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Sonntagsblatt 34/ vom

Für den Frieden in Hebron

Die Nürnbergerin Kristina Kühl geht zum Friedensdienst nach Palästina


Die kommenden drei Monate im Leben der Kristina Kühl werden alles andere als ein Zuckerschlecken. Die 30-jährige Nürnberger Sozialpädagogin fliegt am 23. August nach Hebron ins israelisch besetzte Westjordanland. Drei Monate lang wird sie dort als Freiwillige für den Friedensdienst des Ökumenischen Rats der Kirchen (Genf) arbeiten.

»Ich bin nicht neutral«: Kristina Kühl sorgt sich um die Einhaltung der Menschenrechte im Westjordanland.
Foto: Reindl
   »Ich bin nicht neutral«: Kristina Kühl sorgt sich um die Einhaltung der Menschenrechte im Westjordanland.

Ängstlichere Naturen als Kristina Kühl wären vielleicht zurückgeschreckt. Denn in kaum einer anderen palästinensischen Stadt sind die Fronten so unversöhnlich wie in Hebron, der Stadt, die wegen des Grabs des Erzvaters Abraham Juden wie Muslimen als heilig gilt. Hebron ist die einzige Stadt auf der Westbank, in der sich israelische Siedler, die ihre Landnahme als Auftrag Gottes begreifen, direkt im Stadtgebiet niedergelassen haben. »Das sind militante Leute, die den Palästinensern keinen Fußbreit Boden gönnen«, sagt Kristina Kühl.

Berichte der internationalen Beobachter, die der Ökumenische Rat vor Ort hat, sprechen eine deutliche Sprache: Palästinensische Kinder würden auf dem Schulweg von radikalen Israelis tätlich angegriffen. Ihre Familien müssten die Balkone als Schutz vor Steinwürfen wie Käfige mit Gittern überziehen. Von Schikanen und Willkürakten der israelischen Armee, die Hebron mit einem Netz von Checkpoints überzogen und den jüdischen Siedlungsbereich unter ihr Kommando gestellt hat, ist die Rede.

Eine Schwedin, ein Südafrikaner, ein Pole und die junge Deutsche: So setzt sich das vierköpfige Beobachterteam des Ökumenischen Rats in Hebron zusammen. Die internationalen Helfer sollen Rechtsverstöße registrieren, das Unrecht dokumentieren und die gewaltlosen Aktionen palästinensischer und israelischer Friedensgruppen unterstützen. »Ich bin für das Existenzrecht beider Völker«, sagt Kristina Kühl im Einklang mit den Richtlinien des Ökumenischen Rats, »aber ich bin nicht neutral, wenn es um die Einhaltung der Menschenrechte und des Völkerrechts geht.«

Einen Beitrag zur Beendigung der Besatzung zu leisten, ist das Ziel des Freiwilligendiensts, den der ÖRK 2002 auf Bitten der örtlichen Kirchen ins Leben gerufen hat. Mehr als 300 Freiwillige wie Kristina Kühl waren seither im Einsatz. Nicht nur in Hebron, sondern auch in Tulkarem, Bethlehem, Jerusalem und zwei kleineren Orten. Und nicht nur als Beobachter. Die Freiwilligen sollen als »ökumenische Begleiter«, wie das offiziell heißt, aktiv der Gewalt vorbeugen. Kristina Kühls Aufgabe besteht darin, jeden Morgen die palästinensischen Kinder am iraelischen Kontrollposten zu sammeln und ungefährdet zur Schule und zurück zu bringen. »Sicherheit durch gewaltfreie Präsenz«, nennt sie das.

Internationale Solidarität ist ihr zweites Stichwort. Örtliche Friedensinitiativen, kleine Minderheiten, die trotz massiver Anfeindungen aus dem eigenen Volk beharrlich für Versöhnung eintreten, sollen unterstützt und ermutigt werden. In Hebron ist das vor allem die Initiative »Breaking the Silence«, gegründet von israelischen Soldaten, die ihren Dienst in Hebron leisteten und dabei ins Grübeln kamen, ob sie wirklich auf der Seite des Rechts stehen.

Kristina Kühl freut sich auf die Herausforderung: »Ich will mal sehen, was man mit gewaltfreien Methoden erreichen kann.« Als gescheitert würde sie ihre Mission betrachten, wenn sie sich dem Klima des Hasses nicht entziehen könnte. »Wenn unser Auftreten zur Eskalation beitragen würde, das wäre der schlimmste anzunehmende Unfall«, sagt sie.

Sollte die Lage bedrohlich werden, vertraut die junge Deutsche auf die Einsatzzentrale in Jerusalem. »Die würden uns rechtzeitig herausziehen«, ist sie sich sicher. Sowieso gelten strenge Sicherheitsregeln: nie allein unterwegs sein, immer die Notrufnummer bei sich tragen und stets die Freiwilligen-Weste mit dem ÖRK-Zeichen anziehen. Ihre Erlebnisse als Friedensstifterin will sie in ihrem Web-Tagebuch festhalten: www.gehaltslos.net. Der Blog-Name ist kein Druckfehler. Denn der Einsatz der Freiwilligen geschieht tatsächlich »gehaltslos«. Für ihre Friedensmission hat sich Kristina Kühl unbezahlten Urlaub genommen. Immerhin hält ihr Arbeitgeber ihren Platz bis zur Rückkehr frei.

  INFORMATIONEN über den Friedensdienst im Internet:  www.eappi.org

 

 

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Peter Reindl