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Sonntagsblatt 19/ vom

Ehre sei Gott auf der Höhe

Das Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe feiert 100. Geburtstag

Von Thomas Greif

Irgendwie passt es, dass dieser fromme Platz sogar im Gloria vorkommt. Man muss nur ein kleines Wort austauschen, dann stimmt's auch sprachlich: Ehre sei Gott auf der Höhe! Das gilt seit 100 Jahren, denn so lange schon gibt es das Diakonissen-Mutterhaus auf der Hensoltshöhe in Gunzenhausen. Mit einer opulenten Ausstellung gewährt die »Höhe« Einblicke in Leben und Wirken der Diakonissen im Wandel der Zeit.

Hensoltshöhe: Ausreise von Missionarinnen im Jahr 1932 (o.l.); eine Schwester beim Spielen mit Kindern im Kindergarten Fürth (o.r.); in der Ausstellung »100 Jahre Hensoltshöhe (u.l.); Panoramabild der »Höhe« (u.r.).
Foto: Grossmann, Hensoltshöhe
   Hensoltshöhe: Ausreise von Missionarinnen im Jahr 1932 (o.l.); eine Schwester beim Spielen mit Kindern im Kindergarten Fürth (o.r.); in der Ausstellung »100 Jahre Hensoltshöhe (u.l.); Panoramabild der »Höhe« (u.r.).

Seit Generationen hat die »Höh« das evangelische Leben in Franken mitgeprägt, entweder durch ihre sozialdiakonischen Einrichtungen oder, sicher noch intensiver, durch ihren offensiven missionarischen Anspruch. Bis heute ist das Haus mit rund 360 Schwestern, von denen immerhin noch 80 aktiv sind, das größte Diakonissen-Mutterhaus Deutschlands. Das Aufgabenspektrum ist weit gefächert: Es reicht von der Betreuung suchtkranker Menschen über die Ausbildung von Erzieherinnen bis zur Verkündigung und Seelsorge in Ortsgemeinden. Kein bayerisches Diakonissenhaus schreibt dabei die Verknüpfung von Diakonie und Mission so groß wie die Hensoltshöhe - und das war zu allen Zeiten ihres Bestehens auch immer ein Quell des Konflikts mit der Amtskirche und deren Repräsentanten. Denn schnell konnte ein Ortspfarrer die Hensoltshöher Mission als Konkurrenzveranstaltung ansehen. Jüngstes Beispiel ist der Konflikt um die Notfallseelsorge im Landkreis Ansbach, in dem amtskirchliche Pfarrer die weitere Zusammenarbeit mit dem Kollegen von der Hensoltshöhe verweigert haben (das Sonntagsblatt berichtete im Regionalteil). Dass Hensoltshöhe und Landeskirche im Jubiläumsjahr so gut es geht miteinander versöhnt sind, wird sich freilich spätestens zum Geburtstagsfest am Pfingstsonntag manifestieren - da ist nämlich Landesbischof Johannes Friedrich Ehrengast auf der »Höh«.

Mit der Ausstellung im Haus Bethel startet die Hensoltshöhe eine bislang nie da gewesene Öffentlichkeits-Offensive. »Die Hensoltshöhe ist nicht hermetisch abgeriegelt, sondern offen«, betont denn auch Eberhard Hahn, der seit dem vergangenen Jahr das Rektorenamt innehat. Gemeinsam mit der neuen Oberin Gisela Staib hat er auf der betulichen »Höhe« ganz eindeutig frischen Wind gemacht - bis hin zu einer vorsichtigen Öffnung gegenüber einer Aufarbeitung der braunen Vergangenheit der Hensoltshöhe (siehe Kasten). Das Ausstellungsprojekt hat man in die fachkundigen Hände der Nürnberger Historikerin Gesa Büchert gelegt, deren Wissen über das Leben von Diakonissen sich anfangs im gleichen Bereich bewegte wie beim allergrößten Teil der Bevölkerung - nämlich null. Aber genau das hat der Kuratorin einen Zugriff ermöglicht, der die Ausstellung nun für ein breites Publikum spannend und besuchenswert macht: keine gefachsimpelte Selbstbetrachtung, sondern eine lebendige Begegnung mit einer Lebens-, Arbeits- und Denkwelt, die immer mehr Menschen fremd ist.

Wer weiß schon, dass es auf der »Höhe« eine eigene Zahnarztpraxis nur für Diakonissen gibt, deren historischer Behandlungsstuhl in der Ausstellung auch prompt zur Veranschaulichung dient? Wer ahnt, dass eine Hensoltshöher Schwester im japanischen Kobe einer eigenen kleinen Diakonissen-Gemeinschaft vorsteht (in der Ausstellung liebevoll symbolisiert durch ein japanisches Eck mit Fächer und Papierlampe)? 17 interaktive Stationen zum Mitmachen hat Büchert auf den zwei Ebenen der 700 Quadratmeter großen Ausstellung untergebracht - das ist aller Ehren wert und war sicher nicht gerade billig. Man kann reinhören, was die Gunzenhäuser über die »Höhe« wissen oder wie sich Diakonissen selbst sehen und verstehen, man kann den Schwestern in historischem und aktuellem Filmmaterial über die Schultern sehen. An der historischen Druckerpresse können sich Besucher eigene Jubiläumspostkarten herstellen.

Die Geschichte der Hensoltshöher Diakonissen beginnt, genau besehen, schon ein paar Jahre vor dem nun gefeierten Geburtstag. 1903 erwarb der Augsburger Industrielle Ernest Mehl die Gartenwirtschaft auf der Gunzenhäuser Hensoltshöhe (benannt übrigens nach einem früheren Bürgermeister). Zwei Jahre später holt Mehl aus dem westpreußischen Vandsburg die ersten Diakonissen auf die »Höhe«, wo er inzwischen ein christliches Erholungsheim gebaut hat. Eine von ihnen, Schwester Anna Kolitz, wird mit dem Aufbau eines eigenen Mutterhauses beauftragt. Der Eintritt der ersten Diakonisse in dieses neue Mutterhaus am 1. Mai 1909 gilt als dessen eigentlicher Gründungstag.

Die »Höhe« erlebt nun ein stürmisches Wachstum: 1929 gehören dem Mutterhaus, das bis heute dem Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband angeschlossen ist, schon 750 Schwestern an, in den 1960er-Jahren verzeichnet man den Höchststand mit 1266 Diakonissen. Wichtige Marksteine in der Geschichte der Hensoltshöhe sind der Beginn der Suchtkrankenarbeit durch die Übernahme der Trinkerheilstätte im oberfränkischen Hutschendorf (1919), die Fertigstellung der Konferenzhalle Zion mit 3000 Plätzen (1926), die Gründung des Kindergärtnerinnen-Seminars (1927, heute Fachakademie für Sozialpädagogik) und der Neubau des Sanatoriums (1993-1995).

Die »Höhe« unterhält heute außerdem vier christliche Gästehäuser, eine eigene Buchhandlung, ein Altenheim, vier Suchtkliniken und eine Reihe von Erziehungsstätten. Künftig will man nach den Worten von Rektor Hahn noch stärkere Akzente im Bildungsbereich setzen. Inzwischen stehen 435 Mitarbeitende auf der Lohnliste des Mutterhauses, die in immer mehr Arbeitsbereichen die Diakonissen ablösen. Hahn sieht's undramatisch: »Der Auftrag bleibt derselbe, während sich die Formen ändern.«

HENSOLTSHÖHE

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