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Sonntagsblatt 47/ vom

Wachstum heißt Wandel

Das neue Buch »Gott 9.0« handelt von spiritueller Entwicklung

Von Andreas Ebert

Wohin wird uns die Reise durch die stürmisch bewegte See religiöser Sinnsuche führen? Wie können wir morgen glauben und glücklich leben? Das neu erschienene Buch »Gott 9.0« steckt voller Überraschungen für alle, die nach Orientierung und Vergewisserung fragen. Das Buch bietet Stationen und Stufen auf der spirituellen Reise und beschreibt, wohin unsere Gesellschaft wachsen wird.

Wohin wird unsere Gesellschaft spirituell wachsen? Was gibt morgen Orientierung und Vergewisserung? Das Buch »Gott 9.0« möchte durch die bewegte See religiöser Sinnsuche führen.
Foto: tiki
   Wohin wird unsere Gesellschaft spirituell wachsen? Was gibt morgen Orientierung und Vergewisserung? Das Buch »Gott 9.0« möchte durch die bewegte See religiöser Sinnsuche führen.

        

Leben heißt wachsen und reifen. Die Pädagogik hat das längst erkannt und immer wieder Modelle entwickelt, in welcher Altersstufe welche Lern- und Reifungsprozesse »dran« sind.

Dass es auch in der Glaubensentwicklung unterscheidbare Phasen gibt, wird schon in der Bibel angedeutet. Paulus sagt: »Als ich ein Kind war, dachte, redete und urteilte ich wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, ließ ich das Kindliche hinter mir.« Oder er beklagt sich darüber, dass seine Gemeinde immer nur »Milch« will und keine »feste Speise«, dass sie also gleichsam auf einer frühkindlichen Glaubensstufe verweilt und sich weigert, spirituell weiterzuwachsen.

Auch Jesus hat eine atemberaubende Vision, wohin sich eine gereifte Spiritualität entwickeln wird: Als ihn die Samaritanerin am Jakobsbrunnen von Sychar fragt, wo man denn Gott »richtig« anbete, im Tempel von Jerusalem (wie die Juden) oder auf den Bergen Samariens (wie die Samaritaner), antwortet er: »Es kommt die Zeit - und sie ist schon angebrochen! -, da werdet ihr Gott weder im Tempel noch auf den Bergen anbeten, sondern im Geist und in der Wahrheit!« Jesus verheißt eine Form der Anbetung Gottes ohne verbindliche Kultorte, die sich im Inneren des Menschen, in seinem Geist und Bewusstsein ereignet! Das ist nicht weniger als das Ende klassischer religiöser Institutionen und Rituale.

Ähnlich haben es immer wieder die Mystikerinnen und Mystiker formuliert. So schildert die spanische Mystikerin Teresa von Avila in ihrem Buch »Die innere Burg« den Glaubensweg des Menschen als Durchschreiten von sieben sehr präzise dargestellten »Wohnungen«, denen sieben Stationen geistlichen Wachstums entsprechen. Teresas Schüler Johannes vom Kreuz betont bei seiner Schilderung des Glaubenswegs jene Phasen, in denen Gott dem Gefühl und dem Bewusstsein abhandenkommt, Zeiten der Gottesfinsternis (Nacht der Seele, Nacht des Geistes), die sich wie der Verlust des Glaubens anfühlen. In Wirklichkeit handelt es sich um notwendige Ablösungs- und Durchgangsphasen zu einem vertieften Gottesbewusstsein. Lassen sich solche Wachstumsphasen tatsächlich exakt beschreiben?

»Anbeten in Geist und Wahrheit«: Christus und die Samariterin, Odilon Redon, um 1895.
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   »Anbeten in Geist und Wahrheit«: Christus und die Samariterin, Odilon Redon, um 1895.

Schon in den 50er-Jahren hat der amerikanische Psychologe Clare Graves Studenten in aller Welt befragt und dabei entdeckt, dass sich ihre Wertesysteme unabhängig vom kulturellen Hintergrund in typische Gruppen ordnen lassen, die aufeinander aufbauen. Er sprach in diesem Zusammenhang von »Levels«, was sich - etwas ungenau - mit Stufen übersetzen lässt. Er fand dabei heraus, dass sich auch die religiösen Vorstellungen mit jeder Bewusstseinsebene wandeln und dass dieser Wandel einem vorhersagbaren Schema folgt. Diese Ebenen oder Stufen bauen ähnlich aufeinander auf wie die »Updates« von Computerprogrammen. Die »verbesserte« Version enthält alles, was die vorherige Version auch zu leisten vermochte, führt das Programm aber einen Schritt weiter. Das »Update« kann frühere Versionen noch immer einlesen. Umgekehrt aber kann es geschehen, dass ein veraltetes Programm neue Texte und Eingaben nicht darstellen kann.

50 Jahre nach den Entdeckungen von Graves haben die Theologen Marion und Werner Küstenmacher und der Münchner Pfarrer Tilmann Haberer erstmals versucht, dieses Ebenenmodell auf Gesellschaft, Gottesbilder, Bibel, Kirche und geistliche Entwicklung anzuwenden. Um es vorwegzunehmen: Das Ergebnis ist »Gott 9.0«, ein so spannendes Buch, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr gelesen habe.

Ein spirituelles Update für Sinnsuchende und Zweifelnde

Die Autoren bauen auf einem Schema auf, das Don Beck und Christopher Cowan, Schüler von Clare Graves, entwickelt haben. Sie haben den von Graves beschriebenen Bewusstseinsstufen Farben zugeordnet. Die neun Entwicklungsebenen gelten für Gruppen und Gesellschaften ebenso wie für einzelne Menschen.

Religiöse Stufenmodelle tragen die Gefahr in sich, dass sie zum geistlichen Hochmut derer führen können, die sich »weiter oben« wähnen.
Foto: wodicka
   Religiöse Stufenmodelle tragen die Gefahr in sich, dass sie zum geistlichen Hochmut derer führen können, die sich »weiter oben« wähnen.

        

Menschen, deren Bewusstsein schon einen Schritt weiter ist als das der herrschenden Gesellschaft, werden oft nicht verstanden und verfolgt. Dennoch sind sie es, die die Entwicklung vorantreiben. Martin Luthers reformatorische Einsicht beispielsweise markiert den Bewusstseinssprung von einem geschlossenen hierarchischen religiösen System, das das Heil vermittelt (»blaue Stufe«, Gott 4.0), zu einem persönlich verantworteten Gewissensglauben des Einzelnen, der unmittelbar vor Gott steht (»orange Stufe«, Gott 5.0). Jede neue Stufe markiert ferner eine Art Pendelschlag: Stufen der Gemeinschaft (das katholische Mittelalter, blau) und Stufen, bei denen der Einzelne im Mittelpunkt steht (wie Luther, gelb), wechseln sich ab. Der kollektivistischen katholischen Kirche des Mittelalters folgt der »individualistische« Protestantismus, der insofern tatsächlich einen »Fortschritt« darstellt.

Es bauen also neun Entwicklungsebenen, die Individuen und Gesellschaften durchlaufen, aufeinander auf. Wie, das ist im Kasten dargestellt.

Diese Stufen durchläuft kein Mensch und keine Gesellschaft von Anfang bis Ende. Im Gegenteil: In bestimmten Lebensituationen, insbesondere in Krisen, greifen wir auf Stufen (und z.B. Gottesbilder und Gebetsformen) zurück, die »eigentlich« schon überwunden sind. Frühere Stufen werden beim Reifungsprozess nicht einfach aufgehoben; sie müssen integriert werden. Jeder Mensch hat alle früheren Stufen in sich, denn jede Stufe hat ihren eigenen Wert und ihre eigene bleibende Bedeutung. Ein gereifter Mensch erweist sich auch darin, dass er auf frühere Entwicklungsebenen nicht verächtlich herabschaut, sondern sie würdigt. Dazu kommt, dass wir in verschiedenen Lebensbereichen fast immer unterschiedlich weit entwickelt sind. Es gibt zum Beispiel Mönche auf dem Berg Athos, die außergewöhnliche Erleuchtungserlebnisse haben, aber frauen- und körperfeindlich sind und alle Nicht-Orthodoxen verteufeln. Die geistige Entwicklung kann trotz erstaunlicher Gotteserfahrungen stagnieren. Der große mittelalterliche Mystiker Bernhard von Clairvaux war gleichzeitig ein übler Kreuzzugshetzer. Das Buch schildert eine Reihe von solchen »Schieflagen«.

Zu einer »integralen Spiritualität« (Ken Wilber) gehört, dass die moralische, die intellektuelle, die geistliche und die emotionale Linie gleichzeitig wachsen. Andererseits sind auf allen Stufen der Entwicklung tiefe und vollständige religiöse und mystische Erfahrungen möglich. Sie werden sich allerdings in der Sprache und den Bildern der jeweiligen Stufe Ausdruck verschaffen.

Die Thesen von »Gott 9.0« stießen allerdings schon vor der Veröffentlichung auf Widerspruch. Aber bevor solche kritischen Anfragen Gehör finden - und das sollen sie -, muss man zunächst die Grundgedanken dieses Ansatzes zur Kenntnis nehmen. Auf Dauer wird man sich einer qualifizierten (und nicht nur emotionalen und abwertenden) Diskussion dieses Ansatzes auch in der Kirche nicht entziehen können. Stufenmodelle tragen ja tatsächlich die Gefahr in sich, dass sie zum geistlichen Hochmut derer führen können, die sich »weiter oben« oder »besser« wähnen. Das Autorenteam hat alles getan, um dieser Versuchung zu widerstehen. Das Buch ist frei von Überheblichkeit. Offen bleibt freilich die Frage, ob der große Entwicklungsoptimismus dieses Modells (Untertitel: »Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird«) berechtigt ist. Eins spricht dafür: Als Christen glauben wir an einen Gott, der will, dass allen Menschen geholfen wird, und der trotz aller Rückschläge das Heil dieser Welt will und vorantreibt, sodass am Ende »alles gut« wird. Das zumindest erlaubt eine insgesamt hoffnungsfrohe Zukunftsperspektive - trotz allem, was dem zu widersprechen scheint.

Gleichzeitig bietet das Buch all jenen eine Fülle von Denkanstößen und Verstehenshilfen, die sich mit Fragen herumschlagen wie: Was hat der Kriegsgott Jahwe, der befiehlt, die Feinde Israels brutal auszurotten, mit dem Liebesgott zu tun, den Jesus verkündigt? Weshalb sagen mir bestimmte religiöse Praktiken und Vorstellungen nichts mehr, die mich einst erfüllt haben? Bin ich vom Glauben abgefallen, wenn ich bestimmte Vorstellungen nicht mehr nachvollziehen kann, oder hat sich mein Glaube vertieft und erweitert?

Erste Rezensionen im Internetbuchhandel amazon.de sind ermutigend: »Ein Buch, das mein Leben nachhaltig verändern wird! Ich habe es verschlungen, und es hat sich für mich eine neue Welt aufgetan. Es hat eine Mauer bei mir einstürzen lassen, die mir eine neue Sicht auf mich und die Welt gibt, und schier unendliche Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung.« Oder: »Den Autoren gelang es, mich mit ihren Gedanken zu unseren Entwicklungsmöglichkeiten zu fesseln, ohne mich durch christliche Dogmatik zu ärgern... Plötzlich habe ich vieles verstanden. Es steigt ein Bild in mir auf, wie es sein könnte - das hat mir bislang gefehlt. Und wenn Gott so gedacht wird, wie hier beschrieben, ja, dann könnte ich mich auch wieder mit ihm anfreunden.« Oder: »Gott scheint durch das gesamte Buch voller farbenfroher Leuchtkraft hindurch.« Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt: »Wer bislang geglaubt hat, Religion und Spiritualität hätten nur etwas mit Vergangenheit und nichts mit Zukunft zu tun, kann in diesem Buch die Sehrichtung ändern.«

Ein Test gleich zu Beginn des Buchs ermöglicht eine erste Einschätzung, welche der Stufen 2 bis 8 beim Leser und der Leserin besonders stark ausgeprägt sind und wo Schwer- und Schwachpunkte liegen. Ich persönlich hätte diesen Test lieber am Ende der Lektüre gemacht. Die Fragen des Tests fand ich zum Teil etwas verwirrend, da sie manchmal zwei Teile haben, die ich persönlich jeweils unterschiedlich bewerten würde. Das aber tut diesem Buch und seinem enormen Wert keinen Abbruch. Es wartet auf offene Leser und kompetente Kritiker, die sich mit seinen Thesen gründlich und differenziert auseinandersetzen.

Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer, Werner Tiki Küstenmacher: GOTT 9.0 - Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloher Verlagshaus 2010, 319 Seiten, 22,99 Euro.

 

  BUCHTIPP: Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer, Werner Tiki Küstenmacher: GOTT 9.0 - Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloher Verlagshaus 2010, 319 Seiten, 22,99 Euro.