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Sonntagsblatt 35/ vom

Unter dem orientalischen Sternenhimmel

Vor 25 Jahren wurde Augsburgs Synagoge mit dem ersten jüdischen Kulturmuseum wiedereröffnet


Der 1. September vor 25 Jahren war für die Israelitische Kultusgemeinde in Augsburg ein Freudentag. Erstmals nach der »Reichspogromnacht« konnte man wieder Gottesdienst in der prächtigen Synagoge feiern.

Der Blick in die Kuppel der Augsburger Synagoge ist ein Erlebnis.
Foto: Zoepf
   Der Blick in die Kuppel der Augsburger Synagoge ist ein Erlebnis.

        

»Dort drüben war, nein ist der Platz meines Vaters, dort oben der meiner Mutter.« Vielen der Festgäste lief ein Schauer über den Rücken, als der inzwischen gestorbene Verleger Ernst Cramer am 1. September vor 25 Jahren bei der Wiedereinweihung der Augsburger Synagoge unter dem Sternenhimmel der Kuppel mit diesen Worten seine Festansprache begann. Seine Eltern und sein Bruder waren von den Nationalsozialisten umgebracht worden.

Cramer war nicht der einzige überlebende Augsburger Jude, der an diesem Tag nach über zehnjähriger Renovierungszeit den Weg in die Heimatstadt wiedergefunden hatte. Der Journalist Gernot Römer, der sich damals schon seit 15 Jahren mit dem Schicksal der schwäbischen Juden beschäftigte, hatte die Adressen dieser Menschen ausfindig gemacht und sich dafür eingesetzt, dass die Stadt sie einlud. »Dieses Ereignis konnte man doch nicht ohne die Überlebenden feiern«, denkt er zurück. »Als Ernst Cramer sprach, war für viele die Synagoge wieder gegenwärtig«, erinnert sich Römer.

Kontakte zu Franz-Josef Strauß

Jahrzehntelang hatte das große Gebäude in der Nähe des Augsburger Bahnhofs ein Aschenputtel-Dasein geführt. Die einzige Synagoge in einer bayerischen Großstadt, die das Naziregime überlebt hatte, für die stark dezimierte jüdische Gemeinde zu renovieren, schien manchen zu kostspielig. Es soll Stimmen gegeben haben, erzählt der damalige Bauleiter vom Landbauamt, Georg Frisch, die sich an dem Standort ein Möbelhaus vorstellen konnten. Aber es gab auch den Holocaust-Überlebenden Senator Julius Spokojny (1923 bis 1996), den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. Ohne das unermüdliche 35-jährige Antreiben des tief­religiösen, orthodoxen Juden wäre das Gebäude vielleicht nicht wieder so prächtig auferstanden. Spokojny nutzte dazu auch seine Kontakte zu Ministerpräsident Franz-Josef Strauß und anderen Politikern und war mit dem katholischen Bischof Josef Stimpfle befreundet.

Der Geschäftsmann, der wie ein Wunder bei einem Erschießungskommando in Osteuropa mit dem Leben davongekommen war, hatte sich nach 1945 die Restaurierung des Gotteshauses zum Ziel gesetzt. Und die geschändeten Thorarollen sollten neu geschrieben werden. Auch für das erste jüdische Kulturmuseum in Bayern setzte er sich ein, das am Tag der Wiedereinweihung eröffnet wurde. Als sein »Hauptexponat« bezeichnete Spokojny damals die Synagoge selbst.

Das Jugendstil-Gebäude war 1917 nach dreijähriger Bauzeit mitten im Krieg »ohne helle Jubelklänge« eingeweiht worden. Die Münchner Architekten Friedrich Landauer und Heinrich Lömpel hatten eine dem Zeitgeschmack entsprechende Synagoge mit orientalischen Anklängen entworfen. Etwa 800 Gläubige fanden in ihr Platz. Die geschätzten Baukosten von 520000 Mark überschritt man damals »wesentlich«, ist im Archiv zu lesen. Der prächtige Kuppelbau, der von Gebäudegruppen und einem Brunnenhof umgeben ist, erinnert an Hofanlagen der ersten jüdischen Tempel. Den Bauingenieur Frisch fasziniert in dem Gebäude bis heute, wie das religiöse Symbol des »Lichts« betont wird. Die damals üblichen Kohlefaserlampen, die in ungezählten Birnen die Kuppel ausleuchteten, dürften einen rötlichen warmen Schein verbreitet haben, meint er.

Wie ein Schuttabladeplatz

Dass die Juden in Augsburg eine repräsentative Synagoge bauten »war für sie eine logische Entscheidung, nichts Außergewöhnliches«, sagte der Publizist Cramer bei der Wiedereinweihung. Die Gleichberechtigung und Zugehörigkeit zum deutschen Leben sei für die jüdischen Bürger Augsburgs selbstverständlich gewesen. Zwei Jahrzehnte später wurde dieses Lebensgefühl zerstört.

Am 9. November 1938 in der sogenannten Reichskristallnacht legten Nationalsozialisten in der Synagoge einen Brand. Die Feuerwehr löscht - wohl nur um einen Brand in der Innenstadt zu verhindern. Nach der 1942 bei der »Wannsee-Konferenz« beschlossenen »Endlösung der Judenfrage« werden auch die schwäbischen jüdischen Mitbürger deportiert und ermordet. Der als amerikanischer Soldat zurückgekehrte John Englander sieht die Synagoge 1945 wieder: »Als wäre sie als eine Art städtischer Schuttabladeplatz benutzt worden,« zitiert ihn Gernot Römer in einem Artikel.

Die Renovierung der Synagoge beginnt erst im Jahr 1975. Sie kostete 4,2 Millionen Mark. Diese Kosten teilte sich der Freistaat, der Bezirk Schwaben, die Stadt Augsburg und die Israelitische Kultusgemeinde.

INFO

  Die Augsburger Synagoge wird zwischen 1914 und 1917 von den Architekten Friedrich Landauer und Heinrich Lömpel im Jugendstil errichtet. Die jüdische Gemeinde hat damals 1200 Gemeindemitglieder.

  In der »Reichspogromnacht« am 9. November 1938 legen Nazis einen Brand, den die Feuerwehr löscht. 1944 Kriegsschäden an dem Gebäude.

  1975 beginnt die Sanierung. Sie kostet 4,2 Millionen DM und ist 1985 beendet.

 

 

 

 

Jutta Olschewski