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Sonntagsblatt 20/ vom

Stammzellforschung - ein vermintes Feld

Nach einer Anhörung im Bundestag bleiben viele Unklarheiten

Von Benjamin Lassiwe

Stammzellforschung ist ein sensibles Thema. Lange dauerte es, bis sich der Bundestag in einer intensiv geführten Diskussion im Juli 2002 zu der derzeit in Deutschland geltenden Regelung durchringen konnte. Doch bis heute gilt die Gewissensentscheidung der Abgeordneten als eine der Sternstunden des deutschen Parlamentarismus: Die Forschung an embryonalen Stammzellen ist verboten, weil dazu menschliche Embryonen zerstört werden müssen, entschieden die Parlamentarier im Jahr 2002.

Nur an Stammzellen, die vor dem ersten Januar 2002 erzeugt wurden, dürfen deutsche Wissenschaftler Experimente durchführen. - Den Forschern freilich reicht das nicht. Besonders die Deutsche Forschungsgemeinschaft übt immer wieder Druck auf die Bundesregierung aus. Nicht zuletzt deshalb fand auf Antrag der FDP in der vergangenen Woche eine Anhörung im Forschungsausschuss des Bundestags statt. Und die 24 geladenen Experten forderten mehrheitlich eine Lockerung der Stichtagsregelung.

Traditionell umstritten ist das Thema Stammzellforschung auch unter Kirchenvertretern. Während die in bioethischen Fragen in der Regel konservativere katholische Deutsche Bischofskonferenz in der vergangenen Woche erklärte, die Förderung selbst hochrangiger Forschungsinteressen dürfe unter keinen Umständen dazu führen, »dass embryonale Menschen verzweckt und wie ein Rohstofflager angesehen werden«, können sich der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, sowie Forschungsministerin Anette Schavan (CDU) und manche SPD-Politiker vorstellen, den Stichtag etwa auf 2005 zu verschieben.

Die größte Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag, die FDP, plädiert dagegen für eine völlige Freigabe der umstrittenen Forschung. Doch auch mit einer Verschiebung des Stichtags wagt man sich auf ein vermintes Feld. Denn würden Bundesregierung und Bundestag den Interessen der Wissenschaftler nachgeben, würde die Forschung über die Ethik siegen und eine »Gewissensentscheidung« der Bundestagsmitglieder schon nach wenigen Jahren obsolet werden.

Langfristig gesehen wäre das ein fatales Signal, steht doch die Stammzellforschung keineswegs allein auf weiter Flur. Schließlich muss demnächst auch über Sterbehilfe und Patientenverfügungen, das Gewebegesetz und Maßnahmen zur Erhöhung der Zahl der Organtransplantationen entschieden werden - da könnte ein bioethischer Dammbruch katastrophale Folgen haben.