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Sonntagsblatt 30/ vom

Angriff der »Untergunther

Nächtlicher Einsatz im Pariser Pantheon: »Kultur-Guerilla« restauriert heimlich alte Kunstwerke


»Les Untergunther« nennt sich eine französische Restaurierungsgruppe, die in Ämtern, Museen oder auch im Pariser Untergrund aktiv ist, um ohne zu fragen, aber für die Öffentlichkeit kostenlos, verwahrlostes Kulturgut zu restaurieren. Ihr größter Coup: die heimliche Reparatur der Uhr auf dem Pantheon, einem der Wahrzeichen von Paris.

Frankreichs nationale Ruhmeshalle: das Panthéon in Paris. Heimlich richtete sich die Gruppe »Les Untergunther« dort eine Werkstatt ein, nannte diese »Unter und Gunther Winter Kneipe«...
Foto: PD
   Frankreichs nationale Ruhmeshalle: das Panthéon in Paris. Heimlich richtete sich die Gruppe »Les Untergunther« dort eine Werkstatt ein, nannte diese »Unter und Gunther Winter Kneipe«...

Es war ein ganz normaler Nachmittag in Paris, als zwei Frauen und zwei Männer die Verwaltungsräume des Pantheons betraten, um der Direktion höflich mitzuteilen, dass die große Uhr des Gebäudes nach 50 Jahren Stillstand nun wieder laufe - sie hätten sie restauriert. Nach einem Moment beklemmender Stille fragte der Verwaltungsdirektor ohne jegliche Begeisterung: »Ah bon? Ich war darüber gar nicht informiert.« Diese Szene ist nachzulesen in dem Buch »La culture en clandestin - L'UX« von Lazar Kunstmann, in der die heimlichen Aktionen beschrieben werden, mit denen eine selbst ernannte Pariser »Kultur-Guerilla« sich um das Kulturgut der Nation kümmert.

»Die Uhr war in einem bedauerlichen Zustand, total verrostet«, erinnert sich Jean-Baptiste Viot. Der Uhrmacher hat sie vor drei Jahren gemeinsam mit Helfern nachts und unter strenger Geheimhaltung restauriert. »Wir haben sie auseinandergenommen und gereinigt. Ich musste auch ein paar Ersatzteile anfertigen und auch einen Teil des Antriebs, weil der Rahmen verzogen war.«

...und reparierte eine seit Jahrzehnten defekte historische Uhr.
Foto: L'UX
   ...und reparierte eine seit Jahrzehnten defekte historische Uhr.

Das Pantheon ist ein Wahrzeichen von Paris, hier liegen die sterblichen Überreste der bedeutendsten Franzosen, von Voltaire über Victor Hugo bis Marie Curie. Es dauerte 300 Arbeitsstunden, bis die Wagner-Uhr aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Kuppel repariert war, den Wert der Arbeit schätzt Jean-Baptiste Viot auf rund 13.000 Euro. Danach schlug die Glocke wieder jede Viertelstunde.

Doch die Direktion des Pantheon war alles andere als begeistert. Denn die Gruppe hatte die Arbeit zwar umsonst gemacht, aber ohne Erlaubnis offizieller Stellen.

»Les Untergunther« nennt sich die Restaurierungsgruppe. Sie gehört einer Bewegung an, die in Ämtern, Museen oder auch im Pariser Untergrund aktiv ist und heimlich verwahrlostes Kulturgut restauriert. Um sich bei ihren geheimen Aktivitäten unerwünschte Gäste vom Leib zu halten, hatten Mitglieder der Gruppe die Idee, eine CD mit Hundegebell aufzulegen.

Als sie die CD beschrifteten, seien »Les Untergunther« zu ihrem Namen gekommen, berichtet Lazar Kunstmann, Sprecher der Bewegung. »Hundegebell als Titel fanden sie nicht gerade poetisch«, erzählt er. »Deshalb schrieben sie als Titel: Wauwau.« Und weil Wachhunde auf französisch »deutsche Schäferhunde« heißen, suchten sie nach einem deutschen Namen für die Interpreten. »Keiner sprach deutsch, und da sagten sie: Günther, so heißen viele in Deutschland, das hört sich gut an. Es bellten zwei Hunde, und den zweiten nannten sie Unter, wie Untergrund.« In den 70er-Jahren war das, als der sogenannte Krautrock zwischen »Kraftwerk« und Klaus Schulze in Frankreich populär war und die Untergunthers noch zur Schule gingen. Sie hatten sich der aus England kommenden Bewegung »UX« wie »urban experiment« (städtisches Experiment) angeschlossen.

Unfähige Kulturverwaltung

Das Experiment der Pariser besteht darin, Kulturorte »positiv zu nutzen«, wie sie es nennen: Sie veranstalten heimliche Film- und Theateraufführungen in geschlossenen Kinos oder Metrostationen. Eingeweihte erkennen die Veranstaltungshinweise an einer mexikanischen Tänzerin auf den Flugblättern: Sie ist das Geheimzeichen der Bewegung.

Unzählige Arbeitsstunden ungefragt der Allgemeinheit spendiert: Uhrmacher Jean-Baptiste Viot von der »Les Untergunther« bei der Reparatur der Uhr im Pariser Pantheon.
Foto: PD
   Unzählige Arbeitsstunden ungefragt der Allgemeinheit spendiert: Uhrmacher Jean-Baptiste Viot von der »Les Untergunther« bei der Reparatur der Uhr im Pariser Pantheon.

Es sei nicht in erster Linie darum gegangen, dass die Aktionen heimlich stattfinden, erklärt Sprecher und Buchautor Lazar Kunstmann: »Unsere Mitglieder haben vielleicht einem Kinodirektor ein Projekt vorgeschlagen, aber daraus ist nie was geworden. Deshalb sagten sie sich eines Tages: Dann machen wir es eben selbst.«

Das Team passt sorgfältig auf, dass keiner etwas merkt von den nächtlichen Aktivitäten. Die Restaurierung der Uhr im Pantheon wurde nur öffentlich, weil die Gruppe selbst den Verwaltungsdirektor informierte. Die zuständige Behörde zeigte die Gruppe an, es kam zu einem Prozess. Doch die Untergunthers wurden freigesprochen.

Im bürgerlichen Leben sind diese Kulturspontis Uhrmacher oder Cutter beim Fernsehen - angesehene Frauen und Männer, die in ihrer Freizeit gerne die Vorschriften der Kulturbehörden unterwandern. Denn die Verwaltung ist ihrer Auffassung nach unfähig. »Es ist ihnen egal, was passiert, solange keiner davon weiß«, sagt Lazar Kunstmann. »Sie wollen ihre Ruhe haben bis zum Feierabend und dann nach Hause gehen.«

 

 

 

Martina Zimmermann