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Sonntagsblatt 46/ vom

Tränengeschichten der Bibel

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


»Tränen lügen nicht«: Der Titel dieses Schlagers ist so kitschig wie wahr. Was sie mit Gott zu tun haben, weiß die Bibel.

Die Reue des Petrus, El Greco, 1590.
Foto: sob
   Die Reue des Petrus, El Greco, 1590.

        

Tränen gehören vor Gott - Psalm 6, 7; 102, 10; Hiob 30, 25; Judit 8, 14

Als Trostbuch wird das Buch der Psalmen oft bezeichnet. Der Grund: Die meisten Psalmen wurden offensichtlich in einer sehr unglücklichen, bedrängten Situation gebetet. Oft fließen auch die Tränen während nächtlicher Grübeleien, die auch heutige Menschen kennen: »Ich bin so müde vom Seufzen; ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und netze mit meinen Tränen mein Lager.« Poetisch heißt es an anderer Stelle: »Ich esse Asche wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen.« Auch Hiob steht zu seinen Tränen, denn er bekennt: »Ich weinte ja über die harte Zeit, und meine Seele grämte sich über das Elend.« Der Prophet Jeremia überträgt das menschliche Bild des Weinens auf die Stadt Jerusalem, »Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen.« Der Prophet ermutigt zu stetem Weinen: »Lass Tag und Nacht Tränen herabfließen wie einen Bach; höre nicht auf damit, und dein Augapfel lasse nicht ab!« ( Psalm 6, 7,  Psalm 102, 10,  Hiob 30, 25,  Judit 8, 14)

Zitat: »Darum wollen wir uns von Herzen vor ihm demütigen und ihm dienen und mit Tränen zum Herrn beten, dass er nach seinem Gefallen Barmherzigkeit an uns erweisen wolle.«

 

Gott kennt die Tränen - Psalm 39, 13; 56, 9; 80, 6; Jesaja 38, 5; Tobias 7, 13

Gott ist bei den Weinenden und Verzweifelten: Das ist der große Trost des Glaubens, den die Bibel vermittelt. »Sammle meine Tränen in deinen Krug«, bittet ein Psalmbeter Gott, »ohne Zweifel, du zählst sie!« Verzweifelte Menschen beten nicht immer leise, sondern rufen ihre Klage laut heraus: »Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen.« Dass er Gebete und Tränen erhört, bezeugt zum Beispiel Jesaja, durch den Gott spricht: »Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen.« Tränen sind ein Zeichen der Traurigkeit, aber haben ihren Sinn. Denn sie kommen letztlich von Gott. Er speise das Volk mit »Tränenbrot«, heißt es, und »tränkt« die Menschen »mit einem großen Krug voll Tränen.« ( Psalm 39, 13,  Jesaja 38, 5,  Tobias 7, 13)

Zitat: »Ich zweifle nicht, dass Gott meine heißen Tränen und Gebete erhört hat.«

 

Prophetentränen - 2. Könige 8, 11f.; Jesaja 25, 8; Jeremia 14, 17; Nehemia 1, 4

Propheten sind Menschen voller Leidenschaft für den Glauben und haben eine besonders enge Beziehung zu Gott. Ausdruck davon sind auch Tränen. Zum Beispiel Nehemia: Als er von der Zerstörung Jerusalems erfuhr, setzte er sich hin und weinte. Oder Elisa - er sah voraus, dass der König von Aram fürchterlich in Israel wüten wird. Jeremias »Augen fließen über von Tränen, unaufhörlich, Tag und Nacht«. Und vielleicht konnte Jesaja nur deshalb mit so schönen Worten den zukünftigen Trost Gottes beschreiben, weil er selbst viel geweint hat: »Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.« ( 2. Könige 8, 11,  Jesaja 25, 8,  Jeremia 14, 17,  Nehemia 1, 4)

Zitat: »Als ich aber diese Worte hörte, setzte ich mich nieder und weinte und trug Leid tagelang und fastete und betete vor dem Gott des Himmels.«

 

Auch Jesus weinte - Lukas 19, 41; Johannes 11, 35; Hebräer 5, 7

Jesus war ganz Mensch - also kannte er auch die ganze Bandbreite menschlicher Empfindungen. Eindrücklich beschreibt der Hebräerbrief diese Seite Jesu: »Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte.« Die Evangelisten beschreiben mehrere Szenen, in denen Jesus weinte. Zum Beispiel, als er über das bevorstehende Schicksal Israels weinte. Auch als Jesus am Grab des Lazarus stand, »gingen ihm die Augen über«. Vielleicht, weil die ganze Trauergemeinde weinte - vielleicht aber auch, weil das Volk noch immer kleingläubig war. ( Lukas 19, 41,  Johannes 11, 35,  Hebräer 5, 7)

Zitat: »Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie.«

 

Die Tränen der Sünderin - Lukas 7, 36-50

Die Spannung, die bei diesem Essen im Raum herrschte, ist noch 2000 Jahre danach zu spüren: Jesus ist bei einem Pharisäer namens Simon zu Gast. Eine stadtbekannte Sünderin kommt herein. Sie kniet sich vor Jesus und beginnt zu weinen; die Tränen, die auf seine Füße tropfen, trocknet sie mit ihren langen Haaren ab. Dann küsst sie seine Füße und salbt sie mit Öl. Simon ist empört - Jesus aber vergibt der Frau: »Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt.« ( Lukas 7, 36-50)

Zitat: Sie »weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen«.

 

Petrus und Paulus - Matthäus 26, 75; Apostelgeschichte 20, 31; 2. Korinther 2, 4

Über sein eigenes Unvermögen musste Petrus, der Jünger Jesu, »bitterlich« weinen: Obwohl er sich Jesus so nahe und verbunden fühlte und ihm versprochen hatte, ihn nie zu verlassen, verleugnete er ihn drei Mal. Auch der Apostel Paulus war »nah am Wasser gebaut«. Einen Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb er eigenem Bekunde nach »unter vielen Tränen« (Exegeten nennen diesen Brief deshalb »Tränenbrief«). Die Ältesten der Gemeinde von Ephesus ermahnte er mit Tränen in den Augen. Dass sich in der Gemeinde von Philippi viele so verhalten, dass sie »Feinde Christi« sind, verleitet ihn ebenfalls zu Tränen. ( Matthäus 26, 75,  Apostelgeschichte 20, 31,  2. Korinther 2, 4)

Zitat: »Ich schrieb euch aus großer Trübsal und Angst des Herzens unter vielen Tränen.«

 

Am Ende werden die Tränen getrocknet - Psalm 126, 5; Offenbarung 2, 14

Was für eine Zusage: Das Weinen wird ein Ende habe, wenn das Reich Gottes anbricht! Dann werden die, die mit Tränen gesät haben, mit Freuden ernten. Und Gott wird - dem Seher Johannes zufolge - alle Tränen abwischen. ( Psalm 126, 5,  Offenbarung 2, 14)

Zitat: »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein«

 

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

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  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

WASSER DES LEBENS

  Tränen sind »das Wasser des Lebens«, meinte die Theologin Dorothee Sölle und befindet sich damit auf gut biblischem Boden. Denn die Bibel kennt den Sinn der Tränen: Sie sind Ausdruck von Trauer, Freude und Reue, sie intensivieren Gebete und tragen zur Reifung bei. Glaube schützt nicht vor Tränenvergießen, sondern lockt im Gegenteil Tränen hervor - die am Ende der Zeiten jedoch von Gott getrocknet und abgewischt werden.

  Zum Weiterlesen: Regina Bäumer, Michael Plattig (Hg.): Die Gabe der Tränen: Geistliche und psychologische Aspekte des Weinens, Ostfildern 2010.

 

 

 

 

Uwe Birnstein