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Sonntagsblatt 44/ vom

»Die Gemeinden werden marginalisiert«

Das Forum »Aufbruch Gemeinde« fordert eine Neuverteilung der Kirchensteuern - an die Gemeinden


Dieter Schlee (62), Pfarrer in Nürnberg (Foto), ist einer der Sprecher des Forums »Aufbruch Gemeinde«, das am Samstag, 7. November, zum zweiten Aktionstag einlädt.

Fordert mehr Einfluss der Gemeinden in der Kirche: der Nürnberger Pfarrer Dieter Schlee.
Foto: sob
   Fordert mehr Einfluss der Gemeinden in der Kirche: der Nürnberger Pfarrer Dieter Schlee.

  Herr Schlee, beim ersten Treffen von »Aufbruch Gemeinde« kamen immerhin gut 160 Kirchenvorstände und Pfarrer. Wie viele werden es diesmal sein?

Schlee: Schwer zu sagen. Das Amt für Gemeindedienst hat diesmal die Adressen der Vertrauensleute nicht herausgerückt. Wir mussten uns die Pfarramtsadressen zusammensuchen und können nur hoffen, dass die Pfarrer die Einladung weitergegeben haben.

  Worum geht's Ihnen?

Schlee: Die Gemeinde ist das Herz kirchlichen Daseins. Hier geschieht die Diakonie, die Seelsorge, der Gottesdienst. Die Gemeinden sind die Kirche, da beißt die Maus keinen Faden ab. Leider erleben wir seit Jahren eine Zentralisierung, Hierarchisierung und Episkopalisierung in unserer Kirche. Die Gemeinden werden marginalisiert. Wir sind noch gut zum Ansaugen der Kirchensteuern, für alles andere brauchen wir Beauftragte und Spezialisten. Dagegen wehren wir uns.

  Ihre Hauptforderung ist die Einführung einer neuen Haushaltsplanung. Kurz gesagt: alles Geld den Gemeinden.

Schlee: Uns geht es nicht in erster Linie ums Geld, aber natürlich knüpft sich daran die Machtfrage. Was wir wollen, ist eine gerechtere Verteilung der Kirchensteuern, die ja wiederum nur einen Teil der kirchlichen Einkünfte darstellen. Die Kirchensteuern werden von den Mitgliedern der Gemeinden bezahlt und sollen auch dort landen. Inzwischen haben wir dafür ein recht genaues Finanzmodell entwickelt.

  Nämlich?

Schlee: In Bayern zahlt etwa ein Drittel der Gemeindemitglieder Kirchensteuern, und zwar jeder im Schnitt 510 Euro, einer mehr, einer weniger. Mit diesen Eckdaten, die uns die Landeskirche bestätigt hat, kann jede Gemeinde selbst ermitteln, wie viel Kirchensteuer sie zum Gesamthaushalt aufbringt.

  Können Sie das an einem Beispiel verständlich machen?

Schlee: Ich bin Pfarrer in der Gustav-Adolf-Gedächtnisgemeinde in Nürnberg. Wir haben 7200 Mitglieder, davon zahlen also statistisch gesehen 2400 Kirchensteuern. Mal 510 Euro, macht rund 1,2 Millionen Euro. Davon ziehen wir ab, was uns die Landeskirche an Personalkosten, Schlüsselzuweisung und Zuschüssen zurückgibt. Es bleiben über 780.000 Euro übrig, von denen wir nichts sehen.

  Das klingt ziemlich unsolidarisch.

Schlee: Warum? Ich würde ja niemals dieses Geld nur in der eigenen Gemeinde einsetzen. Jede Gemeinde kann entscheiden, was sie davon abgibt - an übergemeindliche Dienste, an bedürftige Gemeinden. Solidarität bleibt ein wichtiges Gut.

  Welche fränkische Gemeinde würde freiwillig ans Landeskirchenamt abgeben?

Schlee: Die Landeskirche hat jährliche Einnahmen von 760 Millionen Euro. Davon kommt nur ein Teil aus den Kirchensteuern: 444 Millionen, so steht's in der einen Broschüre, oder 494, so steht's in der anderen. Mit der Spanne dazwischen kann man viel machen. Damit kann die Landeskirche dann - sarkastisch gesprochen - sogar einen Beauftragten für Blinddarmoperierte finanzieren.

  Für wie aussichtsreich halten Sie diese Ideen zur finanziellen Revolution?

Schlee: Mal sehen. Wir haben ein Formular entwickelt, mit dem sich jede Gemeinde ihren eigenen Anteil an der Kirchensteuer ausrechnen kann. Außer dem zuständigen Oberkirchenrat Hübner vom Landeskirchenamt ist diesmal auch die Synodalpräsidentin Deneke-Stoll bei uns. Ich freue mich auf die Diskussionen.

 

  Der zweite Aktionstag des »Forums Gemeinde« beginnt am Samstag, 7. November, um 10 Uhr in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg-Lichtenhof. Hauptreferent ist der Theologe und Publizist Christian Nürnberger. Bei der Podiumsdiskussion um 12 Uhr diskutieren unter anderen Dorothea Deneke-Stoll (Präsidentin der Landessynode), Oberkirchenrat Hübner (Landeskirchenrat). Die Leitung des Podiums hat Prof. Johanna Haberer (Erlangen).

 

 

 

Interview: Thomas Greif