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Sonntagsblatt 12/ vom

Wie schädlich ist Mobilfunk?

Neue Forschungen geben zu denken - und fordern die Kirche heraus


Besonders Kinder sind nach Überzeugung mehrerer bayerischer Ärzte durch Mobilfunk gefährdet. Zusammen mit der »Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie« richteten Medizinerinnen und Mediziner in einem Offenen Brief an Ministerpräsident Günther Beckstein den dramatischen Appell: »Wenn Kinder und Jugendliche weiterhin der boomenden Dauerbelastung durch Elektrosmog ausgesetzt werden, fahren Industrie, Staat und ihre wissenschaftlichen Helfer unsere Zukunft gegen die Wand.«

Mobilfunk: »Gesundheitliche Schädigungen werden oft erst nach zehn Jahren erkennbar.
Foto: Wodicka
   Mobilfunk: »Gesundheitliche Schädigungen werden oft erst nach zehn Jahren erkennbar.«

Die Bamberger Ärztin Cornelia Waldmann-Selsam und der Kemptener Arzt Markus Kern haben sich besonders intensiv mit der Problematik befasst und arbeiten mit engagierten Ärzte-Initiativen zusammen. In ihrem Brief heißt es, die Mobilfunkindustrie habe den Wert der Kinder und Jugendlichen entdeckt - allerdings als Objekt ihrer Profitgier! Politiker indessen hätten nicht die geringsten Bedenken, wenn schon Föten und Neugeborene in Landeskinderkliniken von WLAN-Strahlen und dem Smog von DECT-Telefonen empfangen würden.

Umweltkatastrophe

Tatsächlich sei die Forschungssituation hinsichtlich der gesundheitlichen Belastung durch Mobil- und Kommunikationsfunk keineswegs so uneindeutig, wie oft behauptet werde: »Die Erkenntnisse unabhängiger Wissenschaftler zu erwiesenen und wahrscheinlichen Schädigungen durch elektromagnetische Felder haben sich ... dramatisch verdichtet. Die Europäische Umweltagentur hat vor einer möglichen Umweltkatastrophe gewarnt.« In den letzten Jahren sei systematischer gesammelt und verglichen worden. Immer mehr Krankheitssyndrome seien aufgetreten, für die es keine der bekannten medizinischen Erklärungen gebe.

Auf Zusammenhänge mit der Einwirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder deute vor allem hin, dass beobachtete Symptome sich oft zeitgleich mit der Installation solcher Felder in oder außerhalb der Wohnungen eingestellt hatten - und sich wieder zurückbildeten, sobald die Quelle der Strahlung entfernt wurde. Dabei unterstreichen die Ärzte: »Gegen die gängige Annahme von Einbildungen spricht die Tatsache, dass gerade Kleinkinder besonders intensive Wirkungen zeigten, übrigens auch Tiere.«

Bedenklich stimme, dass die Erforschung von möglichen Gesundheitsschäden durch Funk unter dem Aspekt der Langfristigkeit behördlich kaum gefördert worden sei, heißt es weiter. »Aus ärztlicher Sicht, die durch den Stand unabhängiger Forschung gedeckt ist, tragen die beobachteten behördlichen Verhaltensmuster massenhaft zu fahrlässiger Körperverletzung bei und erfüllen den Tatbestand unterlassener Hilfeleistung.« An die Stelle einer vom Grundgesetz zugesicherten Vorsorge sei ein notorischer Leichtsinn getreten. Die Zukunft von Mensch und Natur sei nachhaltig gefährdet. So hätten etwa die Forschungen von Professor Karl Hecht in Berlin zu Langzeitwirkungen gezeigt, dass chronische Erkrankungen ab etwa zehn bis fünfzehn Jahren unter entsprechenden Feld-Belastungen drastisch zunahmen.

Kirche in der Pflicht

Doch trotz aller Warnungen von Wissenschaftlern würden immer neue Hochfrequenz-Techniken eingeführt, deren Wirkungen unzureichend erforscht sind - ob UMTS, DECT, WLAN, WiMAX oder digitales Fernsehen. Aktuell weist Waldmann-Selsam hin auf neueste Forschungsergebnisse aus der Steiermark. Dort hat der Umweltmediziner der Landessanitätsdirektion Salzburg, Gerd Oberfeld, im näheren Umfeld eines Mobilfunksenders des C-Netzes eine deutliche Steigerung der Krebsrate festgestellt. Ein ermutigendes Signal erblickt sie in dem Umstand, dass jetzt in Oberammergau die politische Gemeinde einen Vertrag mit T-Mobil über einen Masten wegen sich häufender gesundheitlicher Schäden gekündigt hat.

Die Ärztin sieht die Kirche in einer besonderen Pflicht, sich der Thematik anzunehmen: »Die Schöpfung bewahren - das gilt nicht zuletzt angesichts der bereits sichtbar werdenden Zerstörung von Bäumen und Sträuchern durch Mobil- und Kommunikationsfunk!« Deshalb hofft sie sehr, dass ihr von vielen hunderten Ärzte-Kollegen geteiltes Anliegen auf der nächsten Synode im Herbst aufgegriffen wird.

Auch Pfarrer Gerhard Monninger, der Beauftragte der Landeskirche für Umweltfragen, unterstreicht: »Gesundheitliche Schädigungen werden oft erst nach zehn bis zwanzig Jahren erkennbar.« Die in Deutschland extrem hohen Grenzwerte sollten schon aus Gründen einer verantwortlichen Vorsorge unbedingt gesenkt werden. Insbesondere kirchliche Gebäude dürften nur in öffentlich vorab diskutierten Ausnahmefällen zum Standort von Mobilfunkmasten werden. Im Übrigen sollten Mütter möglichst ihren Kindern keine Handys mit auf den Schulweg geben.

In der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft warnte kürzlich der Physiker Stefan Spaarmann unter der Überschrift »Gefahr im Verzuge« vor Funk-Systemen, für die - wie derzeit bei DSL-Funk - damit geworben wird, dass ihre geringeren Sendeleistungen ungefährlicher seien. Doch das sei irreführend, da sich Mikrowellen in der Wirkung keineswegs mit sichtbarem Licht und Wärmestrahlen gleichsetzen lassen. Niederfrequente Signalkomponenten seien unstrittig »biologisch extrem gefährlich«! Es sei ein Gebot der Vernunft, die Grundversorgung mit Kommunikationsdiensten über Kabel oder Faser erfolgen zu lassen.

Im Übrigen gehe die Forschung voran: »Mobilfunk ist unumkehrbar. Doch wir verlangen, dass die Möglichkeiten von HighTec genutzt werden für eine Massen-Kommunikation ohne Komfortverlust, aber im Einklang mit der Natur und nicht gegen sie.« Umweltverträglicher, sanfter Mobilfunk müsse her, fordert der Physiker.

»Gesundheitliche Folgen«

In der neuesten Ausgabe des »BUNDmagazins« unterstreichen die Professoren Helmut Horn und Wilfried Kühling, dass elektromagnetische Felder ohne jeden Zweifel biologische Systeme beeinflussen: »Verlässliche Studien belegen gesundheitliche Folgen, die - legte man das Grundgesetz und die fachgesetzlich normierte Vorsorge entsprechend aus - der Gesetzgeber ausschließen müsste. Allerdings ist die Politik derzeit nicht gewillt, dem Rechnung zu tragen.« Dass sich das ändert, dazu könnte und sollte Kirche beitragen.

 

 

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Werner Thiede