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Sonntagsblatt 29/ vom

Zuflucht in der Ninive-Ebene

Christen im Irak: Die Ninive-Ebene - ein Quasi-Staat für Christen?

Von Hans-Martin Gloël

Christen im Irak werden nicht verfolgt, aber stehen unter großem Druck und sind immer wieder Ziel von Anschlägen. Viele Christen sammeln sich derzeit in der Ninive-Ebene bei Mosul im Kurdengebiet. Die kurdische Autonomieregierung lässt die Christen gewähren, verfolgt freilich dabei ganz eigene Ziele.

Bedrohter Glaube, bedrohtes Laben - Christen im Zweistromland: Christliche Pilgerinnen im Nordirak.
Foto: Gloël
   Bedrohter Glaube, bedrohtes Laben - Christen im Zweistromland: Christliche Pilgerinnen im Nordirak.

        

Christen im Irak werden nicht verfolgt, aber stehen unter großem Druck und sind immer wieder Ziel von Anschlägen. Viele Christen sammeln sich derzeit in der Ninive-Ebene bei Mosul im Kurdengebiet. Die kurdische Autonomieregierung lässt die Christen gewähren, verfolgt freilich dabei ganz eigene Ziele. Gott hat laut dem Buch Jona die Stadt Ninive vom Untergang verschont, weil deren Bewohner sich von ihrem bösen Tun abwandten und zu ihm kehrten. Heute sind es die Christen im alten Ninive, in der nordirakischen Metropole Mosul, die vom Untergang bedroht sind. Ihren Schonraum finden sie im Umkreis der Stadt, in der Ninive-Ebene. Dort können sie sich relativ sicher fühlen. Tausende von Familien haben in den vergangenen Jahren und Monaten nach gezielten Anschlägen in Bagdad und Mosul hier in den alteingesessenen christlichen Gemeinden Zuflucht gefunden und damit an einigen Orten die Seelenzahl verdoppelt.

Bushra Matti.
Foto: Gloël
   Bushra Matti.

»In Mosul hatten wir Geschäfte und unsere Arbeit. Hier nun muss mein Vater von einer kleinen Rente leben.« Bushra Matti ist Lehrerin, aber hier hat sie keine rechte Möglichkeit zu arbeiten. Nach der Anschlagswelle gegen Christen im Herbst 2008 ist sie aus Mosul in das nahe Dorf Tell Eskof in der Ninive-Ebene geflohen. Wie viele andere junge Menschen fühlt sie sich eingesperrt. Freizeitangebote gibt es nahezu keine. Viele haben bis vor Kurzem noch in Mosul studiert, doch daran ist nun nicht mehr zu denken, nachdem vor wenigen Wochen die Shuttle-Busse der christlichen Studenten zwischen der Ninive-Ebene und der Universität Mosul bei einem Terroranschlag zur Zielscheibe wurden. Auch Bushra möchte eigentlich noch Jura studieren. Die Pläne, in Karakosh in der Ninive-Ebene eine Universität zu errichten, kommen für diese Generation zu spät.

Der Tod ist für die irakischen Christen gegenwärtig: Trauerfeier für die bei einem Busattenta getötete christliche Studentin Sandy Sahbib.
Foto: Reuters
   Der Tod ist für die irakischen Christen gegenwärtig: Trauerfeier für die bei einem Busattenta getötete christliche Studentin Sandy Sahbib.

        

Wie gefährlich es hier in der Autonomen Region Kurdistan ist, erlebte die kirchliche Besucherdelegation bereits beim Landeanflug auf Mosul: Um der Gefahr eines Abschusses durch Terroristen in niedrigem Anflug zu entgehen, flog die Maschine in mehreren Tausend Metern Höhe über dem gut kontrollierten Flughafen ein, um sich in engen Spiralen quasi auf der Stelle in die Tiefe zu schrauben. Sicherheit gibt es nur mit Einschränkungen.

Die meisten Menschen hier in der Region sind Chaldäer und Assyrer, Angehörige der größten christlichen Gemeinschaften im Irak, die im Parlament mit einem Abgeordneten vertreten sind. Sollen Christen in der Ninive-Ebene das politische Recht der Selbstverwaltung in Anspruch nehmen? Diese Frage, ob die fruchtbare Ebene zwischen Tigris und Großem Zab diesen Status erhalten soll, wird in Politik und Kirchen des Irak heiß diskutiert.

Das biblische Ninive lag am linken Ufer des Tigris gegenüber der heutigen Stadt Mosul.
Foto: wikimedia
   Das biblische Ninive lag am linken Ufer des Tigris gegenüber der heutigen Stadt Mosul.

        

»Die Idee der Selbstverwaltung spaltet eher, als dass sie hilft!«, ruft Bushra leidenschaftlich. »Ich mag keinen Irak, der in Zonen aufgeteilt ist!« Ganz ihrer Meinung ist auch der armenische Erzbischof Avvak Assadorian, Generalsekretär des Rats der Kirchenführer im Irak: »Wir brauchen kein Ghetto für Christen. Der Irak muss auch in Zukunft dafür offen sein, dass Christen leben können, wo immer sie wollen.« Auf Nachfrage schränkt er aber ein, dass er den Gedanken der Selbstverwaltung nicht grundsätzlich ablehne.

Für die kurdische Regionalregierung sind die politischen Ambitionen mancher Christen kein Problem, ganz im Gegenteil: Der Verfassungsentwurf für die kurdische Autonomie sieht in Artikel 35 nationale, kulturelle und administrative Rechte für Minderheiten wie Assyrer, Chaldäer, syrische Christen und Armenier vor. Sie sollen das Recht der Selbstverwaltung in Gebieten erhalten, in denen sie die Mehrheit der Bevölkerung bilden.

Beeindruckender Bau: das Kloster Mar Mattei in der Ninive-Ebene.
Foto: Gloël
   Beeindruckender Bau: das Kloster Mar Mattei in der Ninive-Ebene.

        

Auch ganz ohne Selbstverwaltung gibt es für den Bildungssektor in der kurdischen Autonomie bereits 62 staatlich geförderte Grundschulen, für Syrisch und Armenisch und für Erstere auch zehn weiterführende Schulen. Überhaupt hat sich die kurdische Regionalregierung in den vergangenen Jahren beeindruckend auch finanziell für den Bau christlicher Dörfer und Kirchen engagiert. Jedoch: Die Ninive-Ebene liegt außerhalb der Grenzen der 2005 vom Irak anerkannten kurdischen Autonomie, wird aber faktisch von kurdischen Peschmerga kontrolliert.

Ein böser Verdacht traf daher die Kurden nach den gezielten Anschlägen auf Christen in Mosul vor fast zwei Jahren und nun neuerlich vor wenigen Wochen, als die Busse christlicher Studenten aus der Ninive-Ebene auf dem Weg zur Universität in Mosul angegriffen wurden: Nicht etwa al Qaida, sondern kurdische Kräfte und deren strategische Interessen stünden hinter den Anschlägen auf Christen in Mosul, so lautet die These nicht nur von Parlamentsvertretern in Bagdad und in der internationalen Presse, sondern auch vom britischen Parlamentsmitglied Edward Leigh, nachdem eine Verbindung der Attentäter zu kurdischen Regionalgarden festgestellt wurde.

Bischof Musa vom Kloster Mar Mattei.
Foto: Gloël
   Bischof Musa vom Kloster Mar Mattei.

        

Als Motivation wird vermutet, dass eine Erhöhung des Leidensdrucks auf Christen in Mosul diese dann verstärkt in die Ninive-Ebene fliehen lässt, womit dort die Wahrscheinlichkeit des Antrags der Christen auf eine eigene Selbstverwaltungszone steigen würde. Diese Zone würde dann aller Voraussicht nach Teil der kurdischen Regionalautonomie und stelle dann für diese einen bedeutenden Gebietsgewinn dar. Die kurdische Seite bestreitet vehement, etwas mit den Anschlägen zu tun zu haben.

In ihrem Traum von Machtzuwachs durch Selbstverwaltung und Gebietsgewinn finden hier zwei ungleiche Partner zueinander: assyrische Nationalisten und die kurdische Regionalregierung. So können assyrische Flaggen auch ganz ungeniert im kurdischen Gebiet an Autospiegeln baumeln. Nicht alle assyrischen Christen sind Nationalisten, aber Assyrer sind alle Christen.

Ihr Nationalismus bedient sich in der Regel nicht christlicher Symbolik und auch nicht unbedingt christlicher Argumentation. Das wird in der Begegnung mit Aschur deutlich, der gerade seine Ausbildung zum Englischlehrer an der Universität Dohuk abgeschlossen hat. »Ich möchte etwas für mein Volk tun und an einer assyrischen Schule unterrichten«, sagt er, »schließlich ist es unser Land!« Was »unser« heißt, stellt er schnell klar: Araber und Kurden gehören nicht dazu. Nur den Assyrern gehöre das Land. Man wisse doch, dass das Assyrische Großreich die ganze Region hier beherrscht habe. - Nur: Dieses Reich ist vor über 2600 Jahren untergegangen. Aschur aber erweckt den Eindruck, dass er es kompromisslos ernst meint.

Kunst und Kultur der Assyrer werden von der kurdischen Regierung durch ein Institut gefördert. Auf die Frage, ob Regierungsinteresse und assyrischer Nationalismus nicht auch kollidieren könnten, antwortet Institutsdirektor Sady Al Maleh: »Die Kurden haben einen Spruch: 'Nimm eine große Pfanne, und alle Assyrer können daraus essen.'«

Armenische Kinder während der Grundsteinlegung in Hawresk.
Foto: Gloël
   Armenische Kinder während der Grundsteinlegung in Hawresk.

Ganz anders nehmen sich die Zukunftsperspektiven in der armenischen Gemeinde Hawresk, nur wenige Kilometer nordwestlich der Ninive-Ebene, aus: Erzbischof Assadorian zelebriert die Liturgie für die Legung der Grundsteine einer neuen Kirche, die von den evangelischen Kirchen Bayerns und Württembergs finanziert wird: 16 Grundsteine, die für die Zwölf Apostel und die vier Evangelisten stehen, werden mit Wasser und Wein gewaschen, vom Erzbischof mit Myron gesalbt, in ein Leichentuch eingeschlagen und in die den Grundriss beschreibenden Gräben gesenkt, dass daraus die Kirche auferstehe.

115 armenische Familien leben mittlerweile wieder in Hawresk, dessen Bevölkerung im Zuge der Arabisierungspolitik in den 1970er-Jahren vertrieben wurde. Diese Familien hatten in den Großstädten des Irak Fuß gefasst, nun kommen sie wiederum als Flüchtlinge dorthin, wo schon sie selbst oder ihre Eltern und Großeltern gelebt haben. Die nach einheitlichem Bauplan errichteten kleinen Häuser hat die kurdische Regionalregierung bauen lassen. Immerhin war dieser Ort nicht mehr besiedelt wie manch andere Dörfer in der Region. Es gibt ehemalige christliche Orte, in denen die Regierung die inzwischen eingezogenen Araber oder Kurden umsiedelte, um Platz für christliche Flüchtlinge zu machen. Was ungewöhnlich erscheint, entspricht nur der konsequenten Umsetzung des Selbstverständnisses Kurdistans, das laut Artikel 140 seines Verfassungsentwurfs die Folgen der ethnischen Säuberungen der vergangenen Jahrzehnte rückgängig machen will.

Avak Asadorian, der Erzbischof der armenisch-orthodoxen Kirche im Irak.
Foto: Gloël
   Avak Asadorian, der Erzbischof der armenisch-orthodoxen Kirche im Irak.

Die Grundsteinlegung in Hawresk muss für den Erzbischof ein Oasentag gewesen sein, kämpft er doch sonst täglich mit den Widrigkeiten christlicher Existenz in Bagdad. Er betont jedoch, im Irak gebe es keine Christenverfolgung. Christen würden zur Zielscheibe von Terroranschlägen, aber sie würden nicht verfolgt.

Jede Gruppe im Irak, gleich welcher Religion oder Volkszugehörigkeit, habe Gegner, die sie immer wieder angreifen, vertreiben und am liebsten ganz auslöschen wollten. Es handle sich dabei aber nicht um zentral organisierte, angeordnete Aktionen, betont der Erzbischof. Von Verfolgung könne deshalb nicht gesprochen werden. Als eine der kleinen Gruppen im Lande seien Christen durch diese gezielten Aktionen allerdings am ehesten von der Auslöschung bedroht.

Wenn im Westen von Christenverfolgung gesprochen werde, schade das den Christen im Irak enorm. Für ihre Nachbarn sei das das Signal, dass Christen ohnehin auf dem Sprung nach Europa oder in die USA seien und dort offene Türen fänden und dass man sie nicht mehr als Teil der Gesellschaft ernst nähme.

Das chaldäisch-katholische Marienkloster in Qosh, Niniveebene.
Foto: Gloël
   Das chaldäisch-katholische Marienkloster in Qosh, Niniveebene.

        

Christen im Westen werden von manchen Politikern der sieben christlichen Parteien im Irak und von Kirchenleuten der Beihilfe am Exodus der lokalen Christen bezichtigt: »Nehmt uns die Christen nicht weg!«, äußern manche flehend, ärgerlich und auch vorwurfsvoll. Ein Vorwurf, der Deutschland allerdings nicht trifft: Von den mehreren Millionen irakischen Flüchtlingen wurden im Rahmen eines Resettlement-Programms gerade einmal 2500 (nicht nur christliche) Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen, die bereits in Drittländern lebten und oft aus gesundheitlichen Gründen weder Perspektiven für ein würdiges Leben dort noch auf Rückkehr in den Irak hatten.

»Die Kirche in Bagdad arbeitet noch«

Lange nicht alle jedoch suchen Schutz im Ausland oder in der Ninive-Ebene. Pfarrer Shmuel von der Assyrischen Kirche des Ostens in Bagdad sorgt dort nach wie vor für seine Gemeinde, die nahezu von Tag zu Tag kleiner wird. Sechs Kirchen hatte seine Konfession in der irakischen Hauptstadt. Nachdem zwei Gemeindekirchen bei Angriffen zerstört worden waren, hat man deren Gläubige auf die anderen vier Gemeinden aufgeteilt. Dort werden Bibelarbeiten, Jugendkreise, Musikstunden und Kurse für künftige Diakone angeboten. Man kümmert sich auch darum, dass die Jugendlichen eine Ausbildung bekommen. »Die Kirche in Bagdad arbeitet noch; sie ist da!«, sagt Pfarrer Shmuel. Unterstützung aus dem Ausland sei wichtig, dass die christliche Botschaft weiterhin auch in Bagdad verkündigt werden kann. Diejenigen, die noch hier sind, haben es verdient, unterstützt zu werden!, schließt er seine Ausführungen für die Delegation.

Im persönlichen Gespräch wird manches deutlicher: In Bagdad gibt es meistens keinen Strom und oft auch kein Wasser - bei nicht selten 50 Grad im Schatten. Es gibt keine Sicherheit. »Am liebsten möchte man nur noch weggehen! Doch wenn ich dann am Sonntag an den Altar trete, die Kirche ist voll, und ich weiß die Gemeinde hinter mir, dann weiß ich: Ich muss hierbleiben!«

Kloster Dere im kurdischen Nordirak.
Foto: Gloël
   Kloster Dere im kurdischen Nordirak.

        

CHRISTEN IM IRAK

Auf der Flucht:

  VOR BEGINN DES KRIEGS 2003 lebten ca. 1,5 Millionen Christen im Irak.

  RUND 1 MILLION CHRISTEN haben den Irak seither verlassen.

  BEREITS DIE Wirtschaftssanktionen der 1990er-Jahre haben den Beginn der Auswanderung der vor allem zur Mittelschicht gehörenden Christen ausgelöst.

  LAUT UNHCR sind derzeit ca. 4 Millionen Iraker inner- und außerhalb des Landes auf der Flucht.

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