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Sonntagsblatt 36/ vom

Dem Ärger Luft verschaffen?

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Weder missachten, noch überbewerten: Gefühle sind wichtig, sollen aber nicht allein unser Leben und Tun bestimmen.

Ich habe neulich an einem Seminar über Gefühle teilgenommen. Dabei habe ich gelernt, dass unsere Gefühle nicht zu bewerten sind. Für mich, der ich mein starkes Temperament immer unterdrückt habe, war dies eine Befreiung.

Ich habe also meinem Ärger Luft verschafft. Zu Hause, aber auch am Arbeitsplatz. Eine starke Sprache, großes Volumen, ausladende Gesten. Dabei machte ich allerdings die Erfahrung, dass mein Befreiungserleben bei den anderen ganz eigenartig ankam. »Spinnst du?« oder »Was ist denn mit dir passiert?« waren dabei noch die mildesten Reaktionen.

Ein Beispiel: Ein Kollege redet mich zornig an, weil ich angeblich meinen Verpflichtungen nicht nachgekommen bin. Ich denke an mein Seminar und »feuere« zurück. Er solle sich gefälligst nicht aufregen und überhaupt... Ein Wort gibt das andere, und das Ganze endet fast in einer Schlägerei.

Was ist nun verkehrt? Bin ich verkehrt? Oder ist unser gutes Bildungswerk verkehrt, das uns diesen Schmarrn beigebracht hat?

Herr A.

Oder aber Sie sind beide richtig, aber es ist etwas passiert, was bei Befreiungserlebnissen leicht geschieht. Die Entdeckerfreude geht mit einem durch und richtet Schaden an. Sie haben gehört, Ärger müsse man nicht unterdrücken, und mit dieser Information gingen Sie auf die Menschheit los. Ergebnis: siehe oben.

Lassen Sie mich bitte noch einmal zusammenzufassen, was es mit unseren Gefühlen auf sich hat:

  Erstens: Ja, Gefühle sind nicht zu bewerten. So als gäbe es gute oder schlechte. »Fische schwimmen, Vögel fliegen und Menschen fühlen« (Haim Ginott). Genauso ist es.

  Zweitens: Gefühle dürfen nicht missachtet, aber auch nicht überbewertet werden. Wir unterdrücken sie nicht, sie sollen aber nicht unser Leben bestimmen.

  Drittens: Die wichtigste Frage heißt: Was wollen wir, und wofür entscheiden wir uns? Deswegen sagt die Bibel wenig über Gefühle, aber viel über unser Reden, Denken und Tun.

Es gilt also, Gefühle wahrzunehmen und ernst zu nehmen, dann aber zu entscheiden, was wir mit ihnen machen wollen.

Manchmal ist ein Gefühlsausbruch in Ordnung. Er wirkt wie ein reinigendes Gewitter. Ein anderes Mal ist es besser zu dosieren und nicht alles herauszufeuern.

Übrigens: Für den Tag, an dem Ihr Brief ankam, war in den Herrnhuter Losungen, unserem evangelischen Andachtsbuch, ein Wort aus den Sprüchen Salomos bestimmt: »Eine linde Antwort stillt den Zorn, aber ein hartes Wort erregt Grimm« (15,1).

Ein hilfreicher Impuls, wenn Sie an die Auseinandersetzung mit Ihrem Kollegen denken?

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Hauptstr. 67, 82327 Tutzing.

Waldemar Pisarski

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