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Sonntagsblatt 15/ vom

Leben bis zuletzt

Ein Tabu bricht: Es wird Zeit, qualifizierte Sterbebegleitung auch in Alten- und Pflegeheimen einzuführen

Von Lutz Taubert

»Sterbebegleitung« - viel wird darüber gesprochen, doch wo sonst als in den Hospizen wird sie tatsächlich und sachkundig praktiziert? Die bayerische Diakonie ist nun dabei - in einer bundesweit erst- und einmaligen Initiative -, eine qualifizierte Sterbebegleitung auch in ihren Heimen und ambulanten Stationen einzuführen. Ein erster Kurs der »Initiative Hospizarbeit und Palliativ Care« für Mitarbeitende in der Diakonie wurde jetzt abgeschlossen.

Im Kreis von Familienangehörigen zu Hause zu sterben, ist in den Augen vieler ein »guter Tod«. Doch die Realität sieht anders aus: Das Leben vieler Menschen endet im Alten- oder Pflegeheim. Sterbebegleitung wird dort wichtiger.
Foto: epd-bild
   Im Kreis von Familienangehörigen zu Hause zu sterben, ist in den Augen vieler ein »guter Tod«. Doch die Realität sieht anders aus: Das Leben vieler Menschen endet im Alten- oder Pflegeheim. Sterbebegleitung wird dort wichtiger.

Es ist eine merkwürdige Sache mit einem Tabu, das bricht: Auf der einen Seite wird übers Sterben landauf, landab gesprochen und geschrieben, als ob das Thema nicht schon seit Menschengedenken bekannt sei.

In Talkshows werden die Augenbrauen interessiert nach oben gezogen, wenn das Sterben eines Einzelnen breit und in sensationsheischender Eifrigkeit geschildert und beredet wird.

Der Tod auf einer Intensivstation, umgeben von Schläuchen und Maschinen, macht Angst. Die heftige gesellschaftsweite Diskussion um eine (aktive oder passive) Sterbehilfe wird wohl vor allem aus dieser Angst vor einem Tod in Schmerzen und Einsamkeit genährt.

Ein Thema, das jeden zuallerletzt höchstpersönlich angeht: Wo, wie, unter welchen Umständen werde ich, möchte ich sterben?

Andererseits findet »Sterbebegleitung« konkret und qualifiziert eben noch nicht statt, jedenfalls noch nicht genügend. Es ist das Verdienst der Hospizbewegung, auf diesen Umstand hingewiesen und darauf reagiert zu haben. Hospize sind die Einrichtungen, in denen Sterbebegleitung geschieht. Daneben gibt es Palliativ-Stationen in Krankenhäusern oder Heimen. Doch in der Summe ist dieses »Angebot« immer noch sehr gering: Heute kommen auf 1 Million Einwohner in Deutschland erst 17 Palliativ- und Hospizbetten. Dreimal so viele wäre der tatsächliche Bedarf, hat die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Hospiz ausgerechnet.

Sterbebegleitung in Heimen - Sterben »in Begleitung vertrauter Menschen«.
Foto: DW Bayern
   Sterbebegleitung in Heimen - Sterben »in Begleitung vertrauter Menschen«.

Aber womöglich wäre das gar nicht der richtige Weg, allenthalben Hospize als manifeste Endstation des Lebens einzurichten? Denn gestorben wird - in der Mehrzahl - woanders: Etwa 70 Prozent aller Sterbefälle ereignen sich nach Schätzungen des Diakonischen Werks Bayern - eine Sterbestatistik gibt es nicht - in stationären Einrichtungen, in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Insbesondere Menschen, die in ein Pflegeheim einziehen, sterben dort auch.

Man mag dieses Sterben in Heimen und Krankenhäusern bedauern, weil es im Widerspruch zu dem steht, was Menschen sich wünschen, wenn man sie nach ihrem eigenen Sterben fragt: Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber solchen Umfragen zu einem Tabu kann wohl als sicher gelten, dass eine absolute Mehrheit von über 90 Prozent den Wunsch hat, »zu Hause und in Begleitung vertrauter Menschen« zu sterben.

Die beiden Zahlenbefunde Sterbestatistik und Wunsch nach Sterbebegleitung zusammengesehen, lassen eigentlich nur folgenden Schluss zu: Die meisten Menschen sterben unter Umständen, die sie sich nicht wünschen. Genau da aber setzt die Diakonie mit ihrer »Initiative Hospizarbeit und Palliativ Care« an. Die Idee der Hospizbewegung soll in die Alten- und Pflegeheime einziehen, Sterbebegleitung ein selbstverständliches Angebot in den Einrichtungen der Diakonie werden.

Gerüstet für ein menschenwürdiges Sterben und Abschiednehmen.
Foto: DW Bayern
   Gerüstet für ein menschenwürdiges Sterben und Abschiednehmen.

»Wir wollen ein menschenwürdiges Sterben und Abschiednehmen ermöglichen«, sagt Pfarrer Frank Kittelberger von der »Projektstelle Hospizarbeit« in der Abteilung Altenpflege der Inneren Mission München, der den Diakonie-Kurs leitete. Die Teilnehmer der ersten Projektwerkstatt haben nun das Rüstzeug in der Hand, die anspruchsvolle Aufgabe »Sterbebegleitung« in ihren Einrichtungen einzuführen, im Jargon der Sozialmanager: »zu implementieren«.

Auch dieses: Gelassenheit anbieten

Was aber macht gute, richtige, ja eine wenn man so will: »evangelische Sterbebegleitung« aus? Eine Einengung auf kompetente Seelsorge allein will Kittelberger nicht gelten lassen. Er nennt folgende Kriterien, denen eine palliative Betreuung in Heimen der Diakonie folgen sollte: Sie soll »Menschen bis zuletzt in Würde begleiten, Schmerzen und Symptome kompetent behandeln, Sicherheit und Gelassenheit anbieten, Abschied und Trauer gestalten.«

Konkret heißt das zum Beispiel, dass ein sterbender Heimbewohner nicht notwendigerweise ins Krankenhaus eingewiesen wird, sondern schmerzlindernde und palliative Maßnahmen auch im Heim bekommt, damit er hier »in Frieden sterben kann«. Konkret heißt es, dass man in einem Heim der Diakonie über Vorsorgemöglichkeiten und die Patientenverfügung beraten wird oder auch ein Gesprächskreis »Sterben und Sterbebegleitung« angeboten wird. Konkret heißt es, dass in den Heimen ein Hospizdienst eingerichtet wird; und konkret heißt es, dass ein Mensch auch über seinen Tod hinaus noch eine Achtung und Gedenken erfährt: So könnten sich Mitarbeiter und Pfleger in einer eigens anberaumten Feier von Verstorbenen verabschieden.

Überhaupt sind alle, was das Sterben betrifft, eine Gemeinschaft. Kittelberger: Die Ideen der Hospizarbeit müssten in einem Heim »in Zusammenarbeit mit Bewohnern und Mitarbeitern« umgesetzt werden.

STERBEBEGELEITUNG

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