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Sonntagsblatt 40/ vom

Abends beten, morgens denken

Warum die Philosophie Michael Conradt aus der Bahn geworfen hat


»Philosoph? Ähm... und was arbeiten Sie?« Michael Conradt ist jedes Mal gespannt auf die Reaktion seines Gegenübers, wenn er die Frage nach seinem Beruf wahrheitsgemäß beantwortet. Einem leibhaftigen Philosophen sind die wenigsten begegnet. Vermutlich hätte auch Michael Conradt vor einigen Jahren fragend den Kopf geschüttelt, wäre ihm ein Philosoph über den Weg gelaufen. In seiner Branche war die Wahrscheinlichkeit dafür aber relativ gering.

»Das Christentum provoziert unsere Vernunft«: Michael Conradt an der Isar bei Icking.
Foto: Birnstein
   »Das Christentum provoziert unsere Vernunft«: Michael Conradt an der Isar bei Icking.

Conradt war Musikmanager. Ein erfolgreicher. Kümmerte sich um internationale Top-Acts wie Joan Baez und Mireille Mathieu und verpasste Peter Maffay sein Image des Rocksängers. Zwanzig Jahre lang strich Conradt Geld und Erfolg ein. So gut beruflich alles lief - privat war plötzlich gar nichts mehr, wie es sollte. Zwei kleine Kinder, eine bezaubernde Frau - doch die Ehe kriselt. Plötzlich steht alles auf dem Spiel.

»Auf einmal wusste ich, dass ich diesen Beruf nicht mehr machen will. Obwohl er mir Spaß gemacht hat.« Schlag auf Schlag geht nun alles. Die Scheidung. Die Midlife-Krisis. Der Berufsausstieg. Die Trauer. Das Suchen nach dem Sinn. »Ich habe vieles versucht, ihm auf die Spur zu kommen«, blickt er zurück. Mit den Büchern des Esoterikers Thorwald Dethlefsens versucht er, das »Schicksal als Chance« zu begreifen. Er lässt sich von bedeutenden Astrologen sein Horoskop erklären. Meditiert mit Buddhisten, um das Gefühl des Unglücklichseins zu überwinden. »Ich hab mich gefühlt wie ein ausgedorrtes Feld«, sagt er - doch alle Versuche, es mit Geist und Sinn zu bewässern, scheitern.

Eines Abends findet er sich in seiner Stammkneipe wieder und ahnt zum ersten Mal eine Antwort auf seine Fragen. Eine »Einführung in die Philosophie« bei der Volkshochschule hatte er gerade besucht. »Unsere Welt könnte nur Schein und nicht wirklich sein!« Diese Erkenntnis des antiken Parmenides wird zum Schlüsselerlebnis Conradts.

Am nächsten Tag schreibt er sich als Student an der Münchner Universität ein - Studiengang Philosophie. »Ich musste mehr wissen über die Antworten der Philosophen.« Fünf Jahre Studium reichen ihm nicht. Er sucht sich einen Doktorvater. Als er nach weiteren fünf Jahren promoviert, ist Conradt 50 Jahre alt. Dass »Summa cum laude« auf seiner Promotionsurkunde steht, erfüllt ihn mit Freude.

Ob er eine Antwort gefunden hat auf die Frage nach dem Sinn des Lebens? »Höchstens, dass es keinen übergeordneten Sinn zu geben scheint«, antwortet er, »sondern vielleicht kleinere Sinne, die in verschiedenen Lebensphasen wechseln. Ehrlich gesagt: Mir ist die Antwort auf den Sinn des Lebens gar nicht mehr so wichtig«, gesteht der Dr. phil., »jetzt lebe ich mehr, als nach dem Sinn zu fragen.«

Dass es nicht auf definitive Antworten ankomme, habe er gelernt, sondern mehr auf das Fragen an sich und das Zweifeln. »Im Rückblick schaudert es mich ein wenig, wie eindimensional ich früher gedacht und gelebt habe und wie wichtig mir das Geldverdienen war.«

Die Stoiker haben es ihm angetan. »Wichtig ist nur das, was in dir passiert, du musst mit dir im Reinen sein, alles was von außen kommt, ist gleichgültig.« So radikal könne man das nicht leben, meint er, aber dadurch sei er »gelassener geworden: Negative Dinge passieren - that's it.«

Sein Lieblingsphilosoph? Conradt denkt nach, nennt Aristoteles und Bertrand Russel. Aber an der Spitze steht Immanuel Kant. Was der lehrt? »Die tiefe Einsicht in die Tragik des Lebens: dass wir wesentlich endlich und unvollkommen sind. Aber dass wir uns trotzdem großen Herausforderungen stellen sollen und uns selbst vervollkommnen, das ist die Basis für unser Leben und unsere Würde.«

Komisch eigentlich, dass Michael Conradt sich trotz seiner Vorliebe für die vermeintlich ungläubige Philosophie in der evangelischen Kirche engagiert. »Das Christentum provoziert in vielerlei Hinsicht unsere Vernunft«, gesteht er. »Meine derzeitige Lösung ist, dass ich beides unverbunden nebeneinander stehen lasse. Abends vorm Einschlafen, wenn ich mein Abendgebet spreche, bin ich Christ und glaube; und morgens, wenn ich aufwache, bin ich Philosoph und zweifle. Ich kann glauben und zweifeln gleichzeitig. Und fühl mich ganz wohl damit.«

PHILOSOPHIE UND PRAXIS

In Icking bei München hat Michael Conradt ein »Institut für Angewandte Philosophie (IAP)« gegründet, das sich als »Forschungsstelle und Praxis für die Anwendung philosophischen Denkens auf die heutige Lebenswelt« versteht.

  Internet:  www.institut-fuer-angewandte-philosophie.de

  Veranstaltungstipp: Macht Tugend glücklich? - Zum Verhältnis von Lebenskunst und Moral. Mit Michael Conradt und Otfried Höffe, Evangelische Stadtakademie München, Herzog-Wilhelm-Straße 24, Donnerstag 18. Oktober, 19.30 Uhr. Anmeldung: info@evstadtakademie.de, Telefon: (089) 549027-0

 

 

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Uwe Birnstein