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Sonntagsblatt 31/ vom

Gaza - ein humanitäres Fiasko

Maßnahmen, die der Hamas gelten, treffen 1,5 Millionen Palästinenser

Von Johannes Zang

Vor eineinhalb Jahren hat die Hamas in demokratischen Wahlen die Mehrheit im palästinensischen Autonomierat errungen. Israel hat den Wahlgewinner geächtet, ebenso verfuhren die meisten Staaten der Welt. Der Wahlsieger musste drei Bedingungen erfüllen, die Besatzungsmacht Israel dagegen keine einzige. Das war ein Fehler, wie nicht erst die Ereignisse der jüngsten Zeit zeigen.

Israel inhaftierte nach dem Wahlsieg von Hamas Menschen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Hamas, darunter auch gemäßigte Köpfe. In den letzten Wochen hat sich die Hamas die Macht, die der Wahlsieg ihr nicht bescherte, gewaltsam angeeignet. Zumindest im Gaza-Streifen.

Die Hamas ist ohne Zweifel radikal-islamisch. Doch wenn Israel die Daumenschrauben anzieht, ist mit der Hamas ganz Gaza betroffen. Die vorher schon oft geschlossenen Grenzen dieses Gebiets, so groß wie die Fläche Bremens, sind seit Wochen praktisch völlig abgeriegelt.

Mit katastrophalen Folgen für die fast 1,5 Millionen Menschen, darunter etwa 2000 palästinensische Christen. Bauern bleiben auf ihren Melonen sitzen. Krankenhäusern gehen die Medikamente aus. Operationen werden gestrichen. Hatten zwischen Januar 2006 und Juni 2007 etwa 250 Fabriken dichtgemacht, so mussten seitdem 3200 Fabriken im Gaza-Streifen schließen. Der Keksfabrikant Mohammed Al-Talbani musste 300 Angestellte auf die Straße setzen: Das Kakaopulver war ihm ausgegangen, Israel lässt kein neues durch den Karni-Übergang, Gazas einziges Warentor zur Welt.

Wieder einmal springen humanitäre Organisationen wie OXFAM, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen oder das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in die Bresche. Und bezahlen letztlich den Preis, den eigentlich Israel als Besatzungsmacht bezahlen müsste.

Denn: Israelische Politiker betonen seit dem Abzug der Gaza-Siedler vor zwei Jahren zwar immer wieder, der Streifen sei nun unabhängig und es sei bedauerlich, dass die Palästinenser diese Chance nicht genutzt hätten. Doch hat bei genauem Hinsehen die israelische Besatzung nie aufgehört. Israel kontrolliert nach wie vor alle Grenzen, den Luftraum und die Küstenlinie des kleinen Streifens am Mittelmeer. Israel untersagt bis heute den Palästinensern, einen Seehafen zu bauen sowie den von der israelischen Armee zerstörten Flughafen wiederaufzubauen. Und Israel wacht über das Bevölkerungsregister der Gazaner - und bestimmt, wer dort leben darf und wer nicht.

Weiß das ein Georg W. Bush, ein Herr Steinmeier oder ein Tony Blair? Falls sie es wissen - umso schlimmer. Denn aus diesem Wissen wachsen leider keine Taten. Gaza zeigt die Doppelmoral der Welt. Gaza heißt Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit.