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Sonntagsblatt 44/ vom

Rio in Reichenhall

Dresdner Initiative will 55 Meter hohes Christus-Monument auf dem Predigtstuhl errichten


Unternehmer aus Sachsen wollen in Bayern die größte Christus-Statue der Welt bauen. Sie soll Bad Reichenhall zum Wallfahrtsort machen - und bei den Investoren für gute Geschäfte sorgen.

Zukunftsvision für Bad Reichenhall? Ein 55 Meter hohes Jesus-Monument soll nach den Plänen der »Christlichen Initiative Predigtstuhl« Millionen Pilger auf den gleichnamigen Berg nahe des Kurorts locken.
Foto: wiki/Montage: Halke
   Zukunftsvision für Bad Reichenhall? Ein 55 Meter hohes Jesus-Monument soll nach den Plänen der »Christlichen Initiative Predigtstuhl« Millionen Pilger auf den gleichnamigen Berg nahe des Kurorts locken.

Harry Vossberg ist ein Mann von hanseatischem Naturell. Ein Hamburger in Dresden, ein Macher. In einem Bürohaus ganz in der Nähe des Dresdner Flughafens arbeitet er derzeit an etwas Großem: »Das 8. Weltwunder«, nennt er es: »Die größte Christusstatue der Welt«. Auf dem 1613 Meter hohen Berg Predigtstuhl nahe der bayerischen Stadt Bad Reichenhall will er sie errichten.

Über 55 Meter hoch soll die Statue werden, also fast 20 Meter höher als das berühmte Christusmonument in Rio de Janeiro und höher als die Minarette der geplanten Zentralmoschee in Köln. Vossbergs Vorbild für die Figur ist eine Christus-Statue, die in Schleswig-Holstein steht: Jesus mit wallenden Locken, die Arme über dem fließenden Gewand segnend ausgebreitet. »Christus soll als versöhnende, friedenstiftende Figur dargestellt werden«, sagt Harry Vossberg. »Ein symbolträchtiger Ort der Begegnung für alle christlichen Konfessionen wird dort entstehen.«

»Zu bombastisch«

Doch noch fehlen Genehmigungen und Geld. Um das Zwei-Millionen-Euro-Projekt zu realisieren, hat er zusammen mit drei Mitstreitern in Dresden die »Christliche Initiative Predigtstuhl« (CIP) gegründet. Jetzt führt er Gespräche mit potenziellen Spendern. In einem Jahr, so der Plan, will er dann einen Bauantrag bei den zuständigen Behörden stellen. Harry Vossberg kennt sich aus: Seine Firma ICF Enterprises plant und vermarktet mit Geldern aus Investmentgesellschaften große Immobilienprojekte. Psychologie gehört dabei zum Geschäft.

Und so hat er Eins und Eins zusammengezählt: Ein Bayer ist Papst, Kirchentag und Katholischer Weltjugendtag locken Hunderttausende an, Pilgern gilt neuerdings als chic und die ChristusStatue in Rio wurde im Internet zum 7. Weltwunder gewählt. »In Rio sammeln sich Millionen unter der Figur«, sagt Harry Vossberg. »Warum nicht auch in Bad Reichenhall?« Ganz automatisch würde die 17000-Einwohner-Stadt so zur Wallfahrtsstätte.

Dem evangelischen Pfarrer von Bad Reichenhall ist diese Vorstellung ein Graus: »Jeder Wallfahrtsort hat ein Herkommen, Bad Reichenhall nicht - mir ist das zu künstlich«, sagt Hans-Georg Bredull. Damit liegt er auf einer Linie mit seiner Dienstgeberin, der Evangelischen Landeskirche in Bayern. »Eine solche Christusfigur ist viel zu bombastisch und passt überhaupt nicht in die oberbayerische Landschaft«, sagt Dekan Mathis Steinbauer, der mit der Idee schon vor zwei Jahren als Kirchenrat für Spiritualität und Urlauberseelsorge befasst war. Sowohl die Landeskirche als auch das katholische Ordinariat hätten den Vorschlag damals entschieden abgelehnt.

Auf den Gedanken mit der Jesus-Statue gekommen war der Investor Vossberg, als ihn sein Dresdner Büronachbar Gernot Glatz um einen Rat bat. Der Miteigentümer von Seilbahn und Hotel auf dem Predigtstuhl suchte vor einem Jahr nach einem Werbekonzept für seine dahindümpelnden Unternehmen. »Ich habe ihn auf die Idee gebracht, dafür den christlichen Namen des Predigtstuhls zu nutzen«, sagt Harry Vossberg. Doch seit das Projekt bei den bayerischen Kirchen scheiterte, will Gernot Glatz das Monument nicht mehr auf dem Berg haben.

Für die CIP ist das kein Hinderungsgrund. Wenn es nicht auf dem Gipfel geht, dann eben in der Umgebung von Bad Reichenhall - geeignete Grundstücke habe man bereits gesichtet, sagt Vossberg. Bei der technischen Konstruktion der Statue sind laut Vossberg Wissenschaftler der TU Dresden beteiligt. Dort weiß man allerdings noch nichts davon. »Trotz intensiver Recherche kann nicht verifiziert werden, dass Wissenschaftler der TU Dresden an dem Projekt beteiligt sind«, teilt die dortige Pressesprecherin mit.

Business mit Jesus

Die »Christliche Initiative Predigstuhl« lässt sich von den vielen Fragezeichen jedoch nicht beirren. Vielleicht auch, weil unter den vier CIP-Gründern mehr Wirtschaftsfachleute als Kirchenmitglieder zu finden sind. »Wenn die Statue einmal steht und der Besucherstrom kommt, dann muss in Bad Reichenhall viel in Hotellerie und Infrastruktur investiert werden«, sagt Andreas Fiebig, CIP-Gründungsmitglied und Immobilienhändler aus Mittweida in Sachsen. »Dabei sind wir dann mit im Boot, das ist klar.« Und wenn Bayern die Figur nicht will, hat Harry Vossberg auch schon einen Plan B: »Dann gehen wir damit nach Österreich.«

 

 

Susanne Petersen / Andreas Roth