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Sonntagsblatt 35/ vom

Anruf aus Afghanistan

Sonja L. ist mit einem Soldaten verheiratet - und deswegen dieses Jahr sieben Monate allein


Schon zum zweiten Mal ist Martin H. als Major im Afghanistan-Einsatz. Sieben Monate muss seine Frau Sonja diesmal zu Hause in Oberbayern allein für die Kinder da sein - Alltag einer Soldatenfrau.

»Heute bin ich kritischer und kämpferischer«: Sonja L. mit Tara und Finn.
Foto: Gadinger
   »Heute bin ich kritischer und kämpferischer«: Sonja L. mit Tara und Finn.

        

»Papa raus!« Finn klebt vor dem Computerbildschirm. Ganz genau erkennt er seinen Vater Martin, sieht seine Bewegungen und hört ihn sprechen. Warum er ihn aber nicht berühren kann und warum der Papa den Apparat nicht verlässt, ist für den Dreijährigen ein Rätsel. Nun drängt sich Tara-Lee vor den Rechner. Die Siebenjährige plaudert munter drauf los, erzählt, dass ihr Zeugnis super war, mit wem sie sich gestritten hat, dass sie nachmittags beim Baden und dann noch beim Reiten war. Finn und Tara telefonieren per Internet mit ihrem Vater. Er ist Soldat in Afghanistan.

Jeden zweiten Abend schaltet Mama Sonja L. das Internet ein. Telefoniert wird täglich, pünktlich um 18.30 Uhr, 21.30 Uhr nach afghanischer Zeit, wenn ihr Mann Feierabend hat. Für die 35-Jährige, die in einem kleinen Dorf im Landkreis Garmisch-Partenkirchen lebt, ist das nichts Neues. Ihr Mann ist als Major schon zum zweiten Mal mit der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Afghanistan im Einsatz. Nachdem Martin 2008 bis 2009 für fünf Monate am Hindukusch war, muss Sonja dieses Mal sieben Monate ganz allein für die beiden Kinder da sein.

Eine Trennung, die zusammenschweißt

Auf die Frage, wie sie das schafft, erzählt die junge Frau erst einmal eine andere Geschichte: die Geschichte von ihrem Sohn. Finn wurde 2006 mit dem Wolf-Hirschhorn-Syndrom geboren, einer seltenen Erbkrankheit, die die geistige und körperliche Entwicklung verzögert und mit unterschiedlichen Fehlbildungen einhergeht. Nach der Geburt musste er zwei Monate im Krankenhaus bleiben, die Prognose der Ärzte war schlecht. In dieser Zeit war Ehemann Martin für 18 Monate nach Dresden versetzt worden. »Das war eine wahnsinnig schlimme Zeit für mich, zumal ich eher ein pessimistischer Typ gewesen bin. Es war uns immer so gut gegangen, aber es sollte wohl nicht alles nach Schema F laufen«, sagt Sonja heute.

Doch die gelernte Arzthelferin nahm ihr Schicksal an und fasste wieder Mut. Ihre Mutter und ihre Schwester halfen ihr dabei. Auch bei der besten Freundin konnte sie sich ausheulen. »Heute bin ich kritischer und kämpferischer. Ich hinterfrage jetzt, was Ärzte und Therapeuten mir sagen.« Finns Krankheit hat sie stark gemacht.

Entgegen aller Vorhersagen hat der Junge laufen und sprechen gelernt. Sonja L. genießt jede Minute mit ihren Kindern. Sie hat erfahren, dass Glück nicht selbstverständlich ist. Die neue Kraft und ihre gewandelte Lebenseinstellung helfen ihr, den riskanten Einsatz ihres Mannes zu ertragen. Außerdem hat sie soviel zu tun, dass sie oft kaum zum Nachdenken kommt. »Der ganz normale Alltag mit einem Schulkind und den verschiedenen Therapien von Finn ist anstrengend genug. Abends fallen mir die Augen zu und das ist gut so.« Bei aller Müdigkeit vergisst sie aber nie, für ihren Mann zu beten - morgens, mittags und abends mit den Kindern. »So bin ich erzogen worden und das hilft mir.«

Die Trennung belastet die Beziehung zwischen Sonja und Martin nicht. »All das, was wir die letzten Jahre durchgemacht haben, hat uns nur noch mehr zusammengeschweißt. Mein Votum war entscheidend bei der Frage, ob Martin noch mal nach Afghanistan geht.« Ihr Mann ist pflichtbewusst und will sich seiner Verantwortung stellen. Sonja weiß, dass sich viele Männer aus seiner Truppe für den Einsatz entschieden haben, weil Martin als Chef dabei ist.

Sonja und Martin haben auch darüber gesprochen, dass er verwundet heimkommen könnte. Dann würde sie erstmal wieder zu ihren Eltern ziehen. Doch darüber will sie jetzt eigentlich gar nicht nachdenken.

Viel wichtiger ist die Gegenwart - Tara und Finn. »Wir drei, wir machen das Beste draus. Ich hab so tolle Kinder, ich bin unendlich stolz auf sie.« Tara ist ein aufgewecktes hübsches Mädchen. Sport findet sie super - das verbindet sie mit ihrem Vater. Für ihre Mutter ist das Mädchen eine große Hilfe: Tara weiß, dass sie mithelfen muss.

Und sie will Finn beschützen. »Beide Kinder profitieren voneinander«, beobachtet Sonja. »Finn hat eine unglaubliche Wirkung auf andere Menschen. Er hat so einen Blick oder eine Art, die jeden in Beschlag nimmt. Er strahlt unglaublich viel Liebe aus.« So viel, dass sie durch den komischen Kasten hindurch bis nach Afghanistan reicht.

 

 

 

Susanne Gadinger