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Sonntagsblatt 35/ vom

Spiegel der Fantasie

Das Meer und die Sehnsucht, immer wieder gerettet zu werden

Von Barbara Hauck

Das Meer ist der Ort von Bedrohungen und Gefahren. Gleichzeitig versichert es uns aber auch den Schutz Gottes. Die Sehnsucht nach dem Meer ist möglicherweise nicht die Sehnsucht nach der unendlichen Weite, sondern die Sehnsucht danach, immer wieder gerettet zu werden.

Das Meer: Urgrund der Schöpfung - Lebensraum und Sehnsuchtstraum.
Foto: Fotolia/Valeriy Pistryyd
   Das Meer: Urgrund der Schöpfung - Lebensraum und Sehnsuchtstraum.

        

Alles begann für uns Kinder mit einem schwarzen VW Käfer. Ohne ihn hätte sich unsere Sehnsucht nach dem Meer kaum erfüllt. Wir Bewohner des bayerischen Binnenlandes, weit weg vom Meer, mussten früh aufbrechen. Der Morgen dämmerte gerade, der schwarze VW Käfer wurde mit allem vollgeladen, was Kinder in den großen Ferien am Meer so brauchen: Vergesst die Schwimmflügel nicht, und die Luftmatratze...

Dann ging es los. Die Reise war weit. Wir kamen an, als es längst dunkel war. Sehen konnte man es nicht mehr in der Dunkelheit, aber zu riechen meinten wir es: ein bisschen Fisch, ein Hauch von Seetang, eine Prise Salz... Wie viel frischer schien diese Luft, wie viel kühler als dort, wo wir herkamen und wo die Sommerhitze dumpf zwischen den Häusern hing. Das Schönste an der ersten Nacht in der Ferienwohnung aber war das Aufwachen am nächsten Morgen. Beim Blick aus dem Fenster lag es dann vor uns: glitzernd in der Morgensonne, und nichts, wirklich nichts begrenzte den Blick zum Horizont. Wir kniffen die Augen zusammen: Bewegte sich nicht etwas ganz weit da draußen? Ein Schiff? Ein einsamer Schwimmer? Eine Boje, an der die Fischer ihre Netze verankert hatten?

Und wenn man sich ganz besonders anstrengte, konnte man nicht doch eine Insel erkennen, den Schatten eines Landes jenseits des Wassers? Und die Wolken? Kam von weither ein Sturm auf? Waren da draußen noch welche, die die hektisch blinkenden Warnlampen im Hafen nicht erkennen konnten? Würden sie es noch schaffen, bevor der Wind das Wasser hochpeitschte und die weiße Gischt über die Ufer stieb?

John William Waterhouse malte seine »Miranda« 1875 nach dem Vorbild einer Shakespeare-Figur.
Foto: akg
   John William Waterhouse malte seine »Miranda« 1875 nach dem Vorbild einer Shakespeare-Figur.

        

Vom Balkon aus zuzuschauen, wie der Sturm aufzog, nachts im Bett zu liegen und zu hören, wie der draußen wütete - und zu wissen: Am nächsten Morgen war alles ruhig und alles anders. Das Meer würde wieder daliegen, bleigrau und spiegelglatt und am Ufer angeschwemmt, was Wind und Wellen herangetrieben hatten in der Nacht.

Die Israeliten haben das Meer gefürchtet

Die Israeliten, die Psalmbeter der Bibel, waren kein Seefahrervolk. Sie haben sich nicht nach dem Meer gesehnt, sondern vor ihm gefürchtet. Für sie war es der Ort, an dem sie die Wunder Gottes besonders unmittelbar erfuhren. Einen langen Dankpsalm gibt es, denen in den Mund gelegt, die mit den Schiffen auf dem Meer fahren und ihren Handel treiben auf großen Wassern: »Die zum Herrn schrien in ihrer Not und er stillte das Ungewitter, sodass die Wellen sich legten und sie froh wurden, dass alles wieder still geworden war... die sollen dem Herrn danken für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut« heißt es im 107. Psalm.

»Das Meer als Meer« - so schreibt Joachim Sartorius, »die schiere Weite, die endlose, aber auch eintönige Wasseroberfläche« - hat die Dichter nicht wirklich inspiriert. Die Fantasie entzündete sich an den wechselnden Horizonten, an der beweglichen Linie zwischen Wasser und Land, an den unberechenbaren Stimmungen, an Ruhe und Sturm« (in: Für die mit der Sehnsucht nach dem Meer / Gedichte, versammelt von Joachim Sartorius, Hamburg 2008).

Es ist, als müssten wir uns im Blick auf das Meer immer wieder versichern, immer wieder von Neuem erleben, dass wir doch geschützt und gehalten werden, trotz aller Bedrohungen und Gefahren. Das Meer ist der Ort, aus dem Gott uns immer wieder rettet. Die Sehnsucht nach Meer, das ist womöglich gar nicht so sehr die Sehnsucht nach dem unendlichen Wasser - es ist die Sehnsucht danach, immer wieder gerettet zu werden, herausgestrudelt aus dem Wasser, festen Grund zu spüren unter den Füßen, festen Halt zu haben nach aller Bodenlosigkeit, Begrenztheit zu spüren in aller Weite.

Jonas im Maul des Wals, frühes 15. Jh., aus der »Bible Historiaux ou les Histoires Escolastres«.
Foto: akg
   Jonas im Maul des Wals, frühes 15. Jh., aus der »Bible Historiaux ou les Histoires Escolastres«.

        

Beides gehört untrennbar zusammen: Meer ist nur Meer, wenn es vom Land begrenzt ist. Weite ist nur weit, wenn es am Horizont ein rettendes Ufer gibt. Mitten im Wasser umfangen, geborgen und gehalten zu sein, das ist eine Ursehnsucht, eine Urerfahrung des Menschen, ist Geburtserfahrung, ist Jona-Erfahrung, ist Robinson-Erfahrung.

Ein riesiger Spiegel unserer Fantasien ist das Meer, ein Spiegel der Seele. Das Meer wird zum Symbol des Unbewussten. In Träumen steht es für Entgrenzung, für Ferne und Weite. Aber in seiner Tiefe kann ein Mensch sich verlieren wie in einem Rausch; seine Kräfte können einen überwältigen und hinunterziehen. Da mag es dann gut sein, sich vom pragmatisch-frommen Paul Gerhardt daran erinnern zu lassen, dass Gott selbst es ist, der »all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz in Meeres Tiefen hin« (EG 322,5) werfen kann.

Die Sehnsucht nach dem Meer ist die Sehnsucht nach Gott: die Sehnsucht danach, jenseits des Unbekannten und Beängstigenden den zu entdecken, der das Leben und die Unbekannte in der Hand hält. Die irischen und schottischen Mönche im 5. und 6. Jahrhundert, die wussten, wie gefährlich das Meer war, das ihre Inseln von anderen Orten trennte. Aber es gab keine anderen Wege und Straßen als die Wasserwege. Wenn sie auf Pilgerschaft gingen, dann vertrauten sie sich in ihren kleinen Booten dem Meer an und damit Gott selbst. Das kleine Boot im großen Meer wird zum Symbol ihrer Suche nach Gott.

Da bricht zum Beispiel der heilige Brendan auf mit seinen Gefährten. Er segelt über den Atlantik, besteht unzählige Gefahren. Am Ziel erfährt er: »Das ist das Land, nach dem du so lange gesucht hast. Du konntest es nicht gleich finden, denn Gott selbst wollte dir seine Wunder im großen Meer zeigen. Kehr nun zurück in das Land deiner Geburt, nimm mit dir die Früchte dieses Landes und so viele Edelsteine, wie dein Boot tragen kann. Es kommt der Tag deiner letzten Reise...«

Die Flügel der Morgenröte tragen ein Leben lang

In unzähligen Varianten ist diese Geschichte der wundersamen Seefahrt im Mittelalter weitererzählt worden - und immer ist diese Seefahrt, immer ist die Reise übers Meer und die Entdeckung ferner Ufer ein Bild für die Lebensreise der Menschen zu Gott. Gott als das Meer, dem ich mich anvertraue, und zugleich als das letzte Ufer, an dem ich bleiben kann.

»Nähme ich Flügel der Morgenröte, machte ich mir eine Wohnung zuäußerst im Meer... las Frau Vestermann, und dann seufzte sie einmal auf, ehe sie fortfuhr.« So erzählt Astrid Lindgren in ihrem Kinder-Ferienroman »Ferien auf Saltkrokan«. Das Seufzen dieser alten Frau hat mich als Kind lange beschäftigt. Und ich kann diesen Psalmvers seitdem nicht mehr lesen, ohne dass das Seufzen ein wenig mitklingt. »Nähme ich Flügel der Morgenröte und machte mir eine Wohnung zuäußerst im Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten«, heißt es im 139. Psalm. Gott, der dem Meer selbst Halt gibt, der gibt auch Menschen Halt, zuäußerst im Meer.

Was aber lässt Frau Vestermann seufzen? Ist es Sehnsucht nach Meer, Sehnsucht nach Gott, Sehnsucht nach Halt? Womöglich alles zusammen?

Womöglich tragen sie einen ein Leben lang, die Flügel der Morgenröte - an die Orte der Sehnsucht, zu den Menschen, zum Meer, zu Gott. Und womöglich tragen sie einen auch über das Ende hinaus. Eine Freundin erzählt, dass die Theologin Dorothee Sölle das Wasser geliebt hat. Beim Anblick eines Sees habe sie sogleich ihre Schuhe und Kleider von sich geworfen und sich hineingestürzt. »Irgendwann werden dir noch Kiemen wachsen«, meinte die Freundin dann manchmal. Am Ende, so hat Dorothee Sölle selbst gesagt, im Tod, wolle sie ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werden, das genüge ihr. Das war ihr mystisches Todesbild und vielleicht ein Teil ihrer Lebenssehnsucht. Sich gemeinsam mit all den anderen Tropfen, die Gott sammelt, im Meer verbinden und wieder eintreten in die Tiefe dieses Seins. Auch so kann sie aussehen, die Sehnsucht nach Meer, die Sehnsucht nach Gott.

DAS MEER

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