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Sonntagsblatt 34/ vom

Den Kopf frei gekriegt

2496 Kilometer in 73 Tagen: Josef Heirich ging den Jakobspilgerweg von Königsbrunn nach Santiago


In der Schweiz regnete es sieben Tage lang. Nach 1700 Kilometern Fußmarsch waren die Schuhe durchgelaufen. Doch Josef Heirich hat sich nicht von seinem Ziel abbringen lassen: das Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela und »das Ende der Welt« am Cabo de Finisterre - er ging den Weg in einer Etappe.

Die Jakobsmuschel im Wappen der Pilgerstadt: Josef Heirich kam nach 73 Tagen in Santiago de Compostela an.
Foto: Privat
   Die Jakobsmuschel im Wappen der Pilgerstadt: Josef Heirich kam nach 73 Tagen in Santiago de Compostela an.

Rückblickend ist Josef Heirich dankbar, dass er »seinen Weg« gehen konnte. Er denkt an die vielen schönen Erlebnisse, aber auch daran, wo ihm das Schicksal übel mitgespielt hat. Schon in der Schweiz schmerzten dem Pilger nach einigen Tagen entlang abschüssiger Wege die Sehnen der Füße. An einem steilen Hang im französischen Zentralmassiv verlor er die Gewalt über seinen Gepäckanhänger, der ihn mehrere Meter weit mitriss. Schürfwunden und ein gebrochener Haltegriff waren das Ergebnis.

Um so mehr freute er sich über die einmaligen Erlebnisse seines Gewaltmarsches. Am 23. April verabschiedete sich der noch 57-Jährige im schwäbischen Königsbrunn von seinen Freunden und Bekannten. Ein Fernsehfilm brachte ihn auf den Geschmack des Jakobsweges. Gut ein Jahr lang hatte er sich vorbereitet, mehrere Führer gelesen und sich mit Pilgern unterhalten. Als Marathonläufer wollte er den Weg an einem Stück gehen. Die Gepäckfrage klärte der Ingenieur, indem er einen zweirädrigen Wagen »erfand«, den er sich um den Leib schnallen konnte, um die Hände frei zu haben. Diese Eigenkonstruktion testete und verbesserte er auf mehrtägigen Märschen in der Region.

Am Zürichsee stieß Heirich auf den ersten Pilger. Beim Mittagessen hat ihm ein Schweizer nach einem ausführlichen Gespräch über das Vorhaben ein »Trinkgeld« mitgegeben. Dafür solle Heirich in Santiago für ihn beten.

Seit rund 1000 Jahren beginnen viele Pilger ab dem französischen Le Puy en Velay im Südosten des Massif Central (Departement Haute-Loire) ihren Weg. An der spanischen Grenze werde die Pilgergemeinde international, stellte er fest. Schätzungsweise 100 Pilger hätten dort täglich Kurs auf Santiago genommen. Übernachtet wurde zumeist in Refugios für fünf Euro pro Nacht. Männer und Frauen nächtigen in denselben Räumen mit meist acht bis 50 Stockbetten. Ab 22 Uhr ist dort Zapfenstreich, gegen fünf Uhr stehen die ersten Pilger auf, dann ist die Nachtruhe vorbei, erzählt Heirich. »Vielfach wird gegen 18 Uhr eine Pilgermesse gelesen. Da sind teilweise nur zwei oder drei Pilger dabei. Das waren ganz besondere Erfahrungen«, meinte Heirich rückblickend.

Heirich marschierte 73 Tage lang. Er konnte sein Tempo selbst bestimmen und sich mit vielen Leuten unterhalten. »Die Gespräche waren sehr persönlich, viele Pilger standen an einem Wendepunkt, einem Neubeginn«, erzählt Heirich. Als typischer Ausdruck blieb ihm der Satz in Erinnerung: »Wenn ich zurückkomme,...«.

So unterschiedlich wie die Menschen waren ihre Beweggründe: »Da waren Leute, die sich getrennt haben oder den Tod eines nahen Angehörigen bewältigten. Ich habe Menschen erlebt, die gerade eine langwierige oder bedrohliche Krankheit überwunden haben. Oder andere, die - wie ich - einen neuen Lebensabschnitt als Ruheständler begonnen haben«, sagt Heirich. Mit einigen Leuten sei er einige Minuten, mit anderen Stunden oder wieder anderen einige Tage zusammen gelaufen. Immer wieder hätten sich die Wege der Pilger gekreuzt. »Man isst miteinander und teilt sich das Zimmer. Da entsteht ein Stück gemeinsamer Weg und Lebensweg«, erinnert sich Heirich.

Rund zweihundert Kilometer vor Santiago de Compostela wurde er von den duftenden Eukalyptuswäldern empfangen. In der Stadt dann Kommerz und Pilgerrummel. Heirich blieb nur einen Tag dort, besuchte die Kathedrale und staunte über das 50 Kilogramm schwere Weihrauchfass, das von sechs Männern an einem langen Seil geschwenkt wird.

Josef Heirich in Santiago de Compostela.
Foto: Privat
   Josef Heirich in Santiago de Compostela.

Der Weg führte ihn rund 100 Kilometer weiter, zum Cabo de Finisterre, dem Ende der Welt. Hier sollen die Gebeine Jakobus des Älteren an Land gelangt sein. Erst da sei der Pilgerweg für ihn zu Ende gewesen. »Viele Pilger verbrennen dort ihre Kleidung, als Zeichen dafür, was sie hinter sich lassen wollen«, weiß Heirich. Für ihn war etwas anderes wichtig: »Ich habe meinen Kopf frei gekriegt von vielem, was mich bislang bedrückt hat. Die Zeit hat mich gegenüber anderen Menschen toleranter werden lassen. Ich bin gespannt, wie lange ich von diesen Erlebnissen profitieren kann. Vergessen werde ich sie nie.«

 

 

Lutz Neumann