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Sonntagsblatt 19/ vom

Ein ökumenischer Märtyrer

Das neue Bonhoeffer-Buch des Regensburger katholischen Bischofs Gerhard Ludwig Müller


Dass ein katholischer Bischof ein Buch über einen evangelischen Märtyrer schreibt, ist nicht alltäglich. Gerhard Ludwig Müller freilich ist seit langem mit dem Werk von Dietrich Bonhoeffer vertraut, hat er doch 1977 bei Karl Lehmann über Bonhoeffers Theologie der Sakramente promoviert. Nun hat der Regensburger Bischof ein neues Buch über den evangelischen Theologen, Pfarrer und Widerstandskämpfer vorgelegt und in der Gedenkstätte Flossenbürg selbst vorgestellt.

Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis.
Foto: sob
   Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis.

Der Band bietet eine hintergründige Einführung in Bonhoeffers Leben bis zum Martyrium im KZ von Flossenbürg am 9. April 1945 und in seine Theologie. Müller interessieren besonders Übereinstimmungen und Differenzen zwischen Bonhoeffer und der katholischen Theologie. Damit erschließt er den evangelischen Theologen, der die verbrecherische Nazi-Ideologie schon früh bekämpfte, als ökumenische Märtyrergestalt. Zwei Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch: Welchen Einfluss hatte die katholische Theologie auf das Denken und die Frömmigkeit Bonhoeffers, und: Wie kann das Christentum in der modernen Welt bestehen?

Vieles an Bonhoeffer wird verständlich, wenn Müller dessen Aufenthalte in Barcelona, Rom, New York und London als prägend für die Entwicklung des evangelischen Theologen herausarbeitet. Als Mitglied der Bekennenden Kirche erhielt Bonhoeffer bereits 1936 Lehrverbot für die Universität. 1943 wurde er inhaftiert, 1945 im KZ Flossenbürg ermordet.

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller.
Foto: sob
   Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller.

Sehr präzise zeichnet der Regensburger Bischof nach, wie Bonhoeffer mit theologischen Argumenten die Nazi-Ideologie verwirft. Eine ohne Gott vermeintlich mündig gewordene Welt entlarve Bonhoeffer als »Selbstfixierung des Menschen« und erkenne dies als »Herausforderung für das Christentum und den Glauben«. Er selbst hat sich ihr bis zum Tod gestellt und mit dem Gedanken eines »religionslosen Christentums« einen bis heute nachwirkenden Ansatz hinterlassen. Müller betont, dass die Nachfolge für Bonhoeffer (für ihn ein »Heiliger der Wirklichkeit nach«) auch den »Gedanken der Nachfolge im Leiden« beinhalte: »Glaube und Zivilcourage (…) sind für ihn keine hohlen Worte, sondern Koordinaten seiner Existenz.«

Gerhard Ludwig Müller: Dietrich Bonhoeffer begegnen; Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2010, ISBN 978-3-86744-131-5, kartoniert, 160 Seiten, 12,90 Euro

Gerhard Ludwig Müller ist eine ansprechend gestaltete, gut lesbare und inhaltlich gediegene Einführung zu Dietrich Bonhoeffer und seiner Theologie gelungen. Wie Bonhoeffer hier als ökumenischer Märtyrer gewürdigt wird, ist eine für Laien wie Kenner, evangelische wie katholische Christen gleichermaßen anregende Lektüre.

 

  Gerhard Ludwig Müller: Dietrich Bonhoeffer begegnen; Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2010, ISBN 978-3-86744-131-5, kartoniert, 160 Seiten, 12,90 Euro

 

 

 

Jürgen Henkel