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Sonntagsblatt 39/ vom

Versöhner in dunkler Zeit

Vor 50 Jahren, am 3. Oktober 1958, starb der britische Bischof und Bonhoeffer-Freund George Bell


Anders als Dietrich Bonhoeffer in Großbritannien ist der englische Kirchenmann George Bell in Deutschland kaum noch bekannt. Der Bischof von Chichester unterstützte den deutschen Widerstand gegen Hitler - und protestierte gegen den britischen Bombenkrieg. Nach 1945 wandte sich der ökumenische Visionär und europäische Versöhner gegen Vertreibungen und atomare Aufrüstung.

Bischof George Bell (1883-1958).
Foto: AP
   Bischof George Bell (1883-1958).

Der Bayreuther Wilfried Beyhl dürfte unter Bayerns evangelischen Regionalbischöfen wohl der einzige sein, der sich auch »Domkapitular« nennen darf - jedenfalls ehrenhalber. Dass Beyhl 2002 zum »Canon of Honour« der Kathedrale von Chichester ernannt wurde, verdankt er der Freundschaft des britischen Bischofs zu Dietrich Bonhoeffer. Und dem Umstand, dass das oberpfälzische KZ Flossenbürg, wo Bonhoeffer am 9. April 1945 ermordet wurde, zwar nicht in, aber in unmittelbarer Nachbarschaft zu Beyhls Kirchenkreis liegt.

Sozialpfarrer in Leeds

George Kennedy Allen Bell wurde vor 125 Jahren, am 4. Februar 1883, in Hayling Island Hants in Südengland geboren. Er war der älteste Sohn des Domherrn J. Allen Bell, Vize-Dekan der Kathedrale von Norwich. In großbürgerlichen Verhältnissen wuchs George mit sechs Geschwistern auf.

Mit 18 Jahren erhielt der literarisch talentierte Bell dann ein Stipendium an der Universität Oxford. 1904 gewann der 21-Jährige den renommierten Newdigate-Preis für Dichtkunst - mit dem Preis war 1878 schon Oscar Wilde ausgezeichnet worden.

Trotz früher Erfolge als Lyriker: 1906 trat Bell doch in die väterlichen Fußstapfen. Er wechselte an das theologische College in Wells und kam dort mit der »Christlichen Studenten-Bewegung« in Kontakt. Vom US-amerikanischen CVJM-Sekretär John R. Mott initiert, war sie eine Keimzelle der protestantischen ökumenischen Bewegung. Wie Dietrich Bonhoeffer war auch George Bell vom die Grenzen der Nationen und der Konfessionen überschreitenden Ökumenegedanken ergriffen - er sollte sein Lebensthema werden.

Zum Diakon geweiht, trat Bell 1907 eine Stelle als Hilfsgeistlicher in der nordenglischen Industriestadt Leeds an - in einer »Working Class«-Gemeinde mit vielen Menschen, die aus Indien, Afrika oder anderen britischen Kolonien zugewandert waren. Als Seelsorger der Arbeiter- und Migrantenfamilien lernte Bell die sozialen Probleme in der Arbeiterklasse hautnah kennen. Schnell kam er zu der Überzeugung, dass die Kirche eine größere Rolle im politischen und sozialen Leben spielen sollte. Zum Priester ordiniert, kehrte Bell 1909 nach Oxford zurück, wo er sich weiter der Armutsfrage widmete und ein Zentrum für soziale und wirtschaftliche Studien gründete. Neben dem Pfarramt lehrte Bell an der Universität Oxford aber immer noch klassische Literatur und Anglistik, später auch Kirchengeschichte.

Das Netzwerk von Lambeth Palace

Randall Davidson, Erzbischof von Canterbury und damit das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, hatte den talentierten und umtriebigen Jungpriester schon länger im Blick. 1914 machte er Bell zum Hauskaplan seiner Londoner Residenz Lambeth Palace - mit einem Sonderreferat für internationale und interkonfessionelle Beziehungen.

George Bell - zwei seiner Brüder fielen im Ersten Weltkrieg - und Nathan Söderblom, Schwedens lutherischer Erzbischof, leiteten gegen Ende des Kriegs die Aktion des Kriegsgefangenenaustauschs ein. Nach dem Krieg schrieb Söderblom: »Weil Bell mutig zwischen den Fronten zur Versöhnung mit Gott rief, darum war es seiner Stimme vergönnt, alles Kriegsgeschrei zu übertönen, ungezählte Leben zu retten und die Wunden der Völker zu heilen.«

Gemeinsam mit Nathan Söderblom gehörte Bell in den 1920er-Jahren zu den Triebfedern der entstehenden weltweiten Ökumene-Bewegung. Bei der Gründung des »Ökumenischen Rats für praktisches Christentum« (Universal Christian Council for Life and Work) auf der Weltkirchenkonferenz von Stockholm 1925 spielte Bell eine wesentliche Rolle.

»Totale Vernichtungspolitik«

1929 wurde Bell zum Bischof von Chichester ernannt. Seine engen Kontakte mit den lutherischen Kirchen in Skandinavien und Deutschland pflegte er weiter. 1931 traf er bei einer Tagung des »Ökumenischen Rats für praktisches Christentum« erstmals mit Dietrich Bonhoeffer zusammen. 1933 nahm Bonhoeffer das Angebot einer Auslandspfarrstelle in Sydenham und St. Paul's an - beides deutschsprachige Kirchengemeinden im Londoner Vorort Forest Hill. Binnen drei Wochen begann zwischen beiden Männern eine lebendige Korrespondenz. Sie wurden sehr schnell Freunde; Bonhoeffer sah in Bell eine Art »Vaterfigur«.

Nach der Machtübernahme Hitlers gewährte Bell vielen Juden und nichtarischen Christen Asyl. Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer unterstützte der entschiedene Antifaschist in ihrer Opposition gegen den Nationalsozialismus.

Im Frühjahr 1933 besuchte er in Berlin den suspendierten Generalsuperintendenten der Kurmark, Otto Dibelius, um »die organische Verbindung mit dem rechtmäßigen Hirten der Gemeinde Jesu« aufrechtzuerhalten.

Als Lordbishop hatte Bell Sitz und Stimme im englischen Oberhaus. Er nützte sie, um mit einer Rede im Juni 1934 die britische Öffentlichkeit mit den Beschlüssen der Bekenntnissynode von Barmen bekannt zu machen und über den deutschen Kirchenkampf zu informieren.

1942 flog Bell nach Schweden, wo er am 31. Mai in Sigtuna und am 1. Juni in Stockholm Bonhoeffer traf. Der war, mit einem Kurierausweis des Auswärtigen Amts ausgestattet, aus Deutschland eingeflogen, wo er für die Spionageabwehr arbeitete, ein Zentrum der Anti-Hitler-Verschwörung. Bonhoeffer übergab Bell geheime Dokumente für die britische Regierung über den Widerstandskreis und seine Ziele. Damit verbunden war die Bitte um eine öffentliche Erklärung der Alliierten, nach Kriegsende zwischen Deutschen und Nazis zu unterscheiden. Der britische Außenminister Anthony Eden ließ Bell jedoch wissen, dass eine Unterstützung des Widerstands oder auch nur eine Antwort nicht im internationalen Interesse Großbritanniens liege. Die alliierte Politik war bereits festgelegt auf die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands.

Nach dem Treffen schrieb Bonhoeffer an Bell: »Lass mich meinen tiefen und aufrichtigen Dank für die Stunde aussprechen, die Du mit mir verbracht hast... Dieser Geist der christlichen Bruderliebe wird mich durch die dunkelste Stunde tragen... Das Licht jener wenigen Tage wird niemals in meinem Herzen ausgelöscht werden...«

Sein wiederholtes Eintreten für die deutsche Zivilbevölkerung machte Bell während des Kriegs bei vielen Briten zur Unperson. Der Sänger Noël Coward empfahl in einem Song, den Bischof nach Deutschland zu schicken. Im Februar 1944 brandmarkte dieser vor dem Oberhaus gleichwohl die britischen Flächenbombardements deutscher Städte als Zivilisationsbruch: »Das ist totale Vernichtungspolitik, aber keine Kriegshandlung, die zu rechtfertigen wäre.«

Schuldbekenntnis

Von einer Vorbereitungsreise für den entstehenden Weltkirchenrat zurückgekehrt, erhielt er am Ende des Kriegs die Nachricht, Dietrich und Klaus Bonhoeffer seien tot. Bell schrieb einen bewegenden Brief an Dietrichs Zwillingsschwester Sabine Leibholz, die in London lebte: »Was es heißt, im totalen Staat Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, das habe ich von Dietrich Bonhoeffer gelernt.«

Auf Vorschlag der Bekennenden Kirche kam es im Oktober 1945 in Stuttgart zu einem Treffen vieler Kirchenführer und Vertreter des entstehenden Weltkirchenrats. Bells Anwesenheit half den deutschen Theologen, einen Text zu entwerfen, der als Stuttgarter »Schulderklärung der evangelischen Christenheit Deutschlands« bekannt wurde und das Versagen des deutschen Protestantismus angesichts des Nationalsozialismus eingestand.

Bell, der leidenschaftliche Versöhner und Ökumeniker, schickte eine selbstkritische Antwort hinterher: »Wir hier in England haben in geradezu verbrecherisch leichtfertiger Weise unsere Verpflichtung verkannt, Frieden und Ordnung zu verteidigen; und wenn die Deutschen sich beim Aufstieg Hitlers verhängnisvoll passiv verhalten haben, so war auch unsere und anderer Völker Passivität kaum weniger tadelnswert.«

Berlin-Besuch im Oktober 1946: Bischof George Bell mit Pastor Martin Niemoeller (links) und Bischof Otto Dibelius.
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   Berlin-Besuch im Oktober 1946: Bischof George Bell mit Pastor Martin Niemoeller (links) und Bischof Otto Dibelius.

Auch nach dem Krieg blieb Bell ein Fürsprecher Deutschlands in Großbritannien. Im August 1948 wurde in Amsterdam der »Ökumenische Rat der Kirchen« (World Council of Churches) gegründet, Bell wurde Vorsitzender des Zent- ralausschusses und später Ehrenpräsident. Kurz bevor ihn Bundespräsident Theodor Heuss mit der höchsten Ehrung der Bundesrepublik Deutschland, dem Großen Verdienstorden mit Band und Stern auszeichnen konnte, starb George Bell am 3. Oktober 1958 in Canterbury.

»Coburg-Konferenzen«

Erst in den 1980er-Jahren erinnerte man sich wieder an den visionären Bischof und seine Freundschaft mit Dietrich Bonhoeffer. Aus einem Bell-Kolloquium 1984, an dem auch eine Delegation aus dem Kirchenkreis Bayreuth teilnahm, erwuchsen die »Coburg-Konferenzen«. Sie finden - benannt nach dem Gründungsort - seit 1985 alle zwei Jahre an wechselnden Tagungsorten statt und ermöglichen zugleich britisch-deutsche als auch ökumenische Begegnungen: Neben der anglikanischen Diözese Chichester und dem evangelischen Kirchenkreis Bayreuth gehören der Konferenz auch die katholische Erzdiözese Bamberg und - wegen Bonhoeffers Herkunft - die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg / Schlesische Oberlausitz an.

Doch der Dichter, nicht der Bischof George Bell hat im Evangelischen Gesangbuch eine Spur hinterlassen: Bells 1931 entstandenes Lied »Christ is the king, o friends rejoice« hat der Schweriner Oberkirchenrat Walter Schulz, einst Kriegsgefangener in England, in eine deutsche Fassung übertragen: »Christus ist König, jubelt laut!« (EG 269).

 

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Klaus Loscher / Markus Springer