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Sonntagsblatt 12/ vom

Stuhlkreis statt Gefängniszelle

Wie die Evangelische Jugendhilfe junge Gewalttäter betreut


Das Anti-Aggressivitäts-Training der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen ist ihre letzte Chance. Alle zehn Teilnehmer sind mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraft, einer sogar wegen Mordes. »Wenn sie zuschlagen, bekommen sie einen Tunnelblick, sie sind wie ferngesteuert«, erklärt Diakon Jörg-Simon Löblein. Das Training ist eine Bewährungsauflage - wer die intensiven Gruppengespräche, die Konfrontation mit der Tat und die Rollenspiele nicht aushält und das Training abbricht, muss ins Gefängnis. Als ersten Schritt lernen die Jugendlichen, ihre Tat nicht mehr zu verharmlosen. Beim Einzelinterview vor der Gruppe müssen sie sich mit den Folgen für das Opfer auseinandersetzen.

Vertrauen lernen: Im Anti-Aggressivitäts-Training wartet eine besondere Übung auf die Teilnehmer: Einer nach dem anderen soll auf einen Tisch steigen und sich rückwärts in die Hände der anderen herunterfallen lassen.
Foto: McKee
   Vertrauen lernen: Im Anti-Aggressivitäts-Training wartet eine besondere Übung auf die Teilnehmer: Einer nach dem anderen soll auf einen Tisch steigen und sich rückwärts in die Hände der anderen herunterfallen lassen.

Samstagabend in einem Münchner Vorort. Der Wirt bringt die letzte Schnapsrunde. Mesut stößt mit seinem Schwager an und beobachtet eine junge Frau an der Bar. Dem Mann neben ihr scheint das gar nicht zu gefallen: »Machst du meine Freundin an?« Mesut antwortet mit einem Schlag ins Gesicht. Er rastet aus. Schlägt wieder zu. Und noch mal. Drei Zähne fliegen aus dem Mund des Opfers. Der Mann wehrt sich nicht, er fällt auf den Boden, krümmt sich, wimmert, zittert. Mesut holt mit dem Fuß aus, tritt ihm in die Rippen. Dann hört er eine Polizeisirene, rennt aus der Kneipe, aber die Scheinwerfer des Streifenwagens erwischen ihn. Ein Polizist springt aus dem Auto, hält Mesut fest und fordert ihn auf, seine Schuhe auszuziehen.

»Was richtig blöd war, war, dass die meine Schuhe mitgenommen haben, da war halt noch Blut dran. Die waren nagelneu!« Ein Jahr nach der Schlägerei muss Mesut (Name von der Redaktion geändert) seine Tat beim Anti-Aggressivitäts-Training schildern. Ihm gegenüber sitzt Diakon Jörg-Simon Löblein. Er fragt schonungslos immer weiter, Mesut soll seine verdrängten Bilder im Kopf wieder hervorholen. Wie es sich angehört hat, als der Kiefer geknackt hat. Ob er gesehen hat, wie die Äderchen im Auge des Opfers geplatzt sind. Er kann sich an solche Details kaum mehr erinnern, behauptet Mesut. Eher noch an seine Schuhe.

Viele Jugendliche sind es gar nicht gewohnt, dass sich jemand für sie interessiert. Jörg-Simon Löblein (links) mit einem jugendlichen Gewalttäter.
Foto: McKee
   Viele Jugendliche sind es gar nicht gewohnt, dass sich jemand für sie interessiert. Jörg-Simon Löblein (links) mit einem jugendlichen Gewalttäter.

Neun Jugendliche notieren sich in krakeliger Schrift auf einen Fragebogen: »Blut auf Turnschuhen«. Acht Monate lang treffen sie sich einmal wöchentlich beim Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen. Keiner ist freiwillig hier, das Training ist eine richterliche Bewährungsauflage für mehrfach verurteilte junge Gewalttäter. Wer vier Mal fehlt, muss in den Knast. Manche Kandidaten haben es vorgezogen, gleich ins Gefängnis zu gehen, anstatt im Stuhlkreis zu sitzen und zu reden, Rollenspiele zu machen und sich Provokationstests zu unterziehen.

Viele Teilnehmer sind auch nach zwei Monaten Training noch fest davon überzeugt, dass sie dort eigentlich gar nichts zu suchen haben. »Ich hab alles im Griff«, beteuert Mesut. Alle zehn Teilnehmer führen kriminelle Jugendbanden an, dort sind sie der Boss. Positiv ausgedrückt: Sie haben Führungsstärke. Sie müssten sie nur richtig anwenden.

»Ihr müsst lernen, über euch selbst zu lachen«: Trainer Markus Burchert bei einer theaterpädagogischen Übung.
Foto: McKee
   »Ihr müsst lernen, über euch selbst zu lachen«: Trainer Markus Burchert bei einer theaterpädagogischen Übung.

Bei Kai ging das anfangs so: immer dazwischenreden, wenn die Trainer etwas sagen, keinen Anweisungen folgen, die Gruppe beherrschen. Er wollte im AAT den Chef spielen. Irgendwann ist Löblein laut geworden. Er hat ihn vor die Wahl gestellt: Kai muss schlucken, dass Löblein und sein Co-Trainer Markus Burchert die Chefs sind oder er wird rausgeworfen. Auch die anderen Gruppenmitglieder haben losgeschimpft. »Ihr tut ja alle so, als wären wir Schwerverbrecher«, sagte Kai. »Ja was seid ihr denn dann?«, fragte Löblein zurück: »Ihr seid sogar die Gewaltelite! Wir haben hier einen Mörder, über 20 Verurteilungen wegen Gewaltdelikten, und drei von euch sind Sexualstraftäter!«

Manche können die Maske nicht fallen lassen

Eine Woche später ist Kai schon eine Stunde vor Beginn beim Training und hilft mit beim Aufbauen. Keiner kommt nach 18 Uhr, denn das gibt Minuspunkte. Jeder streckt jedem höflich die Hand entgegen, man schaut sich gegenseitig in die Augen, manche schieben noch ein »schön, dich zu sehen« hinterher. Andere grinsen auch übertrieben. Sie können ihre Maske noch nicht fallen lassen. Sie wissen, sie müssen mitmachen - und das heißt, nicht nur physisch anwesend zu sein, sonst bekommen sie ihr Zertifikat nicht. Doch das AAT bleibt momentan noch eine Strafe für sie.

Vertrauen lernen: Sich auffangen zu lassen gehört zu den Übungen des Anti-Aggressivitäts-Trainings.
Foto: McKee
   Vertrauen lernen: Sich auffangen zu lassen gehört zu den Übungen des Anti-Aggressivitäts-Trainings.

Im Training sollen sie zunächst erzählen, wie die vergangene Woche war. Viele sind es gar nicht gewohnt, dass sich jemand dafür interessiert, was sie den ganzen Tag machen. Die Antworten kommen schleppend. »Passt schon«, nuschelt Khaled. In abgehackten Sätzen berichtet er, dass er sich in einem Laden vorgestellt hat. »Das heißt, du hast jetzt den Job als Verkäufer gekriegt?«, fragt Löblein. Der 17-Jährige zuckt mit den Schultern, schaut auf den Boden und deutet ein Nicken an. »Das sagt der so nebenher! Ja Glückwunsch!«

Auch Michael behauptet: »Passt alles.« Löblein hatte ihn in der Woche zuvor angerufen und gefragt, warum er nicht mehr ins Training kommt. Michael hatte »einfach keinen Bock« in sein Handy gebrüllt. Michael ist mal wieder explodiert. Als Löblein bei seiner Familie ankam, war die Wohnung verwüstet. Eine Schrankwand war eingetreten, und Michaels Handy lag in seine Einzelteile zersplittert in der Ecke. Löblein hat lange mit ihm geredet. Am Ende konnte er ihn davon abhalten, das Training abzubrechen.

Michael muss wie alle anderen einen Brief an sein Opfer schreiben. »Ich mach das nur, wenn er nicht abgeschickt wird«, sagt er. Keiner der Teilnehmer hat die Aufgabe bisher erledigt. »Es tut mir schon irgendwie leid, aber ich will nicht, dass das der andere weiß. Außerdem wollte der das so, der hat doch um Schläge gebettelt«, sagt sein Sitznachbar. Sich zu entschuldigen hieße für ihn: Schwäche zeigen.

In den Einzelinterviews fragt Löblein die Jugendlichen auch nach ihren Träumen. Sie wünschen sich keine Gangsterbraut, keine Villa und auch keinen Porsche. »Eigentlich haben sie ein ganz kleinbürgerliches Leben vor Augen.« Nur: Sie tun genau das Gegenteil von dem, was sie ihren Träumen näherbringen würde. Normal ist es für die Jugendlichen, Drogen zu nehmen, andere zu schlagen, in den Tag hinein zu leben. Nur vier der zehn Teilnehmer haben eine reguläre Arbeit, die anderen stecken in Bildungsprogrammen oder sind arbeitslos. »Es fällt ihnen schwer, den Schritt in die gesellschaftliche Normalität zu wagen. Dazu gehört Geldverdienen, die Wohnung sauber zu machen, nicht straffällig zu werden«, erklärt Löblein.

Am Ende des Trainings wartet eine besondere Übung. Einer nach dem anderen soll auf einen Tisch steigen und sich rückwärts he­runterfallen lassen. Mesut steht oben, der 22-Jährige, der nach einer Schlägerei seine blutigen Schuhe abgeben musste.

»Mann, ich trau mich nicht«, sagt er und versucht, mit einem Grinsen die Angst wegzuwischen. Keiner lacht ihn aus. Die bayerische Gewaltelite steht unten, hinter seinem Rücken, und streckt die Hände aus: »Wir fangen dich auf«, versprechen die Jungs. Einen Moment lang hat man das Gefühl, auf einer Konfirmandenfreizeit gelandet zu sein und nicht in einem Anti-Aggressivitäts-Training für Schwerverbrecher. Ganz langsam lässt Mesut seinen Körper nach hinten kippen, er lacht dabei nervös - und liegt eine Sekunde später sicher in den Armen der anderen.

Michael ist als Nächster dran, aber er weigert sich. »Ich muss kotzen, wenn ich da oben steh.« In den Hochseilgarten wollte Michael auch nicht. Die Edeltraud-Haberle-Stiftung der Kirchengemeinde Germering hat den Eintritt für die anderen Jugendlichen gezahlt. Beim Klettern durften sie ihre Abenteuerlust ausleben und ein Erfolgserlebnis ohne Gewalt spüren.

Die zehn Teilnehmer stehen am Anfang, sieben Monate dauert das Anti-Aggressivitäts-Training noch. Sie alle haben Schuld auf sich geladen, die sie nur schwer wiedergutmachen können.

Zum Abschluss des AAT werden sie etwas an die Gesellschaft zurückgeben: Die Gruppe aus dem Vorjahr hat in einem Kinderhaus in Germering die Wände gestrichen. Danach waren sie zusammen im Gottesdienst. »Ich habe die Predigt gehalten«, erinnert sich Diakon Löblein, »und die Jungs haben Fürbitten gelesen, es war toll.«

Eine Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hat ergeben, dass 63 Prozent der AAT-behandelten Gewalttäter nicht mehr rückfällig wurden. Löblein sieht es schon als Erfolg, wenn die Teilnehmer selbst feststellen, dass sie sich durch das AAT besser unter Kontrolle haben. Er sagt: »Ich habe sie alle in mein Herz geschlossen, auch wenn sie Verbrecher sind. Das AAT wirkt, aber man darf nicht glauben, dass hier alle als geheilte Engelchen wieder rauskommen.«

JUNGE GEWALTTÄTER

Stuhlkreis statt Gefängniszelle. Wie die Evangelische Jugendhilfe junge Gewalttäter betreut. Von Christiane Hawranek. » lesen!

Spaß und Stärke. Diakon Jörg-Simon Löblein, Sozialpädagoge und Anti-Aggressivitäts-Trainer, über die Motive jugendlicher Gewalttäter. » lesen!

»Ich bereue alles, was ich getan habe«. Vom Kriminellen zum Sozialarbeiter: Fadi Saad hat ein Buch über sein Leben geschrieben. » lesen!

ANTI-AGGRESSIVITÄTS-TRAINING

  Das Anti-Aggressivitäts-Training der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen richtet sich an männliche mehrfach straffällige Gewalttäter zwischen 16 und 22 Jahren. Es dauert acht Monate.

  Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe für drei Stunden, zusätzlich machen die beiden Sozialpädagogen Hausbesuche bei den zehn Teilnehmern und führen mit ihnen Einzelgespräche. Im Training sprechen sie über ihre Gewalttaten, müssen in Rollenspielen den Opferpart einnehmen und lassen sich auf dem »heißen Stuhl« provozieren.

  Ziel ist es, Konfliktlösungsstrategien ohne Gewalt zu lernen. Das Motto des Trainings: »Schlagfertig werden mit Worten!«