnende Stellungnahme des Landeskirchenrats lautete in ihrem zentralen Satz: »Die Lebensleistung Meisers ist nicht an seinen Äußerungen von 1926 (gemeint: zur Judenfrage) zu messen, zumal sie ambivalent sind.« ? Noch vor Ostern wird, dem Vernehmen nach, Bischof Friedrich sich zur neuerlichen Diskussion um die Rolle seines Amtsvorgängers offiziell äußern.

 

sob