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Sonntagsblatt 52/ vom

Mein Weihnachtswunsch: kein Alkohol mehr

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Waren die Hirten auf dem Felde auch »keine Unschuldslämmer«? Von den erfindungsreichen Argumenten alkoholkranker Menschen.

Mein Mann trinkt täglich mehrere Biere und meist noch ein paar Schnäpse dazu. In der Regel ist er dabei relativ friedlich. Dennoch kommt es immer wieder zu hässlichen Szenen zwischen uns. Vor allem dann, wenn ich ihm Vorwürfe mache. Dann fängt er an, sich zu verteidigen, und das Ganze schaukelt sich hoch. Schnell sind wir im bösesten Streit.

Mein großer Weihnachtswunsch ist, das sage ich ihm immer wieder, dass er mit dem Trinken aufhört. Er antwortet dann, dass die Hirten auf dem Felde sicher auch keine Unschuldslämmer gewesen seien. Bei den kalten Nächten sei gewiss so manches Schlückchen ihre Kehle hinuntergelaufen. Und dennoch sei ihnen der Heiland erschienen. Ich bin bei solchen Sätzen ganz entwaffnet. Mittlerweile habe ich richtig Angst, dass er das Ganze gesundheitlich nicht verkraftet. Was kann ich tun? Meine Ehe will ich nicht aufgeben.

Frau K.

Süchtige Menschen neigen dazu, ihre Abhängigkeit zu verharmlosen. Sie können dabei kreativ und originell sein. Wie Ihr Mann die Weihnachtsgeschichte deutet, das ist nicht ohne Witz und Charme. Das kann einen schon entwaffnen. Dennoch: Es dient dazu, die Sucht am Leben zu halten. Dazu und zu nichts anderem.

Was können Sie tun? Vorwürfe, Sie erleben es ja immer wieder, helfen nicht weiter. Versuchen Sie, mit Ihrem Mann in ein ruhiges Gespräch zu kommen. Ein Gespräch, in dem Sie von sich sprechen, also in der Ich-Form. Sagen Sie ihm, dass Sie ihn lieb haben (so verstehe ich jedenfalls Ihren letzten Satz) und dass Sie sich deshalb Sorgen machen. Schildern Sie ihm, wie Ihre Angst aussieht.

Und dann hören Sie ihm zu. Zeigen Sie Interesse daran, wie es ihm geht, wie er sich selbst erlebt und wie er sein Trinken sieht. Vielleicht bekommen Sie eine Ahnung davon, was sich dahinter verbirgt.

Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, und Alkoholabhängige brauchen, wie Menschen mit anderen Krankheiten auch, kompetente Hilfe. Die wichtigsten Organisationen dafür sind die »Anonymen Alkoholiker«, das »Blaue Kreuz« und der »Kreuzbund« (Adressen und Ansprechpartner finden Sie im Telefonbuch oder via Internet). Neben einer Einzelberatung kommt auch eine Selbsthilfegruppe in Betracht. Das große Problem dabei: Erst wenn Ihr Mann sein Trinken als Krankheit erkennt, wird er Hilfe annehmen können. Es muss also sein Weihnachtswunsch sein.

Wenn Ihre Gespräche mit ihm nicht weiterführen, sollten Sie an sich denken. Die Organisation Al-Anon bietet Angehörigen von Alkoholikern Unterstützung und Beratung an.

Und dieses Weihnachtsgeschenk können Sie sich selbst machen.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Deutenbacher Str. 1, 90547 Stein - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Herzog-Wilhelm-Str. 24, 80331 München.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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Waldemar Pisarski