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Sonntagsblatt 33/ vom

Meiser, Blach und Cahn

Neuere Forschungen zeigen: Hans Meiser war 1926 in Nürnberg Gegner der NS-Rassenantisemiten


Hans Meiser (1881-1956) schrieb im Jahr 1926 einen Beitrag für das Evangelische Gemeindeblatt Nürnberg über »Die evangelische Gemeinde und die Judenfrage«. Im Jahr 1988 präsentierte das Archiv der Landeskirche diesen Text einer größeren Öffentlichkeit. Seitdem wird diskutiert, ob ein ehrendes Gedenken an Meiser noch angemessen ist.

Friedrich Blach, ein Porträtfoto aus dem Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Berlin 1930.
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   Friedrich Blach, ein Porträtfoto aus dem Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Berlin 1930.

In dieser Debatte spielen historische Argumente eine bedeutende Rolle. Die Entstehungsverhältnisse des Meisertextes von 1926 sind dabei aber bisher kaum berücksichtigt worden. Es blieben vor allem zwei Männer unbeachtet, die unmittelbar mit dem Meisertext in Beziehung stehen: Prof. Dr. Ernst Cahn (1875-1953) und Rechtsanwalt Friedrich Blach (geb. 1884, nach 1933 Emigration in die USA, Todesdatum unbekannt).

Cahn stammte aus einer jüdischen Familie Bayreuths. Er fühlte sich schon früh vom Christentum angezogen, wartete aber den Tod des Vaters ab, ehe er sich taufen ließ. Cahn wurde leitender Jurist der Stadt Frankfurt am Main, Honorarprofessor an der juristischen Fakultät und Presbyter der reformierten Gemeinde. Er setzte sich für soziale Fragen ein und war überzeugt, dass das Christentum einen wichtigen Beitrag zur Überwindung gesellschaftlicher Gegensätze zu leisten hätte.

Hans Meiser in den 20er-Jahren.
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   Hans Meiser in den 20er-Jahren.

Cahn sollte am 5. Oktober 1925 auf Einladung des evangelisch sozialen Vereins in Nürnberg einen Vortrag halten. Gegen diese Veranstaltung mobilisierte das Nürnberger Wochenblatt Der Stürmer seine rassenantisemitischen Aktivisten. Sie sollten gegen einen »getauften Juden als Redner« protestieren. Während der Veranstaltung kam es zu einem »Tumult« mit weiteren publizistischen Folgen.

Aufgrund der Konflikte um Cahn bat die Schriftleitung des Ev. Gemeindeblatts Meiser um eine grundsätzliche Klärung. Schon seit 1924 diffamierte »Der Stürmer« beständig Evangelische jüdischer Herkunft, forderte das Verbot der Taufe von Juden, der Judenmission und der Mischehen. Das Ziel der Rassenantisemiten war bereits damals die Entfernung aller Evangelischen jüdischer Herkunft aus der Kirche.

Der Stürmer titelte in seiner Nr. 31 vom Juli 1925 mit einem Hetzartikel gegen Theologieprofessoren und Geistliche jüdischer Herkunft, die angeblich die evangelische Kirche als »Diktatoren« beherrschen würden, um sie zu zerstören.
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   Der Stürmer titelte in seiner Nr. 31 vom Juli 1925 mit einem Hetzartikel gegen Theologieprofessoren und Geistliche jüdischer Herkunft, die angeblich die evangelische Kirche als »Diktatoren« beherrschen würden, um sie zu zerstören.

Auf diese Provokationen reagierte Meiser, indem er die heute anstößige Ansicht vertrat, das Christentum habe die Kraft, »die Juden auch rassisch zu veredeln«. Im Nürnberg des Jahres 1926 verstand man, dass Meiser damit Evangelische jüdischer Herkunft wie Ernst Cahn verteidigte, deren Ausschluss aus der Kirche die Rassenantisemiten forderten.

In seinem Artikel wollte Meiser ein realistisches Bild des Judentums seiner Zeit zeichnen. Er griff dazu auf die Schriften des jüdischen Deutschen Blach zurück. Der 1884 in Stralsund geborene Blach studierte Jura und ließ sich anschließend für den Dienst in den deutschen Kolonien ausbilden. 1911 veröffentlichte er seine Analyse der Lage der Juden in Deutschland. Blach erläuterte, dass die Juden es »meisterhaft« verstünden »ihren eigenen Vorteil wahrzunehmen«, »Handels- und Organisationsgenies« seien und sich nicht für »Handarbeit« eigneten.

»Der getaufte Jude als Redner«: Hertzartikel im Stürmer.
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   »Der getaufte Jude als Redner«: Hertzartikel im Stürmer.

Diese Merkmale führte Blach u.a. auf die »Wirkungen des jüdischen Rassegeistes« zurück. Blach wollte nun aber, dass die jüdischen Deutschen vor allem Deutsche sein sollten. Um diese »Eindeutschung« zu erreichen, forderte er dazu auf, jüdische Kinder nicht auf »verjudete« Schulen zu schicken und die einseitige Berufswahl in der Erwerbswirtschaft aufzugeben.

Blach meinte zudem, Juden sollten bewusst Ehen mit Nichtjuden eingehen. Die Kinder dieser Ehen sollten Juden bleiben, um das »germanische Blut dem Judentum zu erhalten«. So könnten die Juden verhindern, dass sie »immer und überall der ewige Jude bleiben«.

Diese Forderungen Blachs klingen heute rassistisch. Im Jahr 1911 hingegen waren Überlegungen zur Rasse Teil einer breiten Debatte innerhalb des Judentums. Hier sind z. B. Fritz Kahn (1888-1968) und Felix Theilhaber (1884-1956) zu nennen.

Meiser folgte weitgehend Blachs Analysen, indem er sie ungekennzeichnet teilweise wörtlich, teilweise paraphrasierend in seinen Artikel übernahm. Vieles von dem, was Meiser heute als antisemitische Stereotype und Phantasmen vorgeworfen wird, hatte er 1926 von Blach übernommen und galt damals als Gegenstand ernsthafter jüdischer Identitätsdebatten.

In der Nr. 40 vom September 1925 rief der Stürmer zum Protest gegen Cahns Vortrag auf.
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   In der Nr. 40 vom September 1925 rief der Stürmer zum Protest gegen Cahns Vortrag auf.

Die Namen Cahn und Blach sollten mitbedacht werden, wenn man den Artikel Meisers interpretiert. Seine Entstehungsverhältnisse verweisen jedenfalls darauf, dass Meiser bereits 1926 ein Gegner der in Nürnberg besonders aggressiv auftretenden nationalsozialistischen Rassenantisemiten war, die mit Hetzartikeln und Saalschlachten auf eine Ausgrenzung alles Jüdischen aus der ev. Kirche drängten. In dieser Auseinandersetzung nahm er den Diskurs um Rasse und Deutschtum auf, der innerhalb des nationalkonservativen Judentums seiner Zeit geführt wurde.

Dass gerade dies heute seinem ehrenden Gedenken im Wege steht, zeigt, welche Aporien eine Erinnerungskultur zu gewärtigen hat, die vorrangig die moralische Integrität der heutigen Generation unter Beweis stellen will, dabei aber den Respekt gegenüber vergangenen Generationen aus dem Blick verliert.

 

  Der Autor ist seit 2004 Theologieprofessor an der Universität Bayreuth. Zu diesem Thema ist ein ausführlicher wissenschaftlicher Artikel in der Zeitschrift für Bayerische Kirchengeschichte (ZBKG) für den Druck vorgesehen. Er trägt den Titel »Der 'Stürmer' und das evangelische Nürnberg (1924-1927)«.

INTERNET-TIPP

   Friedrich Blachs Buch »Die Juden in Deutschland. Von einem jüdischen Deutschen« aus dem Jahr 1911 ist online zugänglich über die Judaica-Sammlung der Universitätsbibliothek Frankfurt/M. Ihr langjähriger Leiter, Prof. Dr. Aron Freimann, baute sie bis 1933 zur umfangreichsten und bedeutendsten Spezialsammlung des europäischen Kontinents aus. Die Sammlung mit ihren ca. 18.000 Titeln umfasst die gesamte historische Literatur zur Wissenschaft des Judentums bis 1933.

   http://www.judaica-frankfurt.de

 

 

 

Lukas Bormann