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Sonntagsblatt 09/ vom

Sich selbst eine Freundin sein

Sonntagsblatt-Sprechstunde


»Wenn ich in der Umkleidekabine in den Spiegel sehe, fange ich an mich zu beschimpfen: 'Ich bin so fett. Meine Arme sind hässlich und alles an mir schwabbelt.'«

In einem Gespräch neulich hat mir eine Freundin gesagt: »Du bist für dich selbst die schärfste Kritikerin.« Und sie hat recht. Wenn ich etwas zum Anziehen kaufe und mich selbst in der Umkleidekabine sehe, kann ich nur denken: »Ich bin so fett. Meine Arme sind hässlich und alles an mir schwabbelt.«

Wenn das ein anderer Mensch zu mir sagte, würde ich vermutlich antworten: Halt den Mund! Aber ich sage es ja zu mir selbst... Ich finde mich selber lächerlich und jämmerlich. Ich mache mich fertig mit solchen Verurteilungen. Wie kann man sich denn selbst zum Schweigen bringen in so einer Situation? Ich fürchte, ich habe einfach nicht genug Selbstbewusstsein.

Frau B.

 

Wenn Sie in so einer Situation nicht genug Selbstbewusstsein haben, dann teilen Sie diesen Mangel mit vielen anderen - jedenfalls mit vielen anderen Frauen. Ich kenne kaum eine Frau, der es in einer Umkleidekabine anders geht. Und auch Männer könnten von vergleichbaren Situationen erzählen (wenn sie sich das trauen würden). Und es ist ja nicht nur die Umkleidekabine. Viele Menschen ertragen es nicht, wenn sie selbst Schwächen an sich feststellen, wenn ihnen die Tränen kommen oder sie sich erschöpft fühlen. »Führ dich nicht so auf, das ist ja lächerlich...«. Das ist noch das Sanfteste, was sie dann zu sich selbst sagen.

Ich habe neulich erlebt, wie eine Frau in einem Gespräch plötzlich zu weinen begann und gleichzeitig über sich selbst schimpfte, weil sie sich so jämmerlich vorkam. Daraufhin sagte eine andere Gesprächsteilnehmerin zu ihr: »Wenn ich weinen würde, würdest du zu mir dann auch sagen, dass ich lächerlich bin?« Die Weinende schaute sie mit Tränen in den Augen an und sagte: »Natürlich nicht!«

Würden Sie das, was Sie in der Umkleidekabine zu Ihrem Spiegelbild, also zu sich selbst sagen, eigentlich auch zu Freunden sagen? Würden Sie einer Freundin, die weint, sagen: Hör auf, das ist doch jämmerlich? Vermutlich nicht. Sie mögen Ihre Freunde und Freundinnen, mit all den kleinen Fehlern und Schwächen. Und Ihre Freunde mögen Sie. Denn gerade das ist es, was Sie miteinander verbindet und füreinander liebenswert macht.

Eine Bekannte von mir spielt manchmal, wenn sie sich besonders alleine oder jämmerlich fühlt, eine Art »Spiel«. Sie schaut dann auf der Straße die Menschen, die an ihr vorbeigehen, besonders aufmerksam an und fragt sich, was in denen vorgeht. Ob die auch so eine innere Kritikerin haben? Mit welchen Zweifeln und Ängsten sie wohl kämpfen? Das hilft ihr, sich zu erinnern, dass sie nicht die einzige ist, die sich manchmal jämmerlich und unzulänglich fühlt. Wir alle sind vollkommen unvollkommen, jeder auf seine Weise.

Vielleicht gelingt es Ihnen ja ab und an in Situationen, in denen Sie selbst sich verurteilen, eine Art »innere Freundin« zu aktivieren, die Sie anschaut und Ihnen sagt: »Natürlich bist du nicht lächerlich…«. Nein, natürlich nicht!

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

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Waldemar Pisarski

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Barbara Hauck