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Sonntagsblatt 04/ vom

Strömendes Bewusstsein

Zum 125. Geburtstag des Dichters James Joyce


Er sei der »von allen modernen Autoren der am meisten zitierte und der am wenigsten gelesene«, hat der Kritiker Günter Blöcker 1957 über James Joyce geschrieben: ein bis heute zutreffendes Urteil. Aber noch immer belohnt Joyce seine Entdecker aufs großzügigste.

James Joyce auf einem um 1930 entstandenen Portrait.
Foto: epd-bild
   James Joyce auf einem um 1930 entstandenen Portrait.

Viel zitiert, aber schwierig und wenig gelesen - an diesem Urteil über den irischen Schriftsteller James Joyce, dessen 125. Geburtstag am 2. Februar gefeiert wird, hat sich auch 50 Jahre später wenig geändert. Doch die Zahl der Joyce-Kenner ist gestiegen, und daran haben gerade in Deutschland die Verlage, besonders Suhrkamp, starken Anteil.

Es gibt neue, den Originalen näher kommende Übersetzungen. Vor allem die »Ulysses«-Übertragung ins Deutsche von Hans Wollschläger, erstmals 1975 erschienen, gilt als Meilenstein. Joyce-Biografien und Kommentare versuchen, das schwierige Werk auch für den durchschnittlichen Leser zu erschließen.

Mit »Dubliner« beginnen

Dieser Versuch lohnt sich, und er sollte, darin sind sich die meisten Joyce-Exegeten einig, mit »Dubliner« beginnen. In dem Band finden sich die frühen Erzählungen aus Joyce's Geburtsstadt. Er endet mit der wunderbaren Geschichte »Die Toten«, die John Huston 1987 verfilmte.

James Augustine Aloysius Joyce wurde am 2. Februar 1882 in Dublin geboren. Er stammte aus einer zunehmend verarmenden Mittelstandsfamilie und einem streng katholischen Milieu, von dem er sich später immer mehr löste. Von 1898 an studierte er in Dublin europäische Literatur. In diese Zeit fallen auch seine ersten literarischen Versuche. Von 1904 an lebte er mit Nora Barnacle zusammen, 1905 wurde Sohn Giorgio geboren, 1907 Tochter Lucia. James und Nora heirateten erst 1931, aus erbrechtlichen Gründen. Nora überlebte ihren Mann um zehn Jahre, er starb 1941, sie 1951, beide in Zürich.

Joyce führte ein unruhiges Leben, meist von Geldnot bedrängt, die später durch Mäzene gemildert wurde. Er wechselte häufig seine Wohnorte, pendelte vor allem zwischen Triest, Paris und Zürich. 1912 war er das letzte Mal in Dublin.

Aber die Stadt blieb trotzdem das Zentrum seines literarischen Werkes, das nach und nach ab 1914 erschien: »Dubliner«, »Stephen der Held«, »Ein Porträt des Künstlers als junger Mann«, das Theaterstück »Verbannte« und 1922 »Ulysses«.

Die Verlage taten sich schwer mit Joyce's Büchern, die als kompliziert oder gar unlesbar galten. »Ulysses« wurde darüber hinaus als obszön abgestempelt, was in den USA zu Prozessen führte. Erst 1933 gaben die dortigen Behörden den Roman frei.

»Finnegans Wake« und »Ulysses«

1939 schließlich erschien »Finnegans Wake«, ein Werk, in dem Joyce eine neue Sprache schuf, zusammengesetzt aus vielen anderen Sprachen. Joyce baute englische und Wörter aus Dutzenden weiterer Sprachen um, neu zusammen, trennte und mischte, so dass sich beim Lesen immer wieder neue - keineswegs beliebige - Bedeutungen ergeben. Ein geheimnisvolles Abbild der Welt - und unübersetzbar. Jede Übersetzung ist unweigerlich der Versuch einer Nachdichtung. Joyce hat dieses Buch mit Hilfe immer stärkerer Lupen seiner Augenkrankheit abgerungen. Seit 1917 musste er elf Operationen über sich ergehen lassen.

Sein Hauptwerk aber bleibt der »Ulysses«. Über ihn sagte Joyce nicht ohne Koketterie: »Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren jahrhundertelang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe, und nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.«

Dabei erscheint die Struktur relativ einfach. Protagonist des umfangreichen Romans ist Leopold Bloom, Ire und Jude, ein moderner Ulysses, der durch Dublin wandert wie Odysseus einst durch den Mittelmeerraum. Die Geschichte spielt an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, der als »Bloomsday« alljährlich in Dublin mit einem Volksfest gefeiert wird. Blooms Wanderung durch Dublin ist eine Irrfahrt, eine Höllenfahrt. Sie endet wie die Odyssee mit der Heimkehr, bei Homer zu Penelope, bei Joyce zu Molly Bloom. Ihr innerer Monolog über 75 Seiten, ein Bewusstseinsstrom ohne Satzzeichen, ist in die Literaturgeschichte eingegangen.

 

 

Wilhelm Roth