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Sonntagsblatt 24/ vom

Swinging Pipes

Der Orgel-Literaturkanon (29): »Mozart Changes« von Zsolt Gárdonyi


Die Chöre sangen längst schon Gospels und Spirituals, die Kirchenbands brachten modernes, mitunter dezent schräg harmonisiertes Liedgut ins Gemeindeleben - nur die Orgel blieb lange die letzte jazzfreie Zone in der Kirche. Doch auch das hat sich geändert.

Zsolt Gárdonyi schrieb mit seinen »Mozart Changes« einen Orgelhit, der schon wenige Jahre nach seiner Entstehung zum Klassiker geworden ist.
Foto: Halke (Grafik)
   Zsolt Gárdonyi schrieb mit seinen »Mozart Changes« einen Orgelhit, der schon wenige Jahre nach seiner Entstehung zum Klassiker geworden ist.

Seit Jahren schon gibt es bei den Neuerscheinungen der Orgelliteratur einen Groß-Trend: Es swingt, groovt und bluest, dass es eine wahre Pracht ist. Und warum auch nicht? Die klangliche Vielfalt der Orgel schreit geradezu danach, sie auch ungewohnten Formen zu öffnen. Und welcher Musiker hat schon das Privileg, sein Trompetensolo eigenhändig mit smarten Harmonien zu unterlegen und dazu noch seinen eigenen Walking Bass dazuzuspielen?

Dass treue Kirchgänger bei einem swingenden Choralvorspiel noch manchmal zusammenzucken, ist erstaunlich genug. Denn der Jazz ist inzwischen 100 Jahre alt - es ist, was man ihm aber nicht anhört, nach den Maßstäben menschlicher Generationenfolge uralte Musik!

Wie bei aller zeitgenössischen Musik ist es schwer, schon heute zu beurteilen, welche Werke sich dauerhaft durchsetzen und welche möglicherweise in zwei Jahrzehnten schon auf dem geistigen Müllhaufen der Orgelwelt gelandet sein werden. Viele springen zurzeit auf den Jazz-Zug auf, ohne dort wirklich einen Platz zu finden.

Obwohl der Trend noch jung ist, gibt es aber schon einen Klassiker: Er heißt »Mozart Changes« und stammt aus der Feder des ungarischen Komponisten Zsolt Gárdonyi (*1946), der als Professor für Musiktheorie an der Musikhochschule Würzburg lehrt. Das Stück hat binnen weniger Jahre einen Siegeszug durch die Konzertprogramme der Welt angetreten, und es ist bei den meisten Organisten unter den Erstnennungen, wenn man sie nach Orgel-Jazz befragt.

»Mozart Changes« lotet weder die Untiefen der komplizierten Jazz-Harmonik aus, noch ist es von üppiger rhythmischer Vielfalt - aber es ist trotzdem »der« Jazz-Titel für die Orgel geworden. Zum Erstaunen des Komponisten übrigens, der seinen Fünf-Minuten-Satz eher als schnell hingeworfene Studie denn als Leuchtturm eines Genres verstand.

Gárdonyi schrieb das Stück 1995 für das Mozart Festival in Bartlesville (USA), wo es im gleichen Jahr uraufgeführt wurde. Der Titel ist doppelbödig: Zum einen bezeichnet er den Wechsel (»change«) von der Musikwelt der Klassik in die Moderne, den »Mozart Changes« binnen weniger Takte bewältigt und damit 200 Jahre überwindet. Zum anderen knüpft er an die jazzologische Wortbedeutung von »changes« im Sinne von Akkordwechseln an. Gemeint ist eine Folge aus drei Quintfällen, die zu allen Zeiten und in allen Genres der Musik wiederkehrt.

Als Grundlage des Werkes dienten Gárdonyi zwei Themen aus dem Schlusssatz von Mozarts letzter Klaviersonate in D-Dur (KV 572), die zunächst wörtlich präsentiert werden. Peu à peu schleichen sich dann rhythmische und harmonische Verfremdungen ein, bis auf einmal ein durch und durch jazzinspirierter Swing die Orgelpfeifen tanzen lässt. Noch einmal geht´s brav zurück in die Wiener Klassik - doch auch beim zweiten Anlauf wird das züchtige Mozart-Motiv von den Jazzklängen eingefangen.

Ein Erfolgsrezept des Stückes ist sicher der wunderbar ironisch-respektlose Umgang mit Großmeister Mozart, der darüber vermutlich seine helle Freude gehabt hätte.

AN DER ORGEL

Michael Dorn, Stadtkantor in Naila.
Foto: Lammel
   Michael Dorn, Stadtkantor in Naila.

»Auf die Mozart-Changes bin ich eher zufällig gestoßen. Im Mozart-Jahr 2006 übte ich gerade an Mozarts Fantasie f-Moll (KV 594), als mir ein lustiges kleines Orgelstück über Mozart einfiel, das ich einmal in einem Faschings-Orgelkonzert gehört hatte. Nach etwas Internet-Recherche bestellte ich mir die Noten der Mozart-Changes. Zuerst war ich enttäuscht, weil ich ein anderes Stück erwartet hatte. Aber diese Enttäuschung ist schnell verflogen.

Gárdonyi ist es gelungen, einen musikalischen Spaß ganz im Mozart'schen Sinne zu schreiben, der Hörer und Spieler gleichermaßen in den Bann zieht. Ich liebe die verspielte Leichtigkeit des Jazz, die wunderbar mit Mozart harmoniert und sich fast unbemerkt in das Stück.

Das Konzert steht unter dem Motto »Changes - Veränderungen«. Neben den musikalischen »Mozart-Veränderungen« wird sich nach dem 14. Juni auch der Innenraum der Stadtkirche durch eine Umgestaltung grundlegend verändern. Und schließlich wird dies mein letztes Konzert als Nailaer Stadtkantor sein, bevor ich mich im August nach Bayreuth hin 'verändere'.«

  Michael Dorn, Stadtkantor in Naila, spielt »Mozart Changes« von Zsolt Gárdonyi in einem Orgelkonzert am Sonntag, 14. Juni, um 19.30 Uhr. Die zweimanualige Schuke-Orgel von 1997 hat 36 Register.

 

 

Thomas Greif