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Sonntagsblatt 24/ vom

ZEITZEICHEN


Unsere Gottesdienste werden immer unterhaltsamer. 40 Jahre alt ist diese lakonische Anmerkung eines seinerzeit 90-jährigen Kirchenbesuchers. Mit süffisantem Lächeln hat er sie vorgetragen. Dabei ging es damals, was die liturgische Korrektheit der Geistlichen anlangt, einigermaßen gesittet zu. Selbst 68er im Talar kannten noch eine heilige Scheu am Altar. Natürlich konnten Pfarrer mit Zusatzausbildung Psychologie ihre Gottesdienstbesucher schon einmal unversehens auffordern, sich in einen quasi therapeutischen Stuhlkreis zu begeben und, anstatt schweigend einer Predigt zu lauschen, ihre Gefühle zum Problemkreis Gott und die Welt wortreich auszutauschen.

Seine Goldenen Worte von den »unterhaltsamen Gottesdiensten« hat der 90-Jährige in einem berückenden Schwäbisch gesprochen, das sich auch nach Jahrzehnten im fränkischen Exil noch treu zu bleiben wusste. Nie wäre er auf die Idee gekommen, außer der schwäbischen eine andere Sprache anzunehmen, weder die fränkische, schon gleich nicht die hochdeutsche, nie und nimmer das allgegenwärtige Englisch. Glück gehabt, Hoher und Niederer Klerus!

Bei auch nur geringen Kenntnissen der englischen Sprache hätte unser 90-Jähriger »Gottesdienst« womöglich mit »service« übersetzen müssen und »unterhaltsam« mit »entertaining« oder mit »amusing«. Glück gehabt, dass ihm das erspart geblieben ist. 40 Jahre nach seinem Zwischenruf verkommen Gottesdienste in der Tat manchmal zum unterhaltsamen, ja amüsanten Entertainment. Pfarrer sind mittlerweile gute Moderatoren geworden, und ihr liturgischer Humor ist oft derart fröhlich, ja nachgerade lustig, dass die Feier des Gottesdiensts nicht mehr feierlich ist - eine rechte Viecherei und eine echte Erschwernis für die Ökumene.

 

 

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