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Sonntagsblatt 01/ vom

Wahn oder Wunder?

Christian Feldmanns neue Biografie entzaubert die »Resl von Konnersreuth«


Die »Resl«: Hysterikerin oder Heilige? Konnersreuth: Zeichen des Himmels für ein gottvergessenes Zeitalter oder eine düstere Frömmigkeit für Wundersüchtige? Pilger verwandeln das Grab der 1962 gestorbenen Therese Neumann auf dem Konnersreuther Dorffriedhof an der bayerisch-tschechischen Grenze bis heute in ein Blumenmeer. Doch seit die »Resl« 1926 zum ersten Mal visionär die Passion Christi miterlebte und aus Wunden blutete, die Theologen und Mediziner als »Stigmata« bezeichnen, scheiden sich an der urwüchsig-temperamentvollen Oberpfälzer Schneiderstochter die Geister.

Von ihrem Bruder Ferdinand aufgenommene Fotos der stigmatisierten Therese Neumann von Konnersreuth gingen durch die Medien. Ferdinand Neumann (1911-1999) war Gründungsmitglied der CSU, enger Vertrauter des legendären »Ochsensepp« Josef Müller, Landtagsabgeordneter und Landrat.
Foto: Bundesarchiv, Bild 102-00241, wikimedia commons / Ferdinand Neumann - Bild urheberrechtlich geschützt / CC-BY-SA
   Von ihrem Bruder Ferdinand aufgenommene Fotos der stigmatisierten Therese Neumann von Konnersreuth gingen durch die Medien. Ferdinand Neumann (1911-1999) war Gründungsmitglied der CSU, enger Vertrauter des legendären »Ochsensepp« Josef Müller, Landtagsabgeordneter und Landrat.

        

Welches Christentum, welche Facette von Katholizismus wurde und wird in Konnersreuth gelebt?«, fragt der Regensburger Theologe und Autor Christian Feldmann in seiner neuen Biografie. Feldmann hat mehr als vierzig in sechzehn Sprachen übersetzte Biografien geschrieben, er hat Dietrich Bonhoeffer, Mutter Teresa und Martin Luther porträtiert, Edith Stein und Elie Wiesel. Seriös, behutsam, um Objektivität bemüht, dabei kritische Fragen nicht ausklammernd, zeigt sich der katholische Theologe auch im Fall der Oberpfälzer Bauernmagd Therese Neumann (1898-1962).

Das böse Wort »Hysterie«

An der Echtheit von deren Wundmalen, so Feldmann, hat kaum ein kritischer Mediziner gezweifelt. Anzeichen für Manipulationen mit fremdem Blut gibt es nicht. Skeptiker verweisen hingegen auf die ärztliche Diagnose, die Therese Neumann bereits als jungem Mädchen gestellt wurde: schwere Hysterie. Man weiß, wie stark eine solche Störung des Nervensystems das seelische Erleben steigern und körperliche Vorgänge beeinflussen kann.

Mit raffiniert in Szene gesetztem frommem Theater oder Lüge habe eine hysterische Persönlichkeitsstruktur überhaupt nichts zu tun, stellt Feldmann klar. Es sei einfach eine Methode der Seele, mit Konflikten und Problemen fertig zu werden - die manchmal mit einer ungewöhnlich intensiven »Autosuggestibilität« einhergehe.

Die Leitungsinstanzen der katholischen Kirche lassen deshalb in solchen Fällen äußerste Vorsicht walten. Mysteriöse Erscheinungen wie Blutungen, Visionen oder Leben ohne Nahrung (die allesamt im Leben der Resl aufgetreten sein sollen) spielen bei Heiligsprechungen ohnehin nur eine untergeordnete Rolle: Von rund 320 anerkannten Stigmatisierten hat die katholische Kirche lediglich etwa 60 zur »Ehre der Altäre« erhoben.

Selbst der glühende Resl-Verehrer und frühere Regensburger Bischof Rudolf Graber, dem die Therese von Konnersreuth angeblich schon früh vorhersagte, er werde einmal Bischof von Regensburg werden, hütete sich, vorschnell einen Seligsprechungsprozess zu beginnen.

Anders sein Nachfolger Gerhard Ludwig Müller: 2005 verkündete dieser in der Konnersreuther Pfarrkirche die Einleitung des diözesanen Seligsprechungsverfahrens - und nahm zur Verblüffung versierter Beobachter gleich das Ergebnis vorweg: Es sei zu billig, das Geheimnis dieses Lebens und Leidens auf »hysterische Seelenzustände« zurückzuführen, »um nur ja das bequeme Vorurteil gegenüber jeder Transzendenz nicht aufgeben und sein materialistisch verengtes Weltbild nicht hinterfragen zu müssen.«

Eigentlich wäre es Sache des dafür in Regensburg eingerichteten kirchlichen Gerichtshofs und der beiden begleitenden wissenschaftlichen Kommissionen (einer historischen und einer theologischen) gewesen, die offenen Fragen in geduldiger Arbeit zu klären.

Feldmann wundert sich: »Weiß der Himmel, warum sich der theologisch angesehene, in kirchenpolitischen Konfliktfällen aber gern einsam und autoritär entscheidende Bischof derart aus dem Fenster gelehnt hat.«

Zu Therese Neumanns Lebzeiten gingen der Regensburger Erzbischof Buchberger und Kardinal Faulhaber aus München auf massive Distanz, weil sich Resls Familie hartnäckig weigerte, dem als Ultimatum geäußerten Wunsch des Vatikans nach einer mehrwöchigen Beobachtung in einer Klinik nachzukommen. »Zu einem Versuchskaninchen gebe ich meine Tochter nicht heraus!«, entrüstete sich Resls Vater, ein knorriger Schneidermeister und treibende Kraft im Dorf beim Widerstand gegen die Nazis.

Eignet sich dieses zweifellos eindrucksvolle Leben als Glaubensmodell für heute?, fragt Feldmann abschließend. »Konnersreuth taugt kaum als Gnadenort für das dritte Jahrtausend«, lautet seine skeptische Antwort. Dafür zeige sich in der Resl-Verehrung zu viel »frommer Schauder und eine sehr randständige, in starkem Maß an abstrusen Phänomenen inte­ressierte Religion«. An der Einordnung der Therese Neumann lasse sich ablesen, so Feldmann, wie Katholiken sich die Zukunft ihrer Kirche vorstellten: »Als Sekte mit eng gefassten Zugangsbedingungen oder als Hoffnungsgestalt mit weit geöffneten Armen.«

 

  Christian Feldmann: Wahn oder Wunder? Die Resl von Konnersreuth - wie sie wirklich war. MZ-Buchverlag Regensburg, 160 Seiten mit Fotos. 13,90 Euro

  Weitere Bilder von Therese Neumann - unter anderem mit blutigen Stigmata - finden Sie im betreffenden  Artikel des Ökumenischen Heiligenlexikons.

 

 

 

 

sob