Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 09/ vom

Bettelarm und krank

Erik Poppes ausdrucksstarkes Seelendrama »Troubled Water« ist großartiges Kino aus Norwegen


»Troubled Water« ist ein Film über Schuld und Vergebung, Verbrechen und Neubeginn, über Gott und die menschlichen Abgründe. Wieder einmal ist es einem skandinavischen Film gelungen, große religiöse Fragen brillant, modern und packend auf die Leinwand zu bringen.

Erlösung durch eine neue Liebe oder die unausweichlichen Schatten der Vergangenheit? Pål Sverre Valheim Hagen (Jan Thomas) und Ellen Dorrit Peterson (Anna) in »Troubled Water«.
Foto: © Kool (Filmagentinnen)
   Erlösung durch eine neue Liebe oder die unausweichlichen Schatten der Vergangenheit? Pål Sverre Valheim Hagen (Jan Thomas) und Ellen Dorrit Peterson (Anna) in »Troubled Water«.

        

Vogelgezwitscher, Großaufnahme eines grünen Blatts im Wasser, das wie ein Boot dem Flusslauf folgt. Doch der idyllische Blick ist trügerisch. Hier ist der Schauplatz eines Verbrechens - aber das wird dem Zuschauer erst am Schluss klar vor Augen geführt.

Perspektivenwechsel - acht Jahre später: Jan, der den Tod eines kleinen Jungen zu verantworten hat und bereits zwei Drittel seiner Haftstrafe verbüßt hat, wird auf Bewährung freigelassen. Man rät ihm, künftig seinen zweiten Namen Thomas zu benützten.

Die Naivität der Pfarrerin

Und keine Sekunde möchte man den Blick lösen von diesem ungläubigen Thomas, dem Filmhelden in Erik Poppes packendem und unter die Haut gehendem Seelendrama »Troubled Water«. Der Filmtitel spielt auf einen Folk-Rock-Hit der 1970er-Jahre von Simon and Garfunkel an: »Bridge Over Troubled Water«. In einer unvergesslichen Szene des Zwei-Stunden-Films interpretiert der Aushilfsorganist Thomas das bekannte Lied auf der Orgel neu. Ebenso furios wie virtuos greift der Kirchenmusiker - ein introvertierter Leidender und Zweifler am Guten - in die Tasten der Orgel, aufgewühlt von schuldvollen Gedanken, gleichzeitig bereit, eine neue Richtung einzuschlagen und seinem Leben eine neue Wendung zu geben.

Diese Chance scheint zum Greifen nahe. Thomas hat sich in die alleinerziehende Pastorin Anna verliebt. Und Anna erwidert seine Liebe.

»Es ist naiv zu glauben, dass alles Schlechte was Gutes bringt«, sagt Thomas, als er Mutter und Kind zum Einkaufen begleitet. »Ich bin naiv«, entgegnet Anna. »Deshalb bin ich Pfarrerin geworden. Ich glaube an einen, dessen Existenz wir nicht beweisen können. Aber es funktioniert.«

Annas Sohn Jens erkennt in dem neuen Freund der Mutter eine Vaterfigur. Und auch Thomas schlüpft gerne in die neue Familienrolle. Aber das Glück ist nicht von Dauer. Bald wird Thomas von seiner Vergangenheit eingeholt. In den Neubeginn haben sich unverkennbar die Parallelen zu seiner dunklen Vergangenheit eingezeichnet.

Darsteller Pal Sverre Valheim Hagen gelingt es mit großer Meisterschaft, die Abgründe der menschlichen Seele auszuloten und seiner Figur dabei Glaubwürdigkeit und Präsenz zu verleihen. Ein beeindruckendes Kinodebüt des Osloer Schauspielers, der sich mit Bühnenerfolgen bereits den Ruf eines sensiblen Charakterdarstellers erspielt hat. Für seine Rolle als ungläubiger Thomas wurde er 2009 mit dem Norwegischen Filmpreis als bester Schauspieler ausgezeichnet.

In Dänemarks derzeit größtem weiblichen Filmstar Trine Dyr­holm als Agnes, die Mutter des getöteten Kinds, hat der Norweger ein ebenbürtiges Gegenüber. Schauspielführung, Drehbuch, Kamera, Musik, Schnitt - überhaupt alles in diesem Film, der im Wesentlichen von fünf Schauspielern getragen wird, ist stimmig und funktioniert mit meisterhafter Leichtigkeit.

Regisseur Erik Poppe, der seine Karriere als Pressefotograf begann und lange als Kameramann gearbeitet hat, greift nach den großen Themen der Menschheitsgeschichte. Er fängt tatsächlich »bei Adam und Eva« an: Es geht um Schuld und Sühne, Hoffnung und Verzweiflung, Vergebung und Erlösung. Und es gelingt dem norwegischen Regisseur dabei, auf erhobene moralische Zeigefinger zu verzichten.

Mit »Troubled Water« hat Poppe seine Oslo-Trilogie komplettiert, die er 1989 mit seinem Regie­debüt »Schpaaa« begann, einer Geschichte über junge Kriminelle. Sein zweiter Film »Hawaii.Oslo« spürt am heißesten Tag des Jahres menschlichen Einzelschicksalen in der norwegischen Hauptstadt nach.

Täter- und Opferperspektive

Was den dritten Teil dieser Trilogie so brillant erscheinen lässt, ist die doppelte Erzählperspektive. Wie eine Bach'sche Fuge wird die Geschichte zweimal entwickelt: zuerst aus der Perspektive des Täters und anschließend folgt in Ergänzung die Sichtweise der Mutter des Opfers. Und immer wieder erhalten filmische Motive zwei Seiten - wie das Wasser, in dem sich Mord und Erlösung (Taufwasser) gewissermaßen spiegeln.

Der Film kulminiert schließlich an der Stelle, wo beide Erzählperspektiven aufeinanderprallen, in der dramatischen und hoch emotionalen Begegnung von Mutter und Täter.

»Der absolut beste Film, den ich seit Jahren gesehen habe«, urteilte der US-amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore über »Troubled Water«. Von Festival zu Festival begeistert der Film seit zwei Jahren ein immer größeres Publikum und gewinnt internationale Preise.

Ab 18. März ist »Troubled Water« nun auch in deutschen Kinos zu sehen.

 

  »Troubled Water« (De Usynlige), Norwegen 2008, 121 Minuten. Im Internet unter  www.troubled-water.de

 

 

 

Angelika Irgens-Defregger