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Sonntagsblatt 15/ vom

ZEITZEICHEN


Gehen wir einmal davon aus, dass der Mensch ein Automat sei - im wörtlichen Sinne, entlehnt dem lateinischen »automatus«, was so viel heißt wie »freiwillig, aus eigenem Antrieb handelnd«.

Dieser Mensch also ist ein selbstbestimmtes Wesen, individuell verschieden, aber immer verantwortungsbewusst, wie es das protestantische Menschenbild verlangt. Er ist die Krone der Schöpfung. Aufgrund seiner unnachahmlichen Fähigkeiten - zum Beispiel ist er in der Lage, mit Kernspaltung Wasser zum Kochen zu bringen oder schmieriges Öl so zu verbrennen, dass er schneller von einem Ort zum anderen kommt - kann man ihn getrost als höchstentwickelten Automaten bezeichnen.

Weiteres Merkmal scheint zu sein, dass der Mensch-Automat ständig neue Automaten in die Welt setzen muss. Als würden nicht schon genug Pfand-, Bank-, Getränke- oder Kaugummiautomaten herumstehen.

Oliver Sturm hat der Spezies der »Selbsthandelnden« jetzt eine weitere Art hinzugefügt, den sogenannten Gebetomaten. Mehr als 300 Gebete der fünf Weltreligionen und 65 Sprachen hat der Berliner Künstler einem ausrangierten Passbildautomaten beigebracht. Wer Ohren hat zu hören und ein 50-Cent-Stück in der Tasche, kann sich vorbeten lassen - fünf Minuten, dann will das Gerät ein neues Geldstück.

Hochgerechnet kostet diese Dienstleistung 10 Cent pro Minute oder weniger als 0,2 Cent pro Sekunde. Gebete zum Discountpreis.

Wie man hört, hätten sich bereits Investoren gemeldet, die daran interessiert sind, ihn in Serie zu produzieren, um ihn weltweit in Einkaufszentren, Fußgängerzonen und möglicherweise auch Kirchen aufzustellen. Auch wenn es wohl vor allem ein Kunstprojekt ist, sieht man mal wieder, wie einfach Ablasshandel in Zeiten globalisierter Ökonomie funktioniert.

 

 

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