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Sonntagsblatt 34/ vom

»Entsunkenes Licht« angeln

Sonntagsblatt-Sprechstunde


»Wie erreiche ich meine Frau, die an einer schweren Depression leidet?«

Meine Frau leidet seit Monaten an einer schweren Depression. Es hat sich langsam angekündigt, mit Schlaflosigkeit und Unentschlossenheit und dem Gefühl, dass sie gar nicht richtig weiß, wozu sie eigentlich auf der Welt ist.

Alles Gute, was ich ihr sagen wollte, hat sie irgendwie nicht erreicht. Dabei haben wir ein gutes Leben, wir lieben einander, und es ist für mich wichtig, dass sie weiß, dass ich auch in schweren Tagen zu ihr halte.

Auf Rat des Arztes war sie acht Wochen in der Klinik; nächste Woche wird sie nach Hause kommen. Ich weiß, dass sie mich braucht - aber ich bin mir unsicher, wie es jetzt weitergeht: Ich will, dass sie spürt, dass ich ihr nahe bin, aber ich will mich nicht mit runterziehen lassen.

Herr M.

Manchmal haben es Angehörige von depressiv erkrankten Menschen noch schwerer als die Erkrankten selbst. Die können in eine Klinik gehen, haben Gespräche, kriegen Empfehlungen, Sport zu treiben oder Medikamente zu nehmen. Die Angehörigen fühlen sich oft ziemlich alleine. Sie müssen aktiv den Alltag bewältigen - und haben es zugleich mit einem Menschen zu tun, der unerreichbar erscheint.

Sie haben diese Erfahrung gemacht; und dennoch ist es gut, dass Sie da sind. Weil Sie etwas wissen und verkörpern von dem Schönen und Gemeinsamen, was sie beide verbindet und was Ihrer Frau im Moment kaum zugänglich ist. Sich das innerlich präsent zu halten, hilft, so eine schwierige Zeit gemeinsam zu überstehen. Aber wo ist Ihr Platz?

Pablo Neruda hat ein Gedicht geschrieben, das mir in diesem Zusammenhang einfällt, weil es ein Bild bietet für die Situation des Erkrankten und seiner Angehörigen: Sinkt jeder Tag / hinab in jeder Nacht/ so gib's einen Brunnen/ der drunten die Helligkeit hält. / Man muss an dem Rand des Brunnendunkels hocken / entsunkenes Licht zu angeln - mit Geduld.

Als Erkrankte ist Ihre Frau auch wie in einen Brunnen gefallen. Sie kann das Licht von außen - und auch das Licht in der Tiefe, von dem Neruda so ­poetisch redet und von dem Sie beide wissen, wenn Sie um ihre Verbundenheit wissen und das gute Leben, das Sie miteinander geteilt haben - zwar vielleicht noch sehen, aber sie kann es im Moment nicht erreichen.

Ihr Platz als Angehöriger ist dabei nicht mit im Brunnen oder ganz woanders, sondern »am Rand des Brunnendunkels«. Dieses »am Rand« heißt: Sie können manches sehen und wenn möglich auch genießen, was Ihrer Partnerin im Moment nicht zugänglich ist - und Sie sollen es auch genießen. Sie können sich mit anderen dort am Rand verständigen und in Kontakt sein; Sie sollen, Sie müssen auch für sich sorgen, sich Schönes gönnen, ab und an. Für Ihre Partnerin ist es gut, wenn Sie als Begleiter sichtbar bleiben, am Rand des Brunnens, sich nicht zu weit entfernen.

Und für Sie beide gilt: entsunkenes Licht zu angeln - mit Geduld.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Hauptstr. 67, 82327 Tutzing.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Barbara Hauck