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Sonntagsblatt 18/ vom

Eine Überlebensgeschichte

Die 100-jährige KZ-Überlebende Lina Haag und ihr Buch »Eine Hand voll Staub«


Sie ist eine der letzten Überlebenden des NS-Terrors der ersten Stunde: Lina Haag, die im Januar 100 wurde, erhält an diesem Samstag den »Dachau-Preis für Zivilcourage«.

Auf dem Grund, den sie und ihr Mann von der Verfolgten-Entschädigung kauften: Lina Haag heute - auf der Terasse ihres Hauses in München.
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   Auf dem Grund, den sie und ihr Mann von der Verfolgten-Entschädigung kauften: Lina Haag heute - auf der Terasse ihres Hauses in München.

»Ich werde auf dich warten und warten und warten. Das ist es, was ich dir sagen wollte, Liebster.« So endet die bewegende Geschichte, die Lina Haag in ihrem Buch »Eine Hand voll Staub« bereits in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs anfing, sich von der Seele zu schreiben.

Haft in Hitlers Gefängnissen und im Frauen-KZ Lichtenburg lagen da hinter der jungen schwäbischen Kommunistin, jahrelange Trennung von ihrer kleinen Tochter Käte, von ihrem Mann Alfred - auch der im KZ, auf dem Kuhberg, in Dachau, in Mauthausen.

Nach Garmisch hatte es die junge Frau mit ihrer Tochter 1944 verschlagen, als Heilgymnastin in ein Lazarett, beständig in Angst, erneut verhaftet zu werden. Die Ängste und die Sehnsucht nach ihrem Mann, der zu dieser Zeit »zur Bewährung« an der Ostfront für Hitler kämpfen durfte, hat sie in einem langen, bewegenden Liebes-, Sehnsuchts- und Überlebensbericht verarbeitet.

»Drüben, über dem Gang sitzt eine junge Mutter, die zum Tode verurteilt ist. Sie wird ihr Kind nie mehr sehen. Sie weiß dies jetzt. Das Glockengeläut macht mich ganz krank vor Traurigkeit. (...) Von allen Kanzeln wird das Wort Gottes verkündet, das Wort der Liebe und der Gerechtigkeit. Es ist heute nicht einfach, sich dazu zu bekennen. Es gehört Mut dazu. Oder Armut. Trotzdem sind die Kirchen voll. Voll von Bekennern. Auch die Gefängnisse sind voll von Bekennern. Warum bekennen sich die einen nicht zu den andern?«

Lina Haag im Jahr 1947, als ihr Buch erstmals erschien.
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   Lina Haag im Jahr 1947, als ihr Buch erstmals erschien.

Das Buch, 1947 zum ersten Mal erschienen, berührt bis heute, weil Lina Haags unsentimentale, genaue Schilderung des NS-Terrors und des eigenen Leids ihre Liebe zum abwesenden Ehemann nur umso plastischer hervortreten lässt. Ihm schreibt sie: »Kätle küsst mir die Tränen vom Gesicht. Ich halte das liebe Kerlchen in den Armen. Oder hält es mich? Ich kann es einfach nicht sagen. Oder doch? Ja, das Kind hält mich, ich fühle es. Sogar nachts, wenn ich aufwache, spüre ich seine Ärmchen um meinen Leib. Mit seiner ganzen Liebe hält es mich. Mit deiner ganzen Liebe. Vielleicht versteht das nur eine Mutter ganz. Aber es ist so...«

»Sie kennt keine Flucht aus der Wirklichkeit, sie bleibt mit allen Fasern ihrer Persönlichkeit in der Zeit, fühlend, beobachtend, urteilend und kämpfend für eine bessere Zeit«, hat Oskar Maria Graf über Lina Haags Buch geschrieben, das er »einen unendlichen Liebesbrief« nannte.

Nur eine Episode unter vielen ist da die unerhörte Begebenheit, die die gerade selbst aus dem KZ entlassene Lina in die Höhle des Löwen führte. Immer wieder hatte Lina Haag seit April 1939 in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße vorgesprochen, der Zentrale von Gestapo und SS, bis es ihr gelang vor den »Reichsführer SS«, Heinrich Himmler, persönlich zu kommen. »Ohne betteln, offen und ehrlich«, wie sie sagt, hat sie um das Leben ihres im KZ Mauthausen inhaftierten Mannes gebeten. Das Wunder geschah: Im Februar 1940 kam Alf­red Haag frei.

Doch die kleine Familie blieb nicht lange zusammen. Zunächst als »wehrunwürdig« verurteilt, wurde Fred Haag schließlich doch zur Wehrmacht an die Ostfront eingezogen. »Seit elf Jahren warte ich«, schreibt sie. »Seit dem 31. Januar 1933 warte ich. Seit sie dich holten.« Erst 1948 kam Fred Haag aus russischer Gefangenschaft frei. Keine zwei Jahre zwischen 1933 und 1948 verbrachten Lina, Käte und Alfred Haag gemeinsam. Aber sie überlebten.

Von ihrer Verfolgten-Entschädigung haben sich Lina und Alfred Haag nach dem Krieg ein kleines Grundstück im Münchner Westen gekauft und ein Reihenhäuschen gebaut. Nach Schwäbisch Gmünd, wo die Nachbarn sie 1933 von einem Tag auf den anderen nicht mehr kannten, wollte die in Hag­kling bei Gschwend (Ostalbkreis) geborene Lina Haag nicht zurück.

Nach ihrem Bucherfolg - der Titel ist seit 1947 immer wieder neu aufgelegt worden - hat sich Lina Haag wieder aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die überließ sie ganz ihrem Mann, der sich bis zu seinem Tod 1982 für die Rechte der Verfolgten und die Einrichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des KZ Da­chau einsetzte.

Immer wieder sei man wegen ihrer Himmler-Begegnung auch mit Film­angeboten auf sie zugekommen, sagt Lina Haag. »Das habe ich immer alles abgelehnt, weil es nur auf dem Sensationellen aufgesetzt war.« Aber auf jene Episode will Lina Haag ihr langes Leben nicht reduziert wissen.

Viel wichtiger ist es ihr, immer wieder zu betonen, wie wichtig es noch heute sei, sich gegen Krieg und Ungerechtigkeit zu empören.

Auch wenn sie es nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen: An diesem Wochenende kommt die 100-Jährige nicht darum herum. Auch wenn ihr das Gehen inzwischen schwerfällt, wird sie sich dort, wo auch ihr Mann im Lager saß, von Barbara Distel, der Gedenkstättenleiterin würdigen lassen und den »­Dachau-Preis für Zivilcourage« entgegennehmen.

BUCHTIPP

Lina Haag: Eine Hand voll Staub. Widerstand einer Frau 1933 bis 1945. Silberburg Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3-87407-581-8, 256 Seiten, 13,90 Euro.

  Lina Haag: Eine Hand voll Staub. Widerstand einer Frau 1933 bis 1945. Silberburg Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3-87407- 581-8, 256 Seiten, 13,90 Euro - oder als dtv-Taschenbuch: ISBN 978-3-423-34258-2, 9,50 Euro.

 

 

Markus Springer