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Sonntagsblatt 24/ vom

Sagen Sie mal, Micha...

Interviews mit Personen der Bibel (174)


... was wahre Freundschaft ist

Jan van Eyck, Genter Altar, 1432, Altar des Mystischen Lammes, Micha, Kathedrale St. Bavo.
Foto: sob
   Jan van Eyck, Genter Altar, 1432, Altar des Mystischen Lammes, Micha, Kathedrale St. Bavo.

  Mögen Sie es nicht, wenn Menschen sich begeistern für den sportlichen Wettkampf?

Micha: Wie kommen Sie denn darauf?

  Sie fallen dem Organisationskomitee der Weltmeisterschaft in den Rücken.

Micha: Der Reihe nach, bitte. Ich bin ein Prophet, der vor fast 3000 Jahren gewirkt hat. Womit bin ich Ihrer Weltmeisterschaft in den Rücken gefallen?

  Mit Ihrem Spruch »Niemand verlasse sich auf einen Freund!«. Seit Monaten bemühen wir uns, der ganzen Welt Freund zu sein - und Sie streuen unseren Gästen Zweifel in den Kopf!

Micha: Jetzt verstehe ich. Damals hatte ich eine Vision, wie es in einem gottlosen Land aussehen würde. In einem Land, aus dem die frommen Leute geflohen sind, in dem die Gewaltigen nach ihrem Mutwillen reden und in dem die Menschen nur darauf lauern, dem anderen einen Strick zu drehen.

  Eine schreckliche Vorstellung.

Micha: Ja. Um in solch einer gottlosen Gesellschaft überleben zu können, gab ich meinen Zeitgenossen Tipps. Unter anderem diese: »Niemand glaube seinem Nächsten, niemand verlasse sich auf einen Freund! Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft!«

  Deprimierende Ratschläge.

Micha: Absolut. Aber bedenken Sie bitte: Diese Ratschläge entspringen einer bestimmten Situation. Deshalb müssen Sie sie sich auch nicht zu Herzen nehmen - und dürfen sie auch nicht auf die Gesellschaft beziehen, in der Sie leben.

  Ich bin beruhigt. Gleich werde ich den Beckenbauer Franz anrufen und ihm sagen: »Du, der Micha hat's gar nicht so gemeint!« Dürfte ich ihm vorschlagen, Sie in die PR-Aktion mit einzubeziehen? Sie könnten der Weltmeisterschaft quasi biblischen Segen spenden, wenn Sie unseren Weltmeister-Gästen sagen: »Auf eure deutschen Freunde könnt ihr euch verlassen!«

Micha: Moment, so schnell lasse ich mich nicht vereinnahmen. Ich hoffe natürlich und wünsche es jedem, dass er sich auf seinen Freund oder seine Freundin verlassen kann. Vertrauen entspräche ja dem Wesen der Freundschaft! Freunde sind ein Gottesgeschenk.

  Schön formuliert haben Sie das!

Micha: Gleichzeitig mahne ich aber auch, das Geschenk nicht zur Billigware umzudeuten. Freundschaft und Vertrauen müssen reifen. Erst wenn Menschen durch Dick und Dünn miteinander gegangen sind, wenn sie die Erfahrung gemacht haben: »Auf den - oder die - kann ich mich verlassen« - dann können wir von Freundschaft reden. Wie lautet doch gleich der Slogan der Weltmeisterschaft?

  »Die Welt zu Gast bei Freunden.«

Micha: Sehen Sie, genau das meine ich: Dieser Spruch sagt gar nichts. Man kann doch nicht einfach behaupten, dass man Freund sei! Sie kennen doch den Vittorio aus Italien, die Roberta aus Rio, den Mitsuo aus Japan und den Asamoah aus Gabun gar nicht! Wie können Sie da behaupten, Sie seien deren Freund? Ich halte das für reichlich überzogen und damit unglaubwürdig.

  Mist. Dann muss ich dem Franz doch sagen, Sie stehen nicht auf seiner Seite.

Micha: Er muss es doch nur etwas anders formulieren. So etwa: »Wir wollen gute Gastgeber sein« - oder »Wir werden Sie mit Vertrauen empfangen«. Daraus können ja später durchaus Freundschaften entstehen. Aber bitte: Übertreiben Sie nicht. Man kann nicht die ganze Welt zu Freunden erklären. Das glaubt einem doch keiner. Und erfahrungsgemäß ist in jedem Leben nur Platz und Zeit für ein, zwei wirklich gute Freunde.

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ZUR PERSON

MICHA: Die Weissagungen des Propheten Micha (hebr., »Wer ist wie der Herr?«) sind im gleichnamigen Buch festgehalten. Im 8. Jahrhundert v. Chr. machte er besonders auf soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam und prophezeite eine künftige Heilszeit.

QUELLE: Quelle: Micha 7,5. (Nachschlagen bei  » bibel-online.net:  Mi. 7,5)

 

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Interview: Uwe Birnstein