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Sonntagsblatt 24/ vom

Kämpfer ohne Kampf

Sonntagsblatt-Sprechstunde


»Nach seiner überstandenen Krebserkrankung ist mein Mann überhaupt nicht froh, sondern sitzt nur zuhause und ist mit nichts zufrieden...«

Mein Mann hat eine jahrelange Krebserkrankung hinter sich. Nach den letzten Kontrolluntersuchungen hat ihm der Arzt gesagt, dass keine weiteren Behandlungen nötig sind. Alles ist in Ordnung.

Ich bin so froh darüber. Endlich können wir wieder ein normales Leben führen, und die schlimmen Ängste sind vorbei, die ich ausgestanden habe.

Aber meinem Mann geht es schlecht. Während der Krankheit hat er gekämpft wie ein Löwe, hat alles gemacht, hat nie aufgegeben. Jetzt sitzt er zu Hause, schimpft auf die Ärzte, ist mit nichts zufrieden, will nicht in den Urlaub fahren. Dabei muss er doch auch froh sein, dass es ihm jetzt gut geht.

Frau T.

Was Sie beschreiben, klingt für mich, als hätten Sie einen Kämpfer zu Hause, der auf einmal nichts mehr zu bekämpfen hat. Alles in Ihrem Mann ist noch auf Kampf ausgerichtet. Jahrelang war diese Haltung überlebenswichtig. Ich stelle mir vor, dass bei ihm alles Denken und Fühlen auf diesen Kampf gegen die schwere körperliche Krankheit eingestellt war.

Höchste Wachsamkeit war geboten, wenn wieder irgendwo ein Schmerz, ein neues Symptom, eine Auffälligkeit wahrzunehmen war. Er durfte keinen Moment schwach werden oder klein beigeben. Da war kein Raum für Gefühle, kein Platz für Ängste (die haben, vielleicht an seiner Stelle, Sie gehabt...). All das hätte nur gestört im Kampf. Und nun?

Einer, der so etwas durchgemacht hat, schreibt in einem Erfahrungsbericht: »Nun kotzt sich die Seele aus. Verlangt ihr Recht. Fordert endlich Beachtung von dem, der einfach verlernt hat, Gefühle überhaupt noch zuzulassen. Die Seele hat Nachholbedarf. Und sägt und bohrt und saugt uns leer.«

Hilfreich sind in dieser Situation Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Hilfreich ist - vielleicht im Rahmen einer Kur - Zeit und Raum, um die Seele nachkommen zu lassen, endlich zu hören, was sie zu sagen hat und so lange nicht sagen durfte. Hilfreich ist, sich die Schwäche zu erlauben, für die so lange kein Platz war.

Was bedeutet das für Angehörige? Sie erleben zunächst mal eine Enttäuschung: Es ist noch nicht wieder gut, das Leben ist noch nicht »normal«, der Weg ist noch nicht zu Ende. Aber Zweifel, Depressionen, vielleicht auch Wut sind ein weiterer wichtiger Schritt zu dem Ziel, die Erfahrung der schweren Krankheit ins Leben zu integrieren.

Und vielleicht ist auch etwas anderes noch wichtig: Während der Zeit, in der Ihr Mann wie ein Löwe gegen seine Krankheit gekämpft hat, haben Sie eine Menge von den Ängsten gespürt und mitgetragen, denen Ihr Mann keinen Platz einräumen konnte. Nun, wo es für ihn darum geht, etwas von dem in ihm noch nicht Bewältigten auszuhalten und nachkommen zu lassen, können Sie innerlich wissen und sich daran halten, dass ein großes Stück auf diesem Weg bereits geschafft ist.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

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Waldemar Pisarski

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Barbara Hauck