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Sonntagsblatt 24/ vom

Ironische Nabelschau

Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg fragt: »Was ist deutsch?«


Die Frage allein ist mutig, und noch vor Jahren hätte man sie mit dem »Igitt«-Siegel versehen und wieder gut weggesperrt. Heute kann man sie zwar ins Zentrum einer gewaltigen Ausstellung platzieren, aber immer noch nicht beantworten. Also: »Was ist deutsch?«

Deutscher Stolz: die »Germania« aus der Frankfurter Paulskirche.
Foto: GMN
   Deutscher Stolz: die »Germania« aus der Frankfurter Paulskirche.

Wer bis zum 3. Oktober das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg besucht - und wenn es je eine Ausstellung gab, deren Besuch man jedem Bewohner dieses Landes anraten mag, dann diese -, bekommt alles andere als vorgestanzte Museumsweisheiten auf die doch so zugespitzt gestellte Frage. »Wir haben versucht, keine Antworten zu geben«, sagt denn auch Ausstellungsmacher Matthias Hamann in einer Mischung aus entwaffnender Direktheit und augenzwinkernder Bescheidenheit, denn natürlich gibt die Schau durch die Blume ganz viele Antworten, die sich aber in jedem Besucherkopf zu einem anderen Mosaik zusammensetzen müssen.

Der entscheidende Kniff in der Konzeption ist die stete ironische Brechung. Fünf Themenfelder - Geist, Charakter, Glaube, Sehnsucht und Vaterland - versammeln in sich ein Sammelsurium deutscher oder typisch deutscher oder nur vermeintlich typisch deutscher Weltbausteine, vom Tempo-Taschentuch über Wagners originale »Meistersinger«-Partitur bis zur Pickelhaube.

Deutsche Helden: Sandmännchen und Gartenzwerg in trauter Eintracht.
Foto: GMN
   Deutsche Helden: Sandmännchen und Gartenzwerg in trauter Eintracht.

Stolz plustert sich der deutsche Geist Kants und Lessings auf, um auf der anderen Seite der Ausstellungstafel in sich zusammenzufallen, wo ohne weiteren Kommentar Diskussionsthemen aus dem deutschen Privat-TV aufgereiht sind (»Ich bin eine Schlampe - na und?«). Ehrwürdig prangen die deutschen Tugenden an einer angedeuteten Säulenhalle. Die Pünktlichkeit, zum Beispiel! Hier symbolisiert durch das Zuglaufschild von IC 923 von Berlin nach München, des meistverspäteten Fernverkehrszuges der Republik.

Kurzum, die Ausstellung ist eine wahre Freude, weil sie keine gar zu klassische Bildungsreise, sondern eine abenteuerliche Entdeckungsfahrt offeriert. Die kluge Ausstellungsarchitektur setzt die rund 700 Exponate in vielerlei unverhoffte Beziehungen zueinander. So ist's kein Zufall, dass sich Karl Friedrich Schinkels deutscher Traum von der »Gotischen Kirche auf einem Felsen am Meer« und Harald Metzkes albtraumatisches »Fenster zum Pariser Platz«, entstanden im nationalen Wiedervereinigungstaumel, gegenüberhängen. Ausgangspunkt in der Abteilung »Glaube«, in der es um die konfessionelle Prägung Deutschlands und die Ausgrenzung seiner jüdischen Minderheit geht, sind die Schriften Luthers, und medizinmännische Federketten haben hier ebenso ihren Platz wie »zwölf Zigarettendosen mit orientalischen Motiven«.

Deutscher Wahn: die Pickelhaube als Symbol des preußisch-deutschen Militarismus.
Foto: GMN
   Deutscher Wahn: die Pickelhaube als Symbol des preußisch-deutschen Militarismus.

Der berühmteste Deutsche, der ja bekanntlich aus Braunau am Inn stammt (das wiede­rum zu Österreich gehört, was im Sinne der Ausstellung aber unerheblich ist), kommt auch vor, und er blickt sogar im Zimmer der Sehnsucht hinüber gen Vaterland. Aber seine Bronzebüste, für die Dauer der Schau aus dem Giftschrank des Museums geholt, steht rabenschwarz in einer abgeschlossenen Vitrine, und nur wer es wagt, den Lichtknopf zu drücken, kann ihm überhaupt auf den schwarzen Unternasenbart sehen.

Genauso schwarz ist übrigens im Nachbarzimmer auch die Wandgruppe Holocaust, sie steht mitten im Vaterland, und wie auch immer man sich dreht und wendet zwischen idyllischen Heimatpostkarten und Freiheitsdevotionalien aus zwei Jahrhunderten, man kommt nicht an ihr vorbei.

  »Was ist deutsch?« - Noch bis zum 3. Oktober im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Öffnungszeiten: Di bis So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr. Infos im Internet unter  www.was-ist-deutsch.info

 

 

Thomas Greif