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Sonntagsblatt 34/ vom

Sonne, Glocken und Zikaden

Ein Besuch bei der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde auf Mallorca

Von Silvia Zöller

Durch den jüngsten Terroranschlag sind die spanischen Mittelmeerinseln in aller Munde. Weniger bekannt ist, dass es auf den Balearen seit Langem eine deutschsprachige Kirchengemeinde gibt.

Ökumene im Urlaubsparadies: In der Kathedrale von Palma de Mallorca finden an Heiligabend deutschsprachige ökumenische Christvespern statt - mehr als 4000 Christen nehmen teil.
Foto: Jürgen Richter / Bildagentur LOOK
   Ökumene im Urlaubsparadies: In der Kathedrale von Palma de Mallorca finden an Heiligabend deutschsprachige ökumenische Christvespern statt - mehr als 4000 Christen nehmen teil.

Nur einmal läutet die Glocke der Pfarrkirche Sant Christ zum Gottesdienst, doch das andauernde Zirpen der Zikaden übertönt den Klang fast. Schweißtreibende 32 Grad herrschen auf Mallorca, die vier Ventilatoren im Gotteshaus können nicht gegen die Hitze ankämpfen. Dennoch geht Pfarrer Klaus-Peter Weinhold gut aufgelegt durch die Kirche in Paguera und begrüßt jeden der rund zwanzig Gottesdienstbesucher mit Handschlag. »Ist Ihnen zu kalt oder zu heiß?«, witzelt er. Touristen wie Elke Ille aus dem hessischen Alsfeld sind es, die trotz der Hitze gekommen sind: »Es ist mir zu Hause wie im Urlaub wichtig, sonntags in die Kirche zu gehen.«

Seit 2005 leitet der 55-jährige Weinhold die deutschsprachige evangelische Auslandsgemeinde auf den Balearen. Nicht nur für die rund 400 ständigen Gemeindemitglieder ist der frühere Sportpfarrer der EKD zuständig, der bei mehreren Olympischen Spielen deutsche Sportler seelsorgerisch betreute, sondern auch für die rund 4,5 Millionen deutschsprachigen Touristen, die jährlich die Sonnen­inseln im Mittelmeer besuchen. Unter den Gottesdienstbesuchern sind rund 80 Prozent Touristen, pro Jahr etwa 17.000.

Auf der 100 Kilometer langen Insel ist Pfarrer Weinhold im Jahr 40.000 Kilometer unterwegs.
Foto: sob
   Auf der 100 Kilometer langen Insel ist Pfarrer Weinhold im Jahr 40.000 Kilometer unterwegs.

Neben regelmäßigen Gottesdiensten in fünf verschiedenen Kirchen auf Mallorca und auf Ibiza steht Weinhold auch Menschen in Notsituationen bei - etwa nach den jüngsten Terroranschlägen. So wurde am vorvergangenen Sonntag der toten Polizisten und ihrer Angehörigen gedacht und anschließend zur Gesprächsrunde zum Thema Terrorismus eingeladen. Doch auch in den schönsten Stunden des Lebens werden die Pfarrer aufgesucht: »In diesem Jahr haben sich rund hundert Paare für Trauungen angemeldet«, sagt Weinhold.

Fast wie auf Bestellung klingelt das Telefon im Pfarrbüro, das nur wenige Minuten vom berühmt-berüchtigten Ballermann-Strand Playa de Palma in Arenal liegt, und ein Paar aus Deutschland fragt wegen eines Hochzeitstermins nach. Gemeindesekretärin Traudl Müller erläutert die Konditionen: Mindestens einer der Brautleute muss Mitglied der evangelischen Kirche sein; da sich die Auslandsgemeinde selbst finanzieren muss, wird um eine Spende in Höhe von 400 Euro gebeten. Kurz darauf klingelt wieder das Telefon, ein anderes Paar stellt die gleichen Fragen. »Das ist normal, das geht den ganzen Tag so«, sagt die geduldige Mitarbeiterin.

In der Kathedrale von Palma de Mallorca finden an Heiligabend deutschsprachige ökumenische Christvespern statt - mehr als 4000 Christen nehmen teil.
Foto: sob
   In der Kathedrale von Palma de Mallorca finden an Heiligabend deutschsprachige ökumenische Christvespern statt - mehr als 4000 Christen nehmen teil.

Wer sich auf Mallorca das Jawort geben möchte, muss sich rund ein Dreivierteljahr vorher anmelden, wenn die Trauung in einer Kirche oder in einer Hauskapelle stattfinden soll - die Termine sind rar, zumal die deutsche Gemeinde keine eigene Kirche hat und in katholischen Gotteshäusern auf der Insel Gast ist. »Wer flexibel ist, kann auch kurzfristig getraut werden«, so der Pfarrer, der auch schon den Bund des Lebens in Innenhöfen, unterm Olivenbaum oder sogar am Strand zelebriert hat. Allerdings: »Wir machen keine Clownerien mit.« Für Weinhold ist erstaunlich, wie viele Menschen in beruflich verantwortlichen Stellen ohne eine ausgeprägte Bindung zur Kirche sich hier für eine Trauung vor dem Altar entschließen - vielleicht auch, weil die Schwellen auf Mallorca möglicherweise niedriger liegen.

Neben Traugesprächen bringt aber auch die Betreuung der Gemeindemitglieder vor allem eines für Klaus-Peter Weinhold mit sich: Autofahren. Rund 40000 Kilometer fährt er jährlich dienstlich auf der 100 Kilometer langen und fast 80 Kilometer breiten Insel, am letzten Sonntag im Monat steigt er außerdem ins Flugzeug, um auch auf Ibiza einen Gottesdienst zu halten. Neben etwa zwanzig Seebestattungen pro Jahr geleitet der 55-Jährige auch ebenso viele Menschen bei Erdbestattungen auf ihrem letzten Weg.

Kirche am Meer: Einmal im Monat feiert Pfarrer Weinhold einen Gottesdienst am Strand.
Foto: sob
   Kirche am Meer: Einmal im Monat feiert Pfarrer Weinhold einen Gottesdienst am Strand.

Unterstützung erfährt er zurzeit von Pfarrer im Ruhestand Bernd Böhme, der zehn Monate von März bis Dezember neben Weinhold auf Mallorca predigt. Drei angehende Studentinnen, die im Rahmen eines freiwilligen dia­konischen Jahrs im Ausland Senioren und Kinder der Gemeinde betreuen, sowie zahlreiche weitere Ehrenamtliche aus der Gemeinde helfen bei kirchlichen Aktivitäten. Unabhängig von der evangelischen Gemeinde hält ein spanischer Pfarrer in Cala Millor einen evangelischen Gottesdienst in deutscher Sprache.

Ein Traumjob oder eine Knochenmühle? »Die Arbeit hier hat hohe Anforderungen, weil die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kommen, unterschiedliche Frömmigkeitsformen haben und auch das Klima von stürmisch kalt im Winter bis heiß im Sommer variiert«, holt Weinhold aus, »aber es sind Erfahrungen, für die man reich bezahlt wird mit Einblicken in die Vielfalt des Lebens.« Schon jetzt steht für den früheren Kirchenrat der nordelbischen Kirche fest, dass er seinen - wie bei Auslandsgemeinden üblich - auf sechs Jahre befristeten Vertrag 2011 um drei weitere Jahre verlängern möchte.

        

  Die Deutsche Gemeinde auf den Balearen:

Pfarrer Klaus-Peter Weinhold, Calle H, N° 3, Apartado de Correos 15, E-07600 S'Arenal (Mallorca), España, Tel. 0034-971-743-267, Fax 0034-971-743-897.

Pfarrer Bernd Böhme, Hug de Mataplana 5, 07180 Santa Ponsa (Mallorca), España.

  Internet:  www.kirche-balearen.de

MALLORCA

Dietrich Bonhoeffer war 1929 als Vikar auf Mallorca

AM 22. APRIL 1906, am ersten Sonntag nach Ostern, hielt Pfarrer Theodor Brauneck aus Barcelona im Haus des Konsuls Karl Schrader in Palma de Mallorca den ersten deutschen evangelischen Gottesdienst. Mit Unterbrechungen in den Weltkriegen wurde die Serie der zunächst jährlichen Gottesdienste fortgesetzt.

PFARRER DIETRICH HILLEBRAND wurde 1972 als erster hauptamtlicher Pfarrer auf die nun vom Tourismus geprägte Insel geschickt. Ganz unkonventionell lud er Touristen am Strand von Arenal ein, indem er mit einem Modellflugzeug Einladungszettel für seine Gottesdienste abwarf. Ihm ist es auch zu verdanken, dass die Diözese Mallorca den Wert ihrer Orgeln neu entdeckte und jährlich eine Orgelwoche präsentiert.

DIETRICH BONHOEFFER WAR ALS VIKAR in Barcelona tätig und vertrat seinen dortigen Pfarrer bei einem der jährlichen Besuche. Zwei deutschsprachige Gottesdienste standen in der Zeit vom 10. bis 18. Januar 1929 auf dem Programm. In seinem Tagebuch schreibt er: »Man bekommt hier einen Einblick in die mannigfachsten Arten zu leben und hat mit den merkwürdigsten Leuten zu tun, mit denen man sonst so leicht wohl nicht ein Wort gewechselt hätte: Weltenbummler, Vagabunden, geflüchtete Verbrecher, Fremdenlegionäre, Löwen- und sonstige Tierbändiger, die dem Circus Krone auf seiner Spanienreise durchgebrannt sind, deutsche Tänzerinnen auf hiesigen Varieteebühnen, deutsche verfolgte Fememörder, die einem nun alle ihr Lebensschicksal bis ins Detail berichten. ... Es ist merkwürdig, wenn man nachmittags oder auch am Vormittag ins Café geht, wie viele arbeitsfähige Leute so herumsitzen. ... Im Übrigen sitzen in diesen Cafés Wohlhabende, Reiche, Spießbürger und recht ärmlich Aussehende untereinander, wie mir überhaupt die soziale Frage im Süden kaum eine Rolle zu spielen scheint.«

DER KATHOLISCHE BISCHOF der Diözese Mallorca hat schon 1972 alle katholischen Kirchen für deutschsprachige protestantische Gottesdienste geöffnet. Der Höhepunkt eines jeden Jahres bilden seit 1971 zwei deutschsprachige ökumenische Christvespern nacheinander an Heiligabend in der Kathedrale von Palma de Mallorca. Daran nehmen Jahr für Jahr mehr als 4000 Christen teil.