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Sonntagsblatt 05/ vom

»Jesus liebt dich«

Dokumentarfilm über Evangelikale auf Missionstour durch Deutschlands Sommermärchen 2006


Zu Tausenden rückten evangelikale Missionare zur Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland ein. Der Dokumentarfilm »Jesus liebt dich« versucht einen Blick ins Innere der Szene.

»Jesus liebt dich«: große Gefühle, starke Überzeugungen, enger Ordnungsrahmen.
Foto: Oval Film
   »Jesus liebt dich«: große Gefühle, starke Überzeugungen, enger Ordnungsrahmen.

Erbarmen, die Evangelikalen kommen! Oder sind sie vielleicht schon längst unter uns? Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 reisten nicht nur unzählige Sportbegeisterte nach Deutschland, sondern auch über 10000 hochgläubig-fundamentalistische Christen, die ihre Umwelt zu Jesus bekehren wollten.

Das behauptet zumindest der Dokumentarfilm »Jesus liebt dich«, der vier evangelikale Missionare der »Youth with a mission« über Monate bei ihrer Vorbereitung und beim Einsatz beobachtet hat. Cody reist mit seinem Pastor Scott aus New York an, um das Bekehren zu lernen. Auf dem Hauptbahnhof Frankfurt am Main spricht der rastlose Gershom aus Sambia in Ermangelung anderer Gesprächspartner mit der Stimme aus der Notrufsäule, um sein nur aus dem Lautsprecher krächzendes Gegenüber von Jesus zu überzeugen.

»Da gibt's keine Demokratie«

Der deutsche Missions-Organisator Tilman sagt: »Wollt ihr Gottes Armee beitreten? Da gibt's keine Demokratie!«. Zu sehen sind junge Leute aus aller Welt mit militantem Gotteseifer. Immer wieder wollen sie auch für das Filmteam beten und es bekehren.

Militanter Gotteseifer: Wiederkehr des Irrationalen.
Foto: Oval Film
   Militanter Gotteseifer: Wiederkehr des Irrationalen.

Regisseur Robert Cibis zeigt sich fasziniert vom irrationalen Moment dieser Missionare. Alles wird dem Glauben unterworfen. Die Wohlfühlbotschaft »Jesus liebt dich« ist denkbar einfach. Dauernden Umgang wollen sie aber nur mit denen haben, die sich auch bekehren lassen. »Evangelikale stellen einen Gegenpol im Supermarkt der religiösen Angebote dar«, meint Cibis. Seine Kollegin Lilian Frank hat Angst, dass Evangelikale immer mehr Positionen in der deutschen Gesellschaft besetzen könnten.

Zum Kinostart des Dokumentarfilms am vergangenen Montag diskutierten in Berlin der Filmemacher Rosa von Praunheim, die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr und der Berliner Freikirchen-Pastor Werner Nachtigal mit den beiden Regisseuren.

Nüchtern betrachtet ist das Fußball-Sommermärchen längst vorbei und für die Evangelikalen ist die Bundesrepublik vorerst ein religiöses Entwicklungsland geblieben. Dabei ist der Begriff »Evangelikale« ein schwammiger und nicht nur unter Religionswissenschaftlern umstrittener Oberbegriff für eine inhomogene Strömung strenggläubiger Christen aus einem ursprünglich protestantischen Milieu. Pfingstler, Charismatiker und Fundamentalisten melden fantastische Zuwachsraten vor allem in den USA, Lateinamerika und in Afrika, von denen die etablierten Kirchen hierzulande schon lange nur träumen können. 500 Millionen Evangelikale sollen es weltweit schon sein.

Es geht um ein voraufgeklärtes Weltbild: Die Bibel wird als absolut irrtumsloses und unfehlbares Gotteswort begriffen. Dagegen lehnen Evangelikale eine historisch-kritische Theologie, wie sie an hiesigen Universitäten gelehrt wird, gläubig ab. Sie bekämpfen die unbiblische Evolutionstheorie, Abtreibungen, Pornografie, Feminismus und Homosexualität. Im Zentrum steht das bewusste persönliche Erweckungserlebnis, die Geisttaufe. Mission ist für sie »geistliche Kriegsführung«. Die Welt ist für sie dualistisch, einerseits die christlich beseelte Sonnenseite bei Jesus, andererseits der Rest auf der dunklen Seite, der erlöst werden muss.

»Ist das noch protestantisch?«

Evangelikale Christen haben den Filmemachern vorgeworfen, sie hätten sich für »Jesus liebt dich« das Vertrauen ihrer Protagonisten erschlichen und machten diese nun - ähnlich wie der »Borat«-Film des britischen Komikers Sacha Baron Cohen - lächerlich.

»Toll geschnitten, teilweise wirklich lustig, teilweise tragisch«, sagt dagegen die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr und »kann den Film nur empfehlen«. Der Dokumentation gelinge es, ihren Protagonisten ganz nahe zu kommen, ohne sie zu diffamieren. Erhellend, mitunter irritierend und demaskierend sei die Dokumentation gleichwohl, wenn sich »Prediger als Popstars gerieren« und immer wieder deutlich werde, »wie wenig die Missionare zuhören können«.

Die »evangelikale Eventisierung« des Christentums werfe vielmehr die Frage auf, so Bahr, ob das alles noch zum Protestantismus mit seinem »Ethos vom mündigen Individuum« gehöre, wenn sich mit der »Rhetorik eines Rekrutierungsbüros« der theologische Gehalt auf »Jesus loves you« reduziere.

 

 

 

Thomas Klatt / ms