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Sonntagsblatt 07/ vom

Ägypten in der Bibel

Sonntagsblatt-Serie: Das Beste aus der Bibel


Ägypten: traumhaftes Urlaubsland und Tor zur arabischen Welt oder ein von despotischer Machtgier regiertes Land, das seine Einwohner unterdrückt und ausbeutet? Schon in der Bibel zeigt sich ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Land am Nil.

Sano di Pietro, Die Flucht nach Ägypten (15. Jh.), Rom.
Foto: PD
   Sano di Pietro, Die Flucht nach Ägypten (15. Jh.), Rom.

        

Karriereland Ägypten - 1. Mose 39-42

Der »American Dream« und Ägypten, passt das zusammen? Die Bibel hielt es für möglich. Josef, der von seinen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft wurde, wird vom Pharao als Traumdeuter entdeckt. Er legt dessen Träume aus, sagt sieben reiche und sieben magere Jahre für Ägypten voraus und schlägt vor, die Zeit des Überflusses zu nutzen, um Vorräte anzulegen. Der Pharao erkennt, dass »der Geist Gottes« durch Josef spricht und ernennt ihn zum »Vater des Landes«. So wird Josef vom Sklaven zum reichen Mann. ( 1. Mose 39-42)

Zitat: »Josef wurde hinab nach Ägypten geführt, und Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache, kaufte ihn von den Ismaelitern.«

 

Zuflucht am Nil - 1. Mose 42-47; Matthäus 2, 13-23

Auch als Zufluchtsort in Notzeiten gilt Ägypten in der Bibel. Als die von Josef vorhergesagte Hungersnot ausbricht, sind auch sein Vater Jakob und seine Brüder davon betroffen. Jakob schickt die Söhne nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Dort treffen sie auf ihren Bruder, der sich nicht gleich zu erkennen gibt. Dann aber lässt er »seinen Vater und seine Brüder in Ägyptenland wohnen und er versorgte das ganze Haus seines Vaters mit Brot«. Mehr als tausend Jahre später wird Ägypten auch für einen anderen Josef und seine Familie zum Fluchtort. »Flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen«, sagt Gott im Traum Josef, dem Zimmermann aus Nazareth. Mit seiner Angetrauten und deren Neugeborenem flieht er daraufhin nach Ägypten und kehrt erst nach Israel zurück, als Herodes gestorben ist. ( 1. Mose 42-47,  Matthäus 2, 13-23)

Zitat: »Flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich's dir sage.«

 

Freundschaft und »Weisheit« / König Salomo - 1. Könige 1-11

Der als besonders weise geltende israelitische König Salomo pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Ägypten und nahm sogar die Tochter des Pharao zur Frau. Auch das alttestamentliche Verständnis von Weisheit als ganzheitlicher Versuch des Menschen, die Schöpfung und die Wirklichkeit zu ordnen und zu erklären, um sich in ihr aufgehoben zu wissen, ist von ägyptischen Vorstellungen beeinflusst. Wer die Regeln der Weisheit kannte und beachtete, konnte sich eines zufriedenen Lebens sicher sein. ( 1. Könige 1-11)

Zitat: »…dass die Weisheit Salomos größer war als die Weisheit von allen, die im Osten wohnen, und als die Weisheit der Ägypter.«

 

Ägyptische Sklaventreiber - 2. Mose 1-5

Die Herrscher Ägyptens waren den Israeliten nicht immer wohlgesinnt. Beim Städtebau setzte der Pharao die Israeliten zu schwerer Fronarbeit ein und erlaubte ihnen aus Angst, sie könnten sich auflehnen, keinerlei Freiheiten. Außerdem befahl er, die neugeborenen Söhne der Israeliten zu töten, damit das Volk nicht stärker würde. Zwei mutige ägyptische Hebammen verhinderten das. Despotische Herrscher gab es damals wie heute - nicht nur in Ägypten. ( 2. Mose 1-5)

Zitat: »Man drücke die Leute mit Arbeit, dass sie zu schaffen haben und sich nicht um falsche Reden kümmern.«

 

Plagen für des Pharaos Volk - 2. Mose 2-15

Moses trägt einen ägyptischen Namen. Um ihn vor der Tötung durch den Pharao zu bewahren, setzen ihn seine Eltern in einem Körbchen auf dem Nil aus. Die Tochter des Pharao findet ihn, zieht ihn auf und gibt ihm den Namen. Als er erwachsen ist, muss er mit ansehen, wie ein Ägypter einen Israeliten schlägt, woraufhin Moses den Ägypter umbringt und flieht. Gott beruft ihn jedoch nach einiger Zeit dazu, die Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten zu befreien. »Let my people go!« bittet Mose den Pharao, sein Volk ziehen zu lassen, doch der weigert sich: »Wer ist der Herr, dass ich ihm gehorchen müsse und Israel ziehen lasse?« Da schlägt Gott das ägyptische Volk mit zehn Plagen. Der Pharao lässt die Israeliten nun zunächst gehen, verfolgt sie dann aber doch. Moses führt sein Volk trockenen Fußes durch das Schilfmeer, die Verfolger kommen in den Fluten um. Gott hat sich als stärker erwiesen als der Pharao. ( 2. Mose 2-15)

Zitat: »Des Pharao Wagen und seine Macht warf er ins Meer«

 

Lebensader Nil - Jesaja 19, 5; Jeremia 2, 18; 46,8

Der Nil, dieser riesige, über 6000 Kilometer lange Strom, beeindruckte auch die biblische Welt. Seine Lebenswichtigkeit als Trinkwasserreservoir und für die Fruchtbarmachung des trockenen Landes war auch dem Propheten Jesaja bewusst, der damit drohte: »Das Wasser im Nil wird vertrocknen und der Strom wird versiegen und verschwinden.« Im regelmäßigen Rhythmus stieg der Nil an und bewässerte die Uferregionen. Die Fluten riefen auch Ängste hervor vor den Wassermassen, die manchmal »Städte verderben samt denen, die darin wohnen«. ( Jesaja 19, 5,  Jeremia 2, 18)

Zitat: »Was hilft's dir, dass du nach Ägypten ziehst und willst vom Nil trinken?«

 

BIBLE'S DIGEST

»Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

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  »Das Beste aus der Bibel« - eine Bibelkunde der besonderen Art.

Der Theologe Uwe Birnstein macht sich in der Sonntagsblatt-Serie »Das Beste aus der Bibel« Woche für Woche auf die Suche nach den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten der Bibel. »Das meistgedruckte Buch der Welt verstaubt in den Bücherregalen«, klagt er. Der Grund: Die Heilige Schrift ist kein Roman und eignet sich nicht zur raschen Lektüre. Die Perlen, die sie birgt, müssen erst entdeckt werden. »Das Buch der Bücher birgt Geschichten, die es mit jedem Liebesroman und jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen kann.« Das Beste der Bibel - eine Bibelkunde der besonderen Art.

 

GROSSMACHT AM NIL

  Zu biblischer Zeit war Ägypten eine reiche Großmacht, die unter anderem in den Weisheitssprüchen und der Vorstellung von einem Königtum Gottes auch die alttestamentliche Gedankenwelt beeinflusste. Der Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten gehört zu den wesentlichen Erfahrungen Israels mit seinem Gott. Die Bibel berichtet ausführlich davon, wie aus einer kleinen Gruppe der Nachkommen Jakobs, die wegen einer Hungersnot nach Ägypten kamen, das Volk Israel entstand, das später beim Städtebau vom Pharao zur Sklavenarbeit gezwungen wurde und unter der Führung des Mose aus Ägypten floh. Auch wenn sich das Geschehen historisch kaum genau so zugetragen haben wird, ist das Bekenntnis zur gottverdankten Freiheit bis heute ein wichtiger Aspekt auch des christlichen Glaubens.

  Zum Weiterlesen: Regina Schulz/Matthias Seidel (Hg.): Ägypten. Die Welt der Pharaonen, Potsdam 2010.

 

 

 

Uwe Birnstein