Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 22/ vom

Des Pfarrers schwarze Pädagogik

Michael Hanekes Film »Das weiße Band« erhält bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme


Mit einer Goldenen Palme für die österreichisch-französisch-deutsche Koproduktion »Das weiße Band« gingen am vergangenen Sonntag die 62. Internationalen Filmfestspiele von Cannes zu Ende. Der Film des in München geborenen und in Wien aufgewachsenen Regisseurs Michael Haneke zeigt in strengem Schwarz-Weiß die autoritären Strukturen und ihre unheimlichen Wirkungen in einem deutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Pfarrersohn Martin hat masturbiert - vom wohlmeinenden Vater wird er deshalb ans Bett gefesselt und mit dem Rohrstock geschlagen. Als Zeichen anzustrebender Reinheit erhalten die Kinder des Pfarrers ein weißes Band umgebunden.
Foto: X-Filme
   Pfarrersohn Martin hat masturbiert - vom wohlmeinenden Vater wird er deshalb ans Bett gefesselt und mit dem Rohrstock geschlagen. Als Zeichen anzustrebender Reinheit erhalten die Kinder des Pfarrers ein weißes Band umgebunden.

Michael Hanekes Film »Das weiße Band« gelingen Bilder, die im Kopf bleiben. Und sie sind schwarz-weiß. »Schwierigkeiten, die Bilder zu glauben«, bereiteten ihm Farbfilme über historische Themen, sagt der Regisseur: »Mein Bildgedächtnis ist schwarz-weiß, anders kann ich es mir nicht vorstellen.« Seine Bilder scheinen in der Tradition des schwedischen Meisterregisseurs und Pfarrersohns Ingmar Bergmann zu stehen. Ähnlich kraftvoll und scharf sind sie. Hanekes Film ist ein Panoptikum abgründiger Miniaturen - und »das weiße Band« des Titels steht dabei für die schwarze Pädagogik eines evangelischen Pfarrers.

Unsichtbare, aber gegenwärtige Gewalt

»Das weiße Band« ist eine feine psychologische Studie mit strengen Bildern über die Wurzeln des deutschen Faschismus. Der Film eröffnet den Blick auf die patriarchalischen Machtverhältnisse und ihre Abgründe in einem kleinen evangelischen Dorf östlich der Elbe, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs: Gutsherr, Pfarrer und Arzt herrschen uneingeschränkt über ihre Frauen und Kinder und selbstverständlich auch über die Bauern des Dorfes.

»Genauigkeit« der Bilder: Michael Hanekes Film »Das weiße Band« erzählt - so der ironische Untertitel - »eine deutsche Kindergeschichte«.
Foto: X-Filme
   »Genauigkeit« der Bilder: Michael Hanekes Film »Das weiße Band« erzählt - so der ironische Untertitel - »eine deutsche Kindergeschichte«.

Nur der junge, empfindsame Lehrer (Christian Friedel) wundert sich über die mysteriösen Dinge, die geschehen, und stellt Nachforschungen an. Da wird etwa ein dünnes Drahtseil zwischen zwei Bäumen gespannt, über das das Pferd des Arztes stolpert und diesen dabei verletzt. Eine Scheune brennt ab, der behinderte Junge der Hebamme wird brutal zusammengeschlagen und an einen Baum gefesselt. Als der Lehrer schließlich einen Verdacht äußert, rät ihm der Pfarrer (dem Burghart Klaußner ein perfektes Gesicht verleiht) dringend, sich aus der Sache herauszuhalten.

Unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche öffnen sich gesellschaftliche und private Abgründe von Macht, Sexualität, Unterdrückung und Tod. Die stets anwesende Gewalt bleibt unsichtbar, sie und das Abgründige, das Ekelhafte bleiben der Vorstellung des Zuschauers überlassen und wirken dadurch umso beklemmender.

Michael Haneke: ein Österreicher und sein deutsches Thema.
Foto: X-Filme
   Michael Haneke: ein Österreicher und sein deutsches Thema.

Die bemerkenswert sorgfältige Auswahl der Darsteller trägt viel zu dem präzisen »historischen« Eindruck des Films bei. »Altmodische Gesichter« habe man gesucht, sagt Haneke. Es sind nicht nur die Hauptdarsteller (u. a. Josef Bierbichler oder Ulrich Tukur als Gutsherr und Baron), die diesem Film sein Gesicht geben, sondern vor allem die rund 200 Statisten und die aus 7000 Bewerbern herausgesuchten Kinder. Um »von Wind und Wetter gegerbte Bauerngesichter« zu bekommen, ging Haneke nach Rumänien, weil er im deutschsprachigen Raum nicht habe fündig werden können. So entsteht bei »Das weiße Band« mitunter der Eindruck, man blättere durch einen Band mit historischen Porträtfotos und sieht Gesichter, wie sie lange in keinem Film zu sehen waren.

Seine filmische Laufbahn begann der 1942 in München geborene Österreicher Michael Haneke als Redakteur des Südwestfunks in Baden-Baden. 2001 machte er mit seiner Kinoverfilmung von Elfriede Jelineks Roman »Die Klavierspielerin« international auf sich aufmerksam. Auch »Das weiße Band« wirkt wie eine Literaturverfilmung, doch das Drehbuch hat Haneke nach intensiven Recherchen selbst geschrieben.

2005 erhielt Haneke in Cannes für seine französische Produktion »Caché« (»Versteckt«) den Preis der Ökumenischen Jury. Mit Daniel Auteuil und Juliette Binoche in den Hauptrollen rührte der frankophile österreichische Regisseur damals an ein in Frankreich noch immer mit Tabus besetztes historisches Thema, den Algerienkrieg.

»Eine deutsche Kindergeschichte« lautet in Deutscher Kurrentschrift nun der ironische Untertitel von »Das weiße Band«. Seine Sozial­studie über eine autoritäre Gesellschaft, deren Kinder sich 20 Jahre später begeistert in den Nationalsozialismus stürzen werden, will Haneke aber weniger historisch spezifisch auf Preußen oder Deutschland gemünzt, als beispielhaft und aktuell verstanden wissen: »Alle Formen von Terrorismus entspringen derselben Quelle: der Perversion von Idealen, die man in soziale Regeln übersetzt«, sagt der österreichische Filmemacher.

 

  »Das weiße Band« kommt voraussichtlich am 12. November in die Kinos.

 

 

 

Markus Springer