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Sonntagsblatt 45/ vom

Treibende Kraft

Wie ist es eigentlich um das Verhältnis von Lutheranern und Muslimen bestellt?

Von Susanne Petersen

Die Integrationsdebatte ist längst eine Islamdebatte geworden. Zwischen den Thesen »Muslime sind Integrationsverweigerer« und »Der Islam ist ein Teil von Deutschland« ist so ziemlich jede Meinung vertreten. Das macht die Orientierung nicht leichter. Ein Blick in die bayerische Landeskirche zeigt aber, dass das Fundament für ein konstruktives Miteinander an vielen Stellen längst gelegt ist. Fünf Schlaglichter auf den interreligiösen Dialog.

Begegnung in der Moschee: Christen und Muslime beim Vorbereitungstreffen für die »Christlich-islamischen Dialogwochen« in Nürnberg.
Foto: Sauerbeck
   Begegnung in der Moschee: Christen und Muslime beim Vorbereitungstreffen für die »Christlich-islamischen Dialogwochen« in Nürnberg.

        

Aufgeschlossen, dialogfähig, integriert und deutschsprachig: Wer dieser Tage eine Frage zum deutschen Wunsch-Islam hat, kommt um Penzberg nicht herum. Die oberbayerische Kleinstadt südlich von München ist ein Zentrum des modernen Islam, und dessen Botschafter ist Imam Benjamin Idriz. Er wird mit Anfragen aus ganz Bayern (und Deutschland) überschüttet - per Fax, per Mail, per Telefon.

»Was machen eigentlich die anderen Muslime?« seufzt der 38-Jährige und serviert in seinem winzigen Büro Tee. In den Regalen stehen Bücher auf Arabisch und Deutsch, neben dem Computerbildschirm liegt ein Koran, an der Wand hinter dem Schreibtisch hängt ein Teppich mit Schriftzeichen auf rotem und grünem Muster. 1995 ist Idriz aus Mazedonien in die gerade ein Jahr alte islamische Gemeinde Penzberg gekommen, die damals, wie er sagt, noch »im Ghetto« existierte. Heute pilgern Minister und Gemeindegruppen in die bayerische Provinz, um ein Modell gelungener Integration zu studieren.

Baumeister des interreligiösen Dialogs: Jutta Höcht-Stöhr von der Stadtakademie München...
Foto: Petersen
   Baumeister des interreligiösen Dialogs: Jutta Höcht-Stöhr von der Stadtakademie München...

Warum klappt in Penzberg, was anderswo oft nicht funktioniert? Idriz nennt zwei Faktoren: Offensiver Dialog mit der Stadtgesellschaft seitens der Muslime und die Unterstützung seitens der Kirchen. »Die ersten Besucher bei unserem ersten Tag der offenen Moschee 1999 waren Vertreter der Ortskirchen«, sagt der Imam. Die Pläne für den Bau der neuen Moschee stellte Idriz der Öffentlichkeit 2001 in kirchlichen Räumen vor; bei einer gemeinsamen Reise nach Bosnien 2006 erzählten sich Katholiken, Protestanten und Muslime von ihrem Glauben - »eine Woche lang, Tag und Nacht«, erinnert sich Idriz. Heute ist es selbstverständlich, dass Einweihungen von Kindergärten, Autohäusern und Arztpraxen immer mit Pfarrer und Imam stattfinden. Die Ortspfarrer seien mittlerweile seine Freunde. »Und ich bin ihr Kollege«, sagt Idriz, und in seinen Augen leuchtet Freude und auch Stolz.

...Imam Benjamin Idriz aus Penzberg...
Foto: Petersen
   ...Imam Benjamin Idriz aus Penzberg...

Die neue Freundschaft hält auch in Krisenzeiten. Anfang des Jahres scheiterte das Islamische Forum Penzberg beim Versuch, per Gerichtsurteil seinen Eintrag aus dem bayerischen Verfassungsschutzbericht löschen zu lassen. Das Innenministerium blieb hart: Wer mit Mili Görüs telefoniert, ist in den Augen der Regierungsbeamten prinzipiell suspekt.

Plötzlich stand mit dem guten Ruf des Imams auch dessen großes und von allen Stadtratsfraktionen unterstütztes Projekt eines muslimischen Bildungszentrums in München auf dem Spiel. Also bekam Benjamin Idriz häufiger Besuch in der Penzberger Moschee: Die Münchner Stadtdekanin war zu Gast, die oberbayerische Regionalbischöfin und schließlich auch der Landesbischof - klare Gesten der Verbundenheit. Der Imam ist dafür dankbar: »Ohne diese Solidarität der Kirchen könnten wir nicht weitergehen.«

...Dekanin Andrea Borger aus München-Sendling und...
Foto: Petersen
   ...Dekanin Andrea Borger aus München-Sendling und...

SOLIDARITÄT WAR AUCH DAS STICHWORT für die evangelische Himmelfahrtskirche in München-Sendling, als die muslimische Gemeinde »ditim« vor fünf Jahren mit den Bauplänen für eine große Moschee an die Öffentlichkeit trat. Inmitten der hitzigen Debatte über die Höhe von Minaretten im Herzen der Landeshauptstadt gründete die Gemeinde zusammen mit der katholischen Pfarrei St. Korbinian und ditim das Bündnis »Begegnung am Gotzinger Platz«. »Wir hatten vorher keinen Kontakt zu ditim, aber jetzt mussten wir uns positionieren«, erinnert sich Dekanin Andrea Borger.

Über 30 Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog organisierte das Bündnis, zu denen türkische, deutsche, muslimische und christliche Besucher kamen. Natürlich kamen auch die Moschee-Gegner: »Die saßen dann da, den Koran auf den Knien, und haben gezählt, wie oft die Wörter töten oder bekämpfen vorkommen«, sagt die Pfarrerin und muss lachen: »Wenn man das mit der Bibel machen würde, käme ganz schön was zusammen.« Um allerdings das gemeinsame Gespräch überhaupt führen zu können, mussten Borger und ihre Mitstreiter sich wehren: »Es gab feste Spielregeln: Wir beleidigen andere nicht, wir verbreiten nicht angebliche Tatsachen, die keiner überprüfen kann, wir reden persönlich und kurz.« Wer sich nicht daran hielt, wurde des Saales verwiesen.

...und Islamprofessor Harry Harun Behr von der Uni Erlangen.
Foto: Petersen
   ...und Islamprofessor Harry Harun Behr von der Uni Erlangen.

Seit einem Jahr ist nun klar, dass die Moschee trotz aller Unterstützung nicht gebaut werden wird - am Ende scheiterte es am Geld. Die »Begegnungen am Gotzinger Platz« aber gibt es noch immer - mit weniger Diskussionen, dafür aber mit mehr Festen. »Beim türkisch-bayerischen Folkloreabend ist die Bude voll«, sagt Borger trocken. So kräfteraubend und unschön die Sendlinger Auseinandersetzungen zum Teil waren - sie haben doch etwas bewirkt. »Das Bild von Muslimen hat sich beim Einzelnen verändert, Muslime haben in Sendling jetzt einen höheren Stellenwert«, sagt die Dekanin. Und sie selbst? »Ich kenne jetzt die Namen des Wirtspaars am Gotzinger Platz«, bringt es Borger auf den Punkt. Und das dürfte wohl das wichtigste Ziel des interreligiösen Dialogs sein: sich gegenseitig zu kennen.

UM DAS ERKENNEN geht es auch beim Nürnberger Begegnungszentrum »Brücke - Köprü«. »Wenn wir einander begegnen, wissen wir, wer wir sind« - diese simple Erkenntnis steht hinter den Treffen von Christen und Muslimen, die hier Verständigungsarbeit leisten. Der Name veranschaulicht das Programm: Eine Brücke verbindet verschiedene Seiten, sie ist so stabil wie ihre Pfeiler. »Nur wer selbst fest steht, kann andere stehen lassen«, sagt Leiter Hans-Martin Gloel. Das bedeutet: Nur wer durch Reflexion des eigenen Lebens sich seiner Identität bewusst ist, kann sich auf die andere Perspektive einlassen und sie akzeptieren. Der evangelische Pfarrer hat beobachtet, dass dann »Muslime muslimischer und Christen christlicher werden - aber dialogfähiger«.

Treffen religiöse Menschen auf Andersgläubige, spüren sie oft eigene Glaubensdefizite und erkennen wie wenig sie vom anderen wissen. Und Unkenntnis erzeugt Angst und Vorurteile. Deshalb soll die Brücke, so Gloel, »einen Raum öffnen, in dem das Glaubenszeugnis von Christen und Muslimen zur Sprache kommt« - und zwar in vielen Facetten.

In die »Brücke« im Multikulti-Stadtteil Gostenhof kommen Männer und Frauen, einfache Menschen wie hoch gebildete, Singles und Familien. Sie reden über Gott und die Welt in der zweisprachigen Eltern-Kind-Gruppe, im FrauenErzählCafé oder beim Arbeitskreis »Kant und Kismet«. Sie lesen gemeinsam Texte aus Bibel und Koran. Bei der »SpeiseReise« lernen sie traditionelle christliche und islamische Feste und Bräuche kennen. Es werden Stadtteilspaziergänge und Ausflüge gemacht und religiöse Stätten besucht. Christlich-muslimische Brückenteams besuchen regelmäßig Gemeinden, um ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Christen und Muslime begegnen sich in der Nürnberger Moschee.
Foto: Sauerbeck
   Christen und Muslime begegnen sich in der Nürnberger Moschee.

        

Seit 1993 gibt es die Brücke; sie erhielt Preise und wurde staatlich gefördert. Man kooperiert mit katholischen und evangelischen Stellen wie mit muslimischen Verbänden, hat die »Charta des Zusammenlebens« mit erarbeitet und ist Teil des Vorbereitungsteams der Nürnberger Christlich-Islamischen Dialogwochen.

Die Arbeit in solchen Gruppen erleben Muslime und Christen als bereichernd, hier fühlen sie sich akzeptiert. Durch ihr Engagement wollen sie beitragen, dass das Zusammenleben in der Gesellschaft besser klappt. »Wir wollen Brücken bauen«, so der bosnische Franke und Muslim Edin Junuzovic, der sich in seinem Alltag öfters diskriminiert fühlt, und meint: »Wenn einer wahrhaft gläubig ist, wird er dem anderen keine Probleme machen.«

IN DIREKTER NACHBARSCHAFT startete vor sieben Jahren ein bundesweites Pilotprojekt, das man vielleicht in Berlin oder Hamburg vermutet hätte, aber nicht im konservativen Bayern: Erstmals konnten muslimische Kinder statt Ethik das Schulfach »Islamischer Religionsunterricht« belegen, an der Grundschule im Erlanger Stadtteil Bruck. Das Modell ist mittlerweile fast Routine: An 250 bayerischen Schulen unterrichten heute 70 Lehrer das Fach.

Ihre Ausbildung bekommen diese Lehrkräfte am Interdisziplinären Zentrum für Islamische Religionslehre (IZIR) an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen. Der Anstoß dafür kam schon in den 1980er-Jahren von dem evangelischen Religionspädagogen Johannes Lähnemann. »Damals hat man ihm noch den Vogel gezeigt«, sagt IZIR-Professor Harry Harun Behr. Heute hätten alle erkannt, dass ein deutschsprachiger Religionsunterricht positiv auf die Integration wirkt. »Es stärkt das Selbstbewusstsein, wenn muslimische Schüler einen Religionsunterricht erhalten, der dem der evangelischen und katholischen Kinder gleichberechtigt ist«, sagt Behr, der mit 17 Jahren zum Islam konvertiert ist.

Das am Zentrum erarbeitete »Erlanger Modell«, Grundlage für den Islamunterricht an allen beteiligten Schulen, sieht Deutsch als Unterrichtssprache vor; Kernstücke sind Glaubenslehre, religiöser Alltag, Koranlektüre und das Wissen um andere Religionen. Der Grundgedanke: Für einen Dialog braucht es Dialogfähigkeit. »Es ist wichtig, sich über die eigene Religion in der Landessprache unterhalten zu können«, sagt Behr, der engen Kontakt zu den Schulen hält. Was er dort sieht, bestätigt ihn: »Ich sehe zufriedene Eltern, Kinder und Lehrer.«

Dialog braucht Dialogfähigkeit

Behrs Institut ist eng mit den theologischen Fakultäten der Uni Erlangen verzahnt, der Islamwissenschaftler erlebt die evangelische Kirche »als treibende Kraft« im interreligiösen Dialog. »Die Forderung, islamische Theologie zu verwissenschaftlichen und eigene Studiengänge zu gründen, ist typisch für das protestantische Bildungsverständnis«, so der Theologe. Gerade weil der Kontakt zwischen Islam und Protestantismus schon so eng ist, hätte sich Behr in der Integrationsdebatte aber mehr öffentliche Solidarität seitens der kirchlichen Repräsentanten gewünscht: »Sie haben nicht vehement genug gegen islamfeindliche Aussagen Stellung bezogen.«

STELLUNG BEZIEHEN in Sachen Islam, das ist für die Münchner Stadtakademie längst Normalität. Der Dialog mit Muslimen war von Anfang an ein Schwerpunkt von Jutta Höcht-Stöhr. Kein Wunder: Sie übernahm die Leitung der evangelischen Bildungseinrichtung kurz nach dem 11. September 2001, dem Tag, an dem islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers New York gejagt hatten. »Vor dem 11. September diskutierten wir über Ausländer und Integration, danach über Muslime und Integration«, sagt die Pfarrerin - sie nennt das den »Islamic Turn«, die einseitige Fokussierung der Debatte auf den Islam.

Seit 2001 steht der interreligiöse Dialog bei der Stadtakademie und ihren Kooperationspartnern im Mittelpunkt - und er hat in München schon viel bewegt: Die »Kulturmeile Landwehrstraße« knüpft Kontakte zum multikulturellen Leben rund ums Bahnhofsviertel; die »Nymphenburger Gespräche« verhandeln Integrationsfragen nicht mehr in Nebenräumen, sondern in den Prachtsälen der Stadt: im Rathaus, in der Universität, auf dem Schlossareal; das Bündnis »Politically Fair - die eigenen Standards wahren« bezieht Stellung gegen islamfeindliche Internetforen - und gegen einen Verfassungsschutz, der auf dem rechten Auge blind ist.

Welche Früchte dieses hartnäckige Dranbleiben an einem Thema tragen kann, zeigt die gerade zu Ende gegangene Ausstellung »Gottespoesie« in der Dekanatskirche St. Markus. Kunstvolle Kalligraphien von Koransuren zierten die Räume zwischen den Säulen der evangelischen Citykirche; beim Eröffnungsabend rezitierte der Penzberger Imam Benjamin Idriz einzelne Suren; zahlreiche Muslime waren in die Kirche gekommen, um die Ausstellung zu sehen. »Muslime wie Christen haben nach diesem Abend gesagt: 'Wir haben uns wie zu Hause gefühlt'«, sagt Jutta Höcht-Stöhr - und lauscht diesem Satz selbst ein wenig erstaunt nach.

Es sind kleine Erfolge, die die Stadtakademie an verschiedenen Punkten der Stadtgesellschaft feiert. Da lässt sich auch die aktuelle Integrationsdebatte besser aushalten. »Sarrazin war gruselig, aber die Diskussion führt zu Differenzierungen und positivem Engagement von Menschen, die seine Thesen nicht teilen«, sagt Höcht-Stöhr gelassen.

Dass Integration gelingen wird, daran hat sie keinen Zweifel: »Wir haben in Deutschland so lange nichts Konstruktives getan, wir fangen ja gerade erst an - das wird noch.«

Mitarbeit: Ulrike Pilz-Dertwinkel Botschafter der Religionen Rainer Oechslen treibt als Islambeauftragter der Landeskirche den interreligiösen Dialog voran

  Sie sind seit drei Jahren Islambeauftragter der bayerischen Landeskirche. Wie verfolgen Sie die aktuelle Debatte um Integration und Muslime?

Oechslen: Integrieren kann man nicht Religionen, sondern nur Menschen. Ich war viele Jahre Gemeindepfarrer und Dekan in Nürnberg. Wenn ich das Wort Integration höre, denke ich zuerst an die Russlanddeutschen. In Nürnberg sind 15 Prozent der Evangelischen Russlanddeutsche; ihnen gilt die Integrationsaufgabe der Kirche in erster Linie - und das ist oft mühsam. Dass man jetzt so tut, als wäre die Religion der Muslime ein Integrationshindernis, ist unverschämt.

  Dieses Argument kehrt in der Debatte immer wieder: Die Werte des Islam seien nicht mit denen des christlichen Abendlands kompatibel…

Oechslen: Das beruht auf einem Denkfehler, der mir oft in Briefen begegnet. Da schreibt dann jemand: »Wissen Sie denn nicht, dass der Islam…« Zu wissen, was DER Islam ist - was für ein Quatsch. Nehmen Sie einen Opus-Dei-Mann aus Spanien, einen Pfingstler aus Brasilien, Barack Obama, den Patriarchen Kyrill von Moskau und mich - wir laufen alle unter dem Oberbegriff »Christen«. Was uns verbindet, ist das Bekenntnis zu Jesus Christus. Aber politisch, kulturell, sprachlich und philosophisch gibt es unglaubliche Unterschiede! Und im Islam soll es die nicht geben? Man kann eine weltumspannende Religion nicht vereinheitlichen.

  Als Islam-Beauftragter sind Sie für das Verhältnis der Landeskirche zu den muslimischen Gemeinden zuständig. Was sind Ihre Aufgaben?

Oechslen: Ich verstehe mich als Informationsstelle in zwei Richtungen: Evangelische Kirchengemeinden können anrufen, um sich für einen Bildungsabend vorzubereiten; ich halte Vorträge vor Pfarr- und Dekanekonvente. Muslimischen Gemeinden möchte ich ein positives Bild von Kirche vermitteln. Die Einladungen zum Iftar, dem Fastenbrechen im Ramadan, werden immer mehr, und ich versuche, alle anzunehmen. Mittlerweile haben wir die Adressen von 320 muslimischen Gemeinden in Bayern.

  Haben Sie den Eindruck, dass sich die konservativen Gemeinden langsam öffnen?

Oechslen: Bei einem Fastenbrechen in einer sehr konservativen Gemeinde fragte ein Gast den Imam: »Wie lange haltet ihr die strenge Geschlechtertrennung noch durch?« Und der Imam antwortete: »Nicht mehr sehr lange.« Es gibt wegen des Generationenwechsels einen Umbruch in den muslimischen Gemeinden. Besonders auffällig ist das beim Thema Sprache. Der Dachverband Ditib, bislang sehr für die Pflege des Türkischen, hat seine Politik geändert: Er fordert Imame auf, Deutsch zu lernen, und Gemeinden, eigene Dialogbeauftragte zu benennen.

  Welches Interesse steckt dahinter?

Oechslen: Einerseits ein legitimes politisches Interesse: Wenn Ditib eine Körperschaft öffentlichen Rechts wäre, könnte der Verband staatliche Anerkennung bekommen. Andererseits das Interesse der normalen Gemeindemitglieder, die in Deutschland dazugehören wollen. Die Situation der Muslimen ist ja komplex: Sie wollen ihren Glauben leben, müssen sich aber trotzdem irgendwie zum Christentum verhalten. Viele Muslime stellen sich an Weihnachten einen Christbaum ins Wohnzimmer - weil die Kinder das von den Klassenkameraden kennen. Dem Imam kann das nicht recht sein, aber an dem Punkt trifft die Debatte der Theologen auf die Fragen der Menschen: Was bedeutet Advent für mein Kind? Viele lösen das Problem pragmatisch: Sie gehen in die Moschee und schenken sich trotzdem etwas.

  In München wird ein Zentrum »Islam in Europa - München« (ZIEM) geplant. Wie geht es damit weiter?

Oechslen: Die Landeskirche unterstützt das Projekt. München hat prominente katholische, evangelische und jüdische Bildungseinrichtungen - da fehlt eine muslimische Akademie, um eine Schieflage zu vermeiden. Der Islam ist aus drei Gründen Teil der europäischen Kultur: durch das Erbe der muslimischen Hochkultur im Mittelalter, besonders in Spanien; durch die jahrhundertelange muslimische Prägung ost- und südosteuropäischer Länder wie Russland, Mazedonien, Bosnien und Bulgarien; und wegen der Migranten, die in den letzten Jahrzehnten nach Europa gekommen sind. All das muss in einer Stadt wie München zum Ausdruck kommen und reflektiert werden. (Fragen: Susanne Petersen)

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Rainer Oechslen.Foto: Petersen veranstaltungen zum thema islam in bayern ERLANGEN, Montag, 8. November: Die Podiumsdiskussion mit dem Titel: »Die Burka - Schleier über Europa?« beschäftigt sich mit der Zukunft der Religionsfreiheit in Europa. Auf dem Podium diskutieren: der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, der UN-Sonderberichtserstatter für Religionsfreiheit Heiner Bielefeldt, der Islamexperte Professor Mathias Rohe, die Politikwissenschaftsstudentin Ayse Cindilkaya und Pfarrer Hans-Martin Gloel vom Nürnberger Begegnungszentrum »Brücke-Köprü«. Ort: Saal der Evang. Studentengemeinde, Hindenburgstraße 46, Erlangen, Zeit: 19.30 Uhr. MÜNCHEN, Freitag, 12. November: »Nymphenburger Gespräche« mit dem Titel: »Besser für beide - die Türkei gehört in die EU«. Referent des Abends ist: Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags. Der CDU-Politiker setzt sich für die Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union ein. Ort: Ludwig-Maximilians-Universität, Hörsaal M018, Geschwister Scholl Platz, München, Zeit: 19.30 Uhr, Eintritt: 10 Euro.

MUSLIME IN BAYERN

Treibende Kraft. Wie ist es eigentlich um das Verhältnis von Lutheranern und Muslimen bestellt? Von Susanne Petersen. » lesen!

Botschafter der Religionen. Interview mit Rainer Oechslen, der als Islambeauftragter der Landeskirche den interreligiösen Dialog vorantreibt. » lesen!

 

 

 

 

Mitarbeit: Ulrike Pilz-Dertwinkel