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Sonntagsblatt 08/ vom

Die Woche der Bioethik

Deutscher Ethikrat, Parlamentsdebatte um Stammzellforschung und die Kirchen

Von Benjamin Lassiwe

Es war die Woche der Bioethik in Deutschland. Erst bestimmten Bundestag und Bundesregierung die Mitglieder des neuen Deutschen Ethikrats, dann debattierte das Parlament fast vier Stunden über Stammzellforschung. Und aus kirchlicher Sicht war es eine erfolgreiche Woche. Bei beiden Ereignissen zeigte das politische Berlin, dass es bei ethischen Fragen immer noch ein großes Interesse und auch einen großen Bedarf an kirchlichen Stellungnahmen hat.

Zur Wahl des Deutschen Ethikrates: Mit dem Thüringer Landesbischof Christoph Kähler, dem Bayreuther Medizinprofessor und ehemaligen Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel, dem ehemaligen Präses der EKD-Synode, Jürgen Schmude, und dem Präsidenten des Kirchenamtes der EKD, Hermann Barth, gehören ihm gleich vier profilierte Protestanten an. Bei insgesamt 26 Mitgliedern ist das eine gute Quote.

Doch auch in der Bundestagsdebatte um die Stammzellforschung gab man den Voten der beiden großen Kirchen viel Gewicht. Die forschungspolitische Sprecherin der FDP, Ulrike Flach, berief sich ebenso darauf wie die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner und die ehemalige Bundesministerin Renate Schmidt (SPD). Allerdings vertrat Flach mit ihrem Antrag auf völlige Freigabe der embryonalen Stammzellforschung eine Position, die bei vielen Kirchenleuten wohl eher ein Kräuseln der Nackenhaare als ein Zeichen der Begeisterung hervorrief. Denn so sehr die Politiker die ethischen Voten der Kirchenvertreter lobten - Vertretern aller im Bundestag diskutierten Anträge gelang es, sie für ihre Position zu instrumentalisieren.

Das ist einerseits erfreulich: Denn ebenso wie die Wahl der Mitglieder des Deutschen Ethikrates zeigt es, dass man im Bundestag auf das Urteil der Kirchen in bioethischen Fragen nicht verzichten will. Doch ist es auch ein Grund zum Grübeln: Solange es allen Parteien gelingt, sich auf kirchliche Positionen zu berufen, liegt der Verdacht nahe, dass die Kirche wohl über keine eigene, profilierte Position verfügt. Natürlich ist so etwas gut evangelisch: Bei den Protestanten gibt es nun einmal kein dem Papst vergleichbares Lehramt. Weswegen sich in der Stammzellforschung etwa gleich mehrere Bischöfe die Freiheit nahmen, Position gegen den EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, zu beziehen.

Doch ist das der Grund dafür, dass man gleich vier Kirchenvertreter in den deutschen Ethikrat beruft? Wohl kaum. Bundesregierung und Parlament erhoffen sich klare ethische Ratschläge von beiden Kirchen. Und die gibt es - was die Bundestagsdebatte über Stammzellforschung bewies - eben doch noch nicht.

 

 

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