Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 09/ vom

Eulenspiegel und Lottoschein

Fundort Bayreuth: Was eine jüdische Gemeinde in Jahrhunderten abgelegt hat


Was eine jüdische Gemeinde in Franken über Jahrhunderte hinweg im Dachstuhl abgelegt hat - das ist jetzt in einer »Geniza« (Schatzkammer) der Bayreuther Synagoge zum Vorschein gekommen.

Bergung der Schätze aus der Bayreuther Geniza: Mitarbeiterinnen des jüdischen Kulturmuseums Veitshöchheim im Dachgebälk der barocken Synagoge.
Foto: epd-bayern
   Bergung der Schätze aus der Bayreuther Geniza: Mitarbeiterinnen des jüdischen Kulturmuseums Veitshöchheim im Dachgebälk der barocken Synagoge.

        

Selbst die Nazis haben diesen historischen Schatz nicht bemerkt, als sie in der sogenannten Reichskristallnacht wie die Vandalen über das Gotteshaus herfielen«, sagt Felix Gothart, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth.

Seit zweieinhalb Monaten sind Spezialistinnen des jüdischen Kulturmuseums Veitshöchheim dabei, die Fundstücke aus der Geniza zu bergen. Eine Geniza ist ein verborgener Raum in alten Synagogen zur Aufbewahrung schadhaft gewordener Handschriften und Kultgegenstände. Inzwischen hat Gothart dank der Unterstützung durch den Rabbiner Senter Gaber (Bayreuth) einen ersten Überblick über die Fundstücke aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert.

König Salomon und der Buddhist

Die Bandbreite reicht von König Salomons Disput mit einem buddhistischen Mönch (etwa im Jahr 1260 in Erzählform ins Hebräische übersetzt) über kabbalistische Texte bis hin zur Trivialliteratur. »Wir haben zum Beispiel Till Eulenspiegel und die Märchen aus Tausend und einer Nacht auf Jiddisch entdeckt«, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin Elisabeth Singer (Veitshöchheim).

Unter den Reliquien sind auch Taschenkalender aus den Jahren 1754 bis 1784, ein Judenzoll aus dem oberfränkischen Ebermannstadt und sogar ein »hochfürstlich Anspachischer« Lottoschein aus dem 18. Jahrhundert. Eine Besonderheit stellt auch ein mystisches Amulett dar, das einer Wöchnerin ins Bett gelegt wurde, um böse Geister abzuhalten.

Hebräische Schrift auf der Rückseite eines »hochfürstl. Anspachischen« Lottoscheins.
Foto: epd-bayern
   Hebräische Schrift auf der Rückseite eines »hochfürstl. Anspachischen« Lottoscheins.

        

Der weit überwiegende Teil der Fundstücke, die im Dachgebälk hinter Schutt und Sand - kaum auffindbar - vergraben waren, ist jedoch religiösen Inhalts, meist hochwertige jüdische Gebetsliteratur. Das älteste Gebetsbuch stammt aus dem Jahr 1671, das jüngste aus dem Jahr 1823. Die abgelegten Schriften lassen auch Rückschlüsse auf die frühere Gemeinde und ihren vergleichsweise hohen Anspruch zu.

In Franken sind nach der Erkenntnis des Veitshöchheimer Kulturmuseums bislang 40 ländliche Fundorte mit solchen Ablagen (»Genizoth«) bekannt. Sie liegen allesamt nicht in Synagogen. »Einmalig ist auch, dass wir erstmals die Fundsituation genau dokumentieren können«, so Elisabeth Singer. Nach Mitteilung von Felix Gothart ist daran gedacht, die interessantesten Objekte im geplanten jüdischen Kulturmuseum der Gemeinde auszustellen.

Die Bayreuther Barocksynagoge, die in wenigen Wochen, am 15. März, ihr 250-jähriges Jubiläum hat, ist Gothart zufolge vermutlich das älteste jüdische Gotteshaus in Deutschland, das noch von einer aktiven Gemeinde genutzt wird. Die unmittelbare Nachbarschaft zum Markgräflichen Opernhaus bewahrte die Synagoge am 9. November 1938 vor der Brandschatzung durch die SA.

 

 

 

Bernd Mayer